Miriam Lind und Sarah Speck über Sprachpraktiken und Geschlechterverhältnisse aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
Zwei Professorinnen der Kulturwissenschaftlichen Fakultät stellten am 21. Januar 2026 in einer gemeinsamen Antrittsvorlesung ihre Forschungsgebiete vor. Miriam Lind, Professorin für Sprachpraktiken in Medienkulturen, referierte zum Thema „Sprache und Menschsein. Kulturlinguistische Perspektiven der Humandifferenzierung“. Prof. Dr. Sarah Speck, Inhaberin der Professur für Vergleichende Kultursoziologie, hielt einen Vortrag über „Dialektik der Emanzipation. Eine kultursoziologische Perspektive“.
Viadrina-Präsident Prof. Dr. Eduard Mühle und Prof. Dr. Timm Beichelt als Dekan der Kulturwissenschaftlichen Fakultät eröffneten die Veranstaltung im voll besetzten Senatssaal. Sie betonten ihre Freude über die Berufung der Professorinnen, die beide eine dezidiert kulturwissenschaftliche Ausrichtung ihrer jeweiligen Disziplin verträten und damit die Fakultät in hervorragender Weise ergänzten.
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Miriam Lind widmete sich in ihrer Antrittsvorlesung der Grundsatzfrage, was Sprache mit Menschsein zu tun hat. Anhand anschaulicher Beispiele beleuchtete sie die Prozesse, mit denen durch das Medium der Sprache Menschen kategorisiert und klassfiziert werden. So würden Menschen durch Eigennamen nach Geschlecht, Ethnie und Alter eingeteilt. Umgekehrt stehe der Entzug des Namens und sein Ersatz durch eine Nummer – wie bei Häftlingen in Konzentrationslagern – für eine Entmenschlichung der Betroffenen. Im zweiten Teil ihres Vortrags erläuterte Lind, wie die Fähigkeit des Sprechens, die lange Zeit als exklusives Merkmal des Menschseins galt, zunehmend entgrenzt wird. Am augenfälligsten sei dies bei KI-basierten Sprachassistenzsystemen, mit denen inzwischen ähnlich kommuniziert werde wie mit Mitmenschen. Daraus entstünden auch emotionale, bisweilen sogar romantische Bindungen an die KI-Systeme. Das von Miriam Lind auf diese Weise skizzierte Forschungsfeld machte deutlich, was eine Linguistik, die sich kulturwissenschaftlich begreift, zur Deutung gegenwärtiger gesellschaftlicher Phänomene beizutragen vermag.
Sarah Speck beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit den Widersprüchlichkeiten und Ungleichzeitigkeiten der Emanzipation. Ihrer zentralen These zufolge geht die zunehmende Gleichberechtigung der Geschlechter mit einer Zementierung tradierter Geschlechterrollen einher. Gleichberechtigung werde überwiegend als „Lohnarbeit für alle“ verstanden, die Sorgearbeit bliebe sozial abgewertet und sei nach wie vor ungleich verteilt. Geschlechterrollentypisches Verhalten von Kindern, so Speck weiter, würden selbst Eltern, die sich als liberal und emanzipiert verstehen, nicht als Ergebnis gesellschaftlicher Verhältnisse deuten, sondern als Ausdruck der Individualität des Kindes. Resümierend plädierte sie für einen gesellschaftstheoretischen Zugang in der Geschlechterforschung, der auch ökonomiekritische Aspekte einschließt. Sarah Speck machte damit auch die Relevanz des interdisziplinären Zugangs, der die Kulturwissenschaftliche Fakultät der Viadrina seit jeher auszeichnet ist, deutlich.
Mit einem Empfang vor dem Senatssaal, zu dem die beiden Professorinnen einluden, klang der Abend aus.
Henrik Bispinck
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