„Wir müssen reden“ – Aber warum eigentlich?
Wie gelingt es, über heiß debattierte Themen sachlich im Gespräch zu bleiben? Wie lassen sich Meinungen austauschen, ohne missionieren zu wollen? Angetrieben von diesen Gedanken haben Philip Murawski, Viadrina-Absolvent und Betreiber des Frankfurter Kulturcafés KUKURYKU, und Laura Gerards Iglesias vom Institut für Konfliktmanagement (IKM) der Viadrina das Format „Wir müssen reden“ entwickelt. Ihre Bilanz fällt gemischt aus.
Philip Murawski war genervt. Immer wieder hört er in seinem Café Menschen unterschiedlicher Parteien übereinander klagen, spürt, wie Ellenbogen ausgefahren werden, und beobachtet, dass sich Standpunkte verhärten. „Ich dachte mir: Mann, ihr habt so coole Leute in euren Reihen, quatscht doch mal miteinander!“
Die Idee: Gelungene Kommunikation im städtischen Alltag
Dass es funktionieren kann, trotz unterschiedlicher Ansichten in den Dialog zu treten, hatte er 2024 als Teilnehmer am Kommunalen Entwicklungsbeirat erlebt. Initiiert von Gesine Schwans Berlin Governance Platform und moderiert vom IKM gelang hier das Gespräch. Mit dem Wunsch, diese Art der Kommunikation in den städtischen Alltag zu retten, wandte sich Philip Murawski an das IKM und stieß bei Laura Gerards Iglesias auf offene Ohren. „Ich fand das ein vielversprechendes Projekt, um zu schauen, wie sich die Art der Auseinandersetzung fortführen lässt, ohne dass so ein großer Tanker wie die Governance Platform von außen kommen muss“, sagt die Mediatorin und IKM-Doktorandin Laura Gerards Iglesias.
Philip Murawski und Laura Gerards Iglesias im KUKURYKU
Valeria Lazareva
Und so entwickelten sie gemeinsam das Format „Wir müssen reden“, bei dem Akteur*innen aus Politik und Stadt über möglichst kontroverse Themen in den Austausch kommen sollten. Ein erster Termin lief unter der Überschrift „Sicherheit in Frankfurt (Oder) und die echten Anliegen dahinter“; bei der zweiten Ausgabe sprachen Oberbürgermeister Axel Strasser und weitere Gäste über „Die da oben!?“. „Wir wollten Themen mit einer gewissen gesellschaftlichen Brisanz setzen und verschiedene Perspektiven in den Raum holen“, umreißt Laura Gerards Iglesias die Grundzüge des Formats.
Analyse trifft auf Zivilgesellschaft
Das Besondere der Zusammenarbeit: Während Philip Murawski aufgrund seiner Vernetzung in der Stadt ein großes Gespür dafür hat, welche Themen brisant sind und mit seinem Café einen geschützten Raum der Begegnung bietet, bringt Laura Gerards Iglesias den analytischen Hintergrund und die Expertise in Sachen praxisorientierte Konfliktvermittlung mit. „Es gibt das Bild von Universitäten, die von oben auf Gesellschaft gucken, bewerten und diskutieren. Aber hier an der Viadrina lebt man wirklich den engen Kontakt zur Stadt“, hat die IKM-Mitarbeiterin schnell gemerkt, nachdem sie an die Europa-Universität kam. Herausforderungsvoll war dennoch, die Ansprüche der Wissenschaftlerin und die Erwartungen des engagierten Stadtakteurs zusammenzubringen. Es sei „extrem wertvoll“, dass Philip Murawski Lust darauf gehabt habe, seinen Bezug zur Zivilgesellschaft mit dem „komplexen Strauß an analytischem und systemischem Denken“ zusammenzubringen, so Laura Gerards Iglesias.
Das unterschätze Bedürfnis, überzeugen zu wollen
Nach den zwei Ausgaben und einer Abschlussveranstaltung ziehen die beiden eine gemischte Bilanz. Die Dialoge waren gut besucht, es wurde geredet – wenn auch nicht so kontrovers wie erhofft. „Wenn jemand im anonymen Fragebogen angibt, dass er sich getraut hat, etwas zu sagen, was er sonst nicht gesagt hätte, dann freut mich das“, sagt Philip Murawski. Auch wenn keine extremen Meinungen aufeinandergetroffen seien, so habe es doch Horizonte erweitert, wenn etwa eine junge feministische Aktivistin, ein Schwarzer Mediziner und ein CDU-Politiker über ihr Sicherheitsempfinden in Frankfurt (Oder) gesprochen haben.
Gleichzeitig habe er sich geärgert, „dass wir Menschen mit extremen Positionen nicht erreichen konnten“. Während in Frankfurter Social-Media-Gruppen hitzig von den extremen Enden der Meinungsskala her diskutiert wird, trafen sich bei „Wir müssen reden“ gemäßigte Standpunkte. Das mag daran liegen, dass das Kukuryku als Wohnzimmer eines linksprogressiven Publikums wahrgenommen wird, so eine erste Analyse. „Gleichzeitig zeigt es, dass es den üblichen Verdächtigen um die Öffentlichkeit geht, die wir ja nicht geboten haben. Zu uns kam, wer wirklich ein Bedürfnis hatte, zu sprechen und nicht nur daran, sich zu präsentieren“, erklärt sich Laura Gerards Iglesias die Zusammensetzung der Gäste. Zugleich habe es sie überrascht, dass Menschen zu den Veranstaltungen kamen, die gar kein Interesse daran hatten, ihre Perspektiven zu erweitern. „Das Bedürfnis, die andere Seite überzeugen zu wollen, hatte ich total unterschätzt – vor allem auch aus dem prodemokratischen Lager.“
Das sei für sie durchaus auch eine selbstkritische Reflexionsfrage: „Warum wollen wir denn überhaupt mit Menschen, die anders denken als wir, in den Dialog treten?“ Auch sie und Philip Murawski hätten sich in der Vorbereitung immer wieder dabei erwischt, eine „hidden agenda“ zu verfolgen: Demokratiekritische oder -feindliche Personen davon zu überzeugen, dass die freiheitliche demokratische Grundordnung gut ist. Da müsse es einen nicht wundern, dass die wirklich Andersdenkenden nicht kommen. „Sie wollen eben nicht bekehrt werden“, sagt Laura Gerards Iglesias nachdenklich.
Gemeinsame Schmerzpunkte finden
Neben der Notwendigkeit zur ehrlichen Auseinandersetzung mit der Frage: „Will ich überzeugen oder wirklich verstehen?“, zieht Laura Gerards Iglesias eine zweite Lehre aus dem Format „Wir müssen reden“. Ein Dialog, so ihre Überzeugung, brauche ein klares Ziel, um eine Perspektiverweiterung zu ermöglichen und zu fördern. In einem anderen Projekt des IKM schließen sie und ihre Kolleg*innen aktuell an diesen Gedanken an und identifizieren sogenannte Schmerzpunkte, die bei allen Seiten eine starke emotionale Resonanz hervorrufen, weil sie an Grundbedürfnisse rühren. „Diese Punkte können zu Anknüpfungspunkten für verschiedene Parteien werden und zur Motivation, andere Perspektiven nachvollziehen zu wollen“, erklärt sie. „Für mich ist es das Zuhören und das Ernstnehmen“, antwortet Philip Murawski auf die Frage nach seinem Rezept für ein besseres Miteinander-Reden. „Das bewirkt schon ganz viel, auch wenn man die anderen Personen nicht überzeugen kann, schafft es doch langfristig ein anderes Miteinander“, ist er überzeugt.
Frauke Adesiyan
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