Wie Influencer und KI Demokratien gefährden - Václav Štětka zum Professor für Digital Political Communication ernannt
Prof. Dr. Václav Štětka wurde am 10. Februar 2026 zum Professor für Digital Political Communication an der European New School of Digital Studies (ENS) der Viadrina ernannt. Der Kommunikationswissenschaftler und Soziologe erforscht den Zusammenhang zwischen einer sich wandelnden Medienlandschaft und dem Aufstieg von Illiberalismus und Populismus vor allem in Ostmitteleuropa. Im Interview spricht er auch darüber, was westliche Demokratien aus den Erfahrungen etwa in Ungarn lernen sollten.
Prof. Štětka, was verbindet Sie mit der Viadrina; warum haben Sie sich für die Professur an der ENS entschieden?
Was mich angezogen hat, sind mehrere Faktoren: Die Viadrina ist eine junge und sehr ehrgeizige Einrichtung, zu der ich viel beitragen kann. Ich möchte die Entwicklung der Viadrina mit vorantreiben und gestalten. Die Viadrina und die ENS sind Einrichtungen mit einer interessanten Vision, Brücken zwischen dem Osten und dem Westen zu bauen. Ich habe das Gefühl, dass ich angesichts meines eigenen Hintergrunds, meiner intellektuellen und wissenschaftlichen Geschichte und meiner Forschungsinteressen ein Teil davon sein kann. Den größten Teil meines akademischen Lebens habe ich mich mit Mittel- und Osteuropa befasst. Ich habe das Gefühl, dass diese Stelle wirklich etwas ist, das mit meiner eigenen Vision und meinem Forschungsprogramm zusammenhängt und ein Ort ist, an dem ich diese Ambitionen verwirklichen kann.
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Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit digitaler politischer Kommunikation. Was genau interessiert Sie daran?
In meiner Forschung untersuche ich die Beziehung zwischen der sich verändernden Medienlandschaft und dem Aufstieg von Populismus und Illiberalismus sowie der demokratischen Erosion. Dabei konzentriere ich mich speziell auf die Region Mittel- und Osteuropa, in der es mindestens im vergangenen Jahrzehnt viele demokratische Rückschritte gegeben hat. Medien- und Kommunikationstechnologien haben in diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt, sowohl als Ermöglicher dieser illiberalen Tendenzen, als auch als Kanäle des Widerstands gegen sie. An der Viadrina möchte ich diese Forschung weiter ausbauen und mich dabei besonders auf digitale Plattformen und das alternative Online-Ökosystem konzentrieren, das diese illiberalen Tendenzen in Mittel- und Osteuropa, aber auch darüber hinaus, ermöglicht und unterstützt hat.
Worauf genau schauen Sie bei diesen Online-Medien?
Ich spreche vor allem über den Aufstieg und die Auswirkungen verschiedener Arten von Online-Influencern, digitale Prominente, YouTuber oder Streamer, von denen viele aktiv rechtsextreme oder illiberale Ideen fördern. Viele dieser Personen sind keine traditionellen politischen Akteure, aber sie sind zunehmend in breitere illiberale Netzwerke und Narrative eingebunden, die wir in ganz Europa beobachten.
Es interessiert mich auch, wie neue Technologien, insbesondere KI, in dieses Ökosystem einfließen. Wir haben in den vergangenen Wahlkämpfen bereits Wellen von KI-gesteuerten Fehlinformationen und Manipulationen erlebt, und ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass sich diese Dynamik in naher Zukunft verstärken wird. Zu verstehen, wie sich Plattformen, Influencer-Kulturen und KI überschneiden, ist daher entscheidend für das Verständnis der heutigen illiberalen Politik.
Wird dieser Bedrohung der demokratischen Strukturen durch mediale Entwicklungen Ihrer Meinung nach genug Aufmerksamkeit geschenkt?
Es mag ein gewisses Bewusstsein dafür geben, aber es gibt nur sehr wenige Ideen, was man dagegen tun kann; wie man diese sehr bösartigen oder gefährlichen Arten der Nutzung von KI im politischen Prozess oder im politischen System tatsächlich verhindern kann. Wir versuchen immer noch zu lernen, wie man den gesamten Bereich der KI-Technologien am besten reguliert und wie man sicherstellt, dass er der Demokratie dient und sie nicht bedroht.
Kann der sogenannte Westen etwas von den Erfahrungen Mittel- und Osteuropas lernen?
Es ist ein bisschen paradox. Jahrzehntelang hat man den Menschen in Mittel- und Osteuropa gesagt, sie sollen von den westlichen Demokratien lernen. Jetzt befinden wir uns in einer Zeit, in der die etablierten westlichen Demokratien tatsächlich beginnen, Entwicklungen durchzumachen, die in Mittel- und Osteuropa schon seit längerer Zeit in Form von demokratischem Niedergang oder Erosion und Rückschritt zu beobachten sind. Ich denke, eine der Lehren, die wir daraus ziehen können, ist, wie schnell Demokratien zerbröckeln können. Und wenn der Niedergang erst einmal einen bestimmten Punkt erreicht hat, ist es sehr schwierig, den Prozess umzukehren. Wir sehen das zum Beispiel in Ungarn, das heute keine Demokratie mehr ist, sondern eher ein Hybridregime. Die demokratischen Institutionen sind so sehr geschwächt und ausgehöhlt worden, dass es schwer ist daran zu glauben, dass sie wiederhergestellt werden können. Wir müssen lernen, dass demokratische Institutionen nicht als selbstverständlich angesehen werden können; sie müssen aktiv geschützt und unterstützt werden, auch wenn sie oberflächlich betrachtet gesund zu sein scheinen.
Was bedeutet das für die politische Kommunikation?
Die öffentlich-rechtlichen Medien sind die ersten, die von illiberalen Regierungen oder Akteuren, die in diesen Ländern die Macht übernehmen, ins Visier genommen werden. Und wenn der unabhängige öffentlich-rechtliche Rundfunk erst einmal weg ist, ist es für diese Akteure leichter, auch andere Teile des Mediensystems zu übernehmen. Eine weitere Lehre aus Mittel- und Osteuropa ist also, die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien zu schützen.
Zur Person
Prof. Dr. Václav Štětka studierte Journalismus und Massenkommunikation (BA) sowie Geschichte und Soziologie (MA) an der Masaryk-Universität in Brno, Tschechische Republik, und schloss dort auch seine Promotion in Soziologie ab (2005). Als Forschungsstipendiat an der Universität Oxford arbeitete er an dem Projekt „Media and Democracy in Central and Eastern Europe“ und war anschließend am Institut für Kommunikation und Journalismus der Karlsuniversität in Prag tätig. Seit 2016 war er am Department of Communication and Media der Universität Loughborough in Großbritannien tätig, wo er 2025 zum Professor für Medien und politische Kommunikation ernannt wurde. Zu seinen Forschungsprojekten gehörten zuletzt vergleichende Analysen der Exposition gegenüber Fehlinformation und Desinformation, populistische Kommunikation während der Pandemie und die Beziehung zwischen Medien und der „illiberalen Wende“ in Osteuropa. Sein jüngstes Buch mit dem Titel „The Illiberal Public Sphere: Media in Polarized Societies" (gemeinsam mit Sabina Mihelj verfasst) wurde mit dem 2025 Best Book Award der American Political Studies Association (Sektion Information Technology and Politics) ausgezeichnet.
Frauke Adesiyan
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