Exkursion ins Jobcenter – Studierende diskutieren über Bürgergeld-Sanktionen
Raus aus dem Hörsaal, rein in die Praxis: Um den Abgleich von juristischer Theorie und beruflichem Alltag bemüht sich Prof. Dr. Claudia Maria Hofmann regelmäßig in ihrer Lehre. Ende Januar 2026 besuchte die Professorin für Europäisches Sozialrecht mit Studierenden das Jobcenter Frankfurt (Oder). Mit den Praktiker*innen vor Ort diskutierten sie kontrovers über das Bürgergeld, die Höhe von Leistungen und mögliche Sanktionen.
Braucht es härtere Sanktionen für Bürgergeld-Empfänger*innen? Was bewirken Strafen? Und ist die Höhe des Bürgergeldes angemessen, um ein menschenwürdiges Leben zu führen? Zu diesen Fragen hatten die Studierenden und die Beschäftigten des Jobcenters teilweise sehr unterschiedliche Einschätzungen. Für den Leiter der Frankfurter Arbeitsagentur, Jochem Freyer, war es ein „ungeschminkter Abgleich von Theorie und Praxis“. Die Studierenden hätten „pointiert, kritisch, nicht routiniert“ gefragt und damit ihn und seine Mitarbeiter*innen herausgefordert.
Auch für die Studierenden war dieser Einblick in die ganz konkrete und lokale Anwendung von Sozialrecht erhellend. „In der Vorlesung sprechen wir zum Beispiel über die Voraussetzungen eines Bürgergeldanspruchs aus dem SGB II, können uns dabei aber teilweise nur schwer vorstellen, welchen erheblichen Hürden die betroffenen Personen gegenüberstehen“, findet Studentin Sophie Franz. Was es bedeute, die erforderlichen Anträge mit allen Unterlagen einzureichen und in welchen herausfordernden Umständen sich diese Menschen befinden, stehe nicht in den Gesetzbüchern. Für sie war das Gespräch im Jobcenter besonders interessant, weil sie sich für ihre Examenshausarbeit intensiv mit den Sanktionen im Bürgergeld beschäftigt hat; sie sehr kritisch sieht und auf die Argumentationen der Beschäftigten dort gespannt war.
Wie die bundesweite Gesetzgebung am Standort Frankfurt (Oder) umgesetzt wird, ist für Student Jannes Boll spannend: „Besonders interessant waren konkrete Herausforderungen der Arbeitsagentur, wie der sehr geringe Betreuungsschlüssel für arbeitslose Menschen und das besonders weit verbreitete Problem der Jugendarbeitslosigkeit. Aber auch die Frage, wie die Mitarbeiter*innen das Gesetz anwenden und wie sie mit ständigen Gesetzesänderungen umgehen.“ Das Verständnis für die Arbeit im Jobcenter hat diese Exkursion sicherlich erhöht, auch wenn einige Meinungsverschiedenheiten – etwa über die von den Studierenden kritisierte Inhumanität und Ineffektivität von Bürgergeld-Sanktionen – nicht ausgeräumt werden konnten.
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Für Claudia Maria Hofmann reiht sich die Exkursion ins Jobcenter in ihre Bemühungen ein, Studierenden neben ihrer wissenschaftlichen Sichtweise auch die Perspektiven von Praktiker*innen nahezubringen. So war schon eine Referatsleiterin vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales in einer Vorlesung zu Besuch und Exkursionen führten zu Verhandlungen im Verwaltungsgericht und in das Sozialgericht Frankfurt (Oder). Mit einem Richter des Sozialgerichts haben die Studierenden in Akten geschaut und eine Gerichtsverhandlung simuliert. „Da wir Fragen der Sozialstaatlichkeit in der Gesellschaft gerade sehr intensiv diskutieren, ist es wichtig, diese unterschiedlichen Sichtweisen auch in Veranstaltungen an der Universität einzubringen. Das macht unsere Vorlesungsthemen noch greifbarer für die Studierenden“, ist Claudia Maria Hofmann überzeugt. Zusätzlich sei es ihr Anliegen, den Studierenden mögliche Berufsfelder, etwa in der Justiz oder in Ministerien, aufzuzeigen und einen realistischen Einblick in den dortigen Arbeitsalltag zu ermöglichen.
Dass diese Anbindung der juristischen Lehre an die Praxis nicht nur bei den Studierenden gut ankommt, zeigt ein Post, den Arbeitsagentur-Leiter Jochem Freyer im Anschluss an den Besuch bei ihm über LinkedIn veröffentlicht hat. Darin schreibt er: „Großartig, dass eine Hochschule auch solchen Praxisbezug sucht. Gerade jetzt, wo unsere Gesellschaft so stark im Umbruch ist: Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Lehre brauchen mehrere solcher Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.“
Frauke Adesiyan
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