Begeisterung für die Kraft des Tanzes – Annika Kühn erhält Forschungspreis für ihre Masterarbeit
Für ihre Masterarbeit über „Tanz als politische Praxis“ hat Annika Kühn den Forschungspreis 2025 der Gesellschaft für Tanzforschung erhalten. Mit der von Prof. Dr. Stephan Lanz betreuten Arbeit hatte sie 2025 den Masterstudiengang Soziokulturelle Studien abgeschlossen. Die Jury lobte, dass Kühns Erkenntnisse einen wertvollen Beitrag zu Fragen rund um Körper, Widerstand, Empowerment und Gemeinschaft aus postmigrantischen und feministischen Perspektiven leisten. Annika Kühn habe mit viel Eigeninitiative und kritischem Reflexionsvermögen eine Arbeit von hoher aktueller Relevanz für die Tanzforschung vorgelegt.
Frau Kühn, was fasziniert Sie so sehr am Tanz, dass Sie über diese Kunstform Ihre Abschlussarbeit an der Viadrina geschrieben haben?
Bereits als kleines Kind habe ich angefangen zu tanzen: Ballett, Kindertanz und später Jazz- und Modern Dance in einer Wettkampfgruppe. 2019 entdeckte ich Zeitgenössischen Tanz für mich und mir wurde klar, was für eine (Lebens-)Kraft, Freude und Motivation mir das Tanzen bringt. Kurz darauf begann ich eine Weiterbildung zur Tanztherapeutin. Das Tanzen eröffnet mir immer wieder neue und auch innere Welten, die mich begeistern und emotional tief berühren. Gerade im Kontext von Menschenwürde und Freiheit spielt Tanz aus soziokulturellen Perspektiven und historisch betrachtet eine große immanente Rolle im Menschsein. Ich bin sehr dankbar dafür, dass mir als Kind diese Räume der Selbsterfahrung ermöglicht wurden. Diese Begeisterung für Tanz und seine Kraft möchte ich unbedingt teilen, daher entschied ich mich, meine Masterarbeit dem Tanzen zu widmen.
Annika Kühn (rechts) gemeinsam mit der Co-Preisträgerin Valeria Chávez Chong und den Laudatorinnen Marianne Bäcker und Dr. Claudia Fleischle-Braun bei der Preisverleihung im September 2025 in Wien.
Eike Wittrock
Kern Ihrer Arbeit sind sechs explorative Interviews. Mit wem haben Sie gesprochen?
Ich habe sechs Personen interviewt, die im Laufe ihres Lebens mit verschiedenen Kulturkreisen und Tanzstilen beziehungsweise Bewegungsformen wie beispielsweise Capoeira in Berührung gekommen sind. Aktuell tanzen sie unterschiedliche Tanzstile von Zeitgenössischem Tanz über Krump, Ausdruckstanz, indischem Katthak hin zu Protestchoreographien und einem selbstgegründeten feministischen Tanzformat. Sie alle experimentieren auf ihre Art gemeinsam mit anderen oder der Umwelt mit Bewegung. Im Zentrum meiner Arbeit stehen die subjektiven Bedeutungen von Tanz und Bewegung für diese Menschen sowie das Politische daran.
Sie beschreiben eine politische, emanzipatorische Kraft und Wirkung von Tanz. Wie genau wirkt die?
Tanz als kulturelle Praxis vermag es, Räume zu eröffnen: sowohl in einzelnen Menschen als auch um sie herum. Das sind Räume des Selbsterlebens, der Selbstreflexion, des individuellen nonverbalen kreativen Ausdrucks, der zum Beispiel in der Tanztherapie als unabdingbar für Heilung gilt. Es sind auch Zwischenräume zwischen Menschen, zwischen Seins-Zuständen und dem Unbekannten. Diese herausgearbeiteten „bewegten Zwischenräume" ermöglichen Formen von Interaktion und Kommunikation, die eine enorme Wirkung für Einzelne als auch für Zuschauende, Gruppen und ganze Gesellschaften im Kontext von Menschenwürde und Freiheit haben. Tanzen verbindet und hilft Menschen dabei, nicht allein mit ihren emotionalen Herausforderungen zu sein; Tanz hilft bei der Verarbeitung und dem wahrhaftigen Selbstausdruck subjektiv gefühlter Realität. Das Verbindende ist der entscheidende Punkt.
Was war die für Sie in Ihrer Forschung für die Masterarbeit die überraschendste Erkenntnis?
Die Weite und Vielseitigkeit des Feldes. Es hängen viele interdisziplinäre Aspekte des Menschseins mit dem Tanzen zusammen, das ist unglaublich und wird mich mein Leben lang mit neuen Entdeckungen und Verbindungen, sowohl theoretisch als auch praktisch, bereichern. Ich bin meines Themas nicht überdrüssig geworden, das war eine sehr wertvolle Erfahrung. Wie wichtig mir das Tanzen ist, ist mir auf Ebenen deutlich geworden, die ich ohne die tollen Interviewpersonen nicht hätte erklären können. Auf theoretischer Ebene war für mich am überraschendsten, wie gut sich tanztherapeutische Literatur mit sozial- und kulturwissenschaftlicher Literatur verbinden lässt und wie gut sie sich füreinander fruchtbar machen lassen. Es ist toll zu sehen, wie sich verschiedene Interessen und Perspektiven miteinander in Beziehung setzen lassen.
Wo sehen Sie Ihre berufliche Zukunft – eher im Tanz oder in der Wissenschaft?
Im Anschluss an den Masterabschluss habe ich eine Weiterbildung zur Systemischen & Psychologischen Coachin gemacht sowie ein Praktikum in einem Klinikum im Bereich Tanztherapie. Da ich mir für mich sehr verschiedene Lebensentwürfe und Tätigkeiten vorstellen kann, ist gerade noch unklar, wohin die Reise als nächstes geht. Durch die Preisverleihung ergab sich für mich die Möglichkeit, einen Vortrag und einen Bewegungsworkshop für Studierende an der Universität Kassel zu halten und anzuleiten. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, Wissenschaft und Praxis in Verbindung miteinander umsetzen zu können.
Frauke Adesiyan
Zurück zum Newsportal
Beitrag teilen: