Universitat Rovira i Virgili: "Dieses Auslandsjahr mit Kind in Tarragona war eine der prägendsten Erfahrungen meines Lebens"

Spanien, Tarragona, 

European Studies (MA)

Motivation und Entscheidung

Die Entscheidung für ein Auslandsjahr mit meiner Tochter entstand aus verschiedenen Gründen: Ich wollte meine Auslands-Abenteuerlust, die ich vor der Geburt meiner Tochter viel ausgelebt hatte, nun gemeinsam mit meiner 3,5-jährigen Tochter ausleben; zudem aus dem gewohnten Alltag ausbrechen; mir eine Herausforderung zum Wachsen geben und eine intensive Zeit mit unvergesslichen Momenten mit ihr verbringen, bevor die Schulpflicht anfängt. Gleichzeitig wollte ich meine Sprachkenntnisse erweitern und mich auf eine internationale Karriere vorbereiten. Als Studierende des Master European Studies (MES) an der Viadrina bot sich mir die Möglichkeit, zwei Auslandssemester zu absolvieren – und ich entschied mich bewusst dafür, dieses Abenteuer nicht allein, sondern zusammen mit meiner Tochter zu erleben.

Der Aufenthalt war von September 2024 bis Juni 2025, wobei mein Partner dauerhaft in Deutschland blieb, jedoch konnte er immer wieder vorbeigekommen und wir telefonierten fast täglich, sodass die Bindung zu unserer Tochter weiterhin sehr gut blieb. Jedoch bedurfte es einer sehr aufmerksamen Betreuung ihrerseits mit den ganzen Umbrüchen. Diese Umstände machte das Auslandsjahr zu einer besonderen Herausforderung, aber auch zu einer einzigartigen Möglichkeit für mich und meine Tochter, gemeinsam über uns hinauszuwachsen.

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Vorbereitung: Zwischen Bürokratie und Vorfreude

Die Vorbereitung auf das Auslandsjahr gestaltete sich für mich persönlich als mäßig kompliziert, da ich schon viel Erfahrung gesammelt habe mit längeren Auslandsaufenthalten weltweit. An der Universität in Tarragona war alles darauf vorbereitet, uns Austauschstudenten zu empfangen, jedoch gab es Kommunikationsprobleme bezüglich der Auslandskrankenversicherung. Mal wurde kommuniziert, dass eine extra Versicherung notwendig sei, mal nicht – letztendlich hätte die europäische Versicherungskarte ausgereicht, ich hatte aufgrund der unterschiedlichen Infos aber eine extra abgeschlossen, was nicht wirklich viel brachte vor Ort, eher Verwirrung bei den Ärzten.

Eine besondere Herausforderung stellte zudem die NIE („Ausländernummer") dar, die bei längerem Aufenthalt in Spanien benötigt wird. An diese Nummer heranzukommen erwies sich als schwierig und war mit starken bürokratischen Hürden verbunden – auch mit Kind wurde es nicht einfacher. Die Universität konnte oder wollte hier nicht wirklich weiterhelfen. Mein Rat für künftige Tarragona-Aufenthalte: Entspannt alles handhaben, aber dranbleiben. Fristen und Termine haben dort eine andere Bedeutung als in Deutschland. In Tarragona läuft vieles über das Mündliche – fragen, fragen, fragen, dann funktionieren die Dinge irgendwann.

Die Bewerbung an der Uni verlief auch relativ unkompliziert mit einigen einzureichenden Dokumenten und Lebenslauf. Die Einführungsveranstaltungen für Austauschstudierende waren nützlich zum Kennenlernen und um Einblicke in die Uni zu bekommen. Da ich mit meiner Tochter anreiste und anfangs viel zu organisieren hatte, konnte ich nicht die ganze Zeit bei den Veranstaltungen anwesend sein.

Zur besseren Vorbereitung bin ich im Februar vor dem Auslandsjahr schon einmal mit meiner Tochter nach Tarragona geflogen, um Schulen anzuschauen und die Gegend kennenzulernen. Wir wohnten in einer Ferienwohnung, die wir dann ab September übernahmen – nach langen und harten Verhandlungen um einen bezahlbaren und gerechten Mietpreis, der letztendlich doch recht hoch war.

Unterkunft: Herausforderung Wohnungssuche

Die Unterkunftsfindung erwies sich als schwieriger als erwartet, und darauf wurden wir nicht vorbereitet. Vor Ort wurde mir geraten, einfach in ein „Nebendorf" zu ziehen. Die Mieten sind in Tarragona in den letzten Jahren unglaublich gestiegen, und die gesamte Region hat Probleme mit häufigem Schimmelbefall aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit, weshalb viele Wohnungen in schlechtem Zustand sind. Im Studentenwohnheim darf man außerdem nicht mit Kind wohnen.

Ein besonderes Problem stellte der September dar, unsere Ankunftszeit: Während der Santa Tecla-Feierlichkeiten, auf die sich die gesamte Gegend das ganze Jahr freut, läuft nichts, was Bürokratie und Wohnungssuche betrifft, wirklich gut. Dies setzte mich zusätzlich unter Druck, noch dazu kam die Einschulung meiner Tochter, die ich abbrechen musste, da die Schule überhaupt nicht zu unserem Erziehungsmodell passte und es meiner Tochter dort nicht gut ging. Ab Oktober lassen sich gut Wohnungen finden, jedoch haben dann Universität und Schule für die Kleinen schon angefangen.

Von einer vorzeitigen Wohnungsanmietung würde ich dringend abraten, da Wohnungen manchmal in unglaublich schlechten Zuständen sind und zudem sehr teuer. Es macht Sinn, etwas gespart zu haben, um nicht am Ende in einer überteuerten Bruchbude zu sitzen. Wohnungsknappheit ist definitiv ein Problem dort.

Wir lebten schließlich in der Altstadt, wo es einen wundervollen Wochenmarkt mittwochs und samstags gab, um sich mit lokalen Produkten auszustatten. Hier finden auch die meisten Festlichkeiten statt, und zum Strand ist es nicht weit. Wer es ruhiger und günstiger möchte, dem würde ich raten, in der Gegend vom Strand „Arrabassada“ zu wohnen, direkt beim Strand, aber nicht so zentral. Von der Altstadt und dem Zentrum ist der Campus gut erreichbar.

Studium: Zwischen Katalanisch, Spanisch und Englisch

Ich belegte einen Kurs bei der Archäologie-Fakultät und die restlichen Kurse des Masterstudiengangs der Anthropologie. Bei der Anthropologie wurde ich herzlich empfangen und durfte sogar das ein oder andere Mal meine Tochter in den Unterricht mitnehmen. Schwierig fand ich die Kurse der Anthropologie auf Katalanisch – sie fanden am Abend statt, ich wurde schnell müde aufgrund der fremden Sprache, und der Mix der Sprachen im Unterricht fand ich als herausfordernd, jedoch konnte ich zu Ende des Jahres das Katalanische recht gut verstehen.

An der Universität darf Katalanisch und Spanisch gesprochen werden, je nachdem, was die Dozierenden oder Studierenden bevorzugen, und auch Englisch, sofern die Dozierenden damit einverstanden waren. So war ein Sprachmix die neue Normalität – genauso wie in der Schule meiner Tochter. Es gab eine Anwesenheitspflicht und manchmal auch Online-Unterricht sowie in der Archäologie Ausflüge zu Ausgrabungsstätten.

Das Angebot an Sprachkursen, insbesondere Katalanisch und Spanisch, ist groß, aber nicht bis zum höchsten Level in jeder angebotenen Sprache verfügbar. Die Kurslisten der Partneruniversität waren einsehbar, aber es wurde unterschiedlich kommuniziert, welche Kurse wählbar waren, wodurch ich zwischendurch verwirrt war und mein Learning Agreement anpassen musste. Es gab auch ein Buddy-Programm für Austauschstudierende, wodurch wir sozial recht gut aufgefangen wurden.

Die Kombination eines Masterstudiengangs mit Kind erwies sich jedoch als schwierig: Zwar war eine Betreuung tagsüber durch die Schule gewährleistet, jedoch fanden die Kurse meist abends statt, sodass Flexibilität und starke Anpassungsfähigkeit meinerseits gefordert waren. Im Bachelor sind die meisten Kurse tagsüber.

Kinderbetreuung und Schule: Ein Netzwerk aufbauen

Meine Tochter besuchte schließlich La Salle Tic Tac, eine eher kleine, familiäre Schule, die etwas weiter von unserer Wohnung entfernt, dafür aber nah an der Universität lag. Ein Betreuungsnetz baute ich durch offene Kommunikation und über das Kind auf. Ich hatte das Glück, dass eine Kommilitonin auch einen guten Draht zu Kindern hatte, und ab und zu auf die Kleine aufgepasst hat. Die Menschen vor Ort sind sehr kinder- und familienfreundlich das hat sehr geholfen.

Mein wichtigster Rat für Eltern, die mit Kind reisen möchten: Holt euch Unterstützung für die Anfangszeit und connectet so schnell wie möglich mit anderen Menschen mit und ohne Kindern, um ein stabiles Betreuungsnetz zu haben – sonst könnte es unnötig schwierig werden.

Die Sprachsituation war für meine Tochter anfangs schwierig. Sie hatte einen guten deutschen Wortschatz, konnte sich aber am Anfang nur sehr bruchstückhaft ausdrücken, was für sie frustrierend war. Wir hatten vor dem Auslandsjahr einen Katalanischkurs online gemacht und übten dann vor Ort fleißig Vokabeln und Sätze insbesondere in der Anfangszeit.

Alltag, Kosten und soziale Integration: Das Meer als täglicher Begleiter

Die Lebenshaltungskosten sind mit Kind ähnlich wie in Berlin, und man sollte mit Kind für ein entspanntes Leben mit rund 2.100-2.500€ mtl. rechnen. Konkret verteilten sich unsere Ausgaben wie folgt: 800€ Miete, 500€ Schule, 600€ Essen und Verpflegung, 150€ Freizeitaktivitäten (Schwimmunterricht, Fitnessstudio), 50€ Transport (Bus/Bahn) und 400€ Sonstiges. Mobil waren wir mit einem Fahrrad sowie Bus und Bahn.

Freundschaften schloss ich am einfachsten über die Kinder, da ich als Alleinerziehende vor Ort vieles kombinieren musste, aber auch über die Universität entstanden Kontakte. Wir waren oft und viel an den verschiedenen Stränden in Tarragona, ab und zu auch in Altafulla und Barcelona. Wir probierten verschiedenste Freizeitaktivitäten aus – Schwimmen war das, was wir beide am meisten und gleichzeitig machten: Sie war im Schwimmkurs und ich schwamm neben ihr ein paar Bahnen. Viele Spaziergänge und Wanderungen an den Stränden, auf Felsen von Strand zu Strand und Picknicks am Meer prägten unseren Alltag.

Ein kultureller Unterschied, der mich besonders beeindruckte: Kinder können eigentlich zu fast allem mitgenommen werden, und alle nehmen sich ganz viel Zeit für die Kleinen – einfach so auf der Straße, beim Einkaufen, im Bus. Familie wird dort anders gelebt, in Gemeinschaft, und Kinder werden gesellschaftlich in den Alltag integriert. Das Meer jeden Tag sehen zu können war ein zusätzliches Geschenk.

Herausforderungen und schwierige Momente

Die Gesundheitsversorgung war aufgrund der Schwierigkeit, die NIE zu bekommen, kompliziert. Meine Tochter verstand den Abstand Berlin-Tarragona nicht ganz – dass wir nicht einfach schnell mal hier oder da hinkommen können. Natürlich war es auch schwierig für sie, den Papa nicht immer in den Arm nehmen zu können. Zum Glück gibt es Videotelefonie und keine Zeitverschiebung.

Meine schlechteste Erfahrung war der Schulwechsel meiner Tochter zu Anfang des Aufenthalts und das komplizierte Quälen durch die Behörden, um sie in eine andere Einrichtung zu bekommen. Diese Zeit war besonders stressig, da sich zur organisatorischen Herausforderung auch noch die emotionale Belastung für meine Tochter und mich gesellte.

Persönliche Entwicklung und Lernerfahrungen

Ich war schon öfters für lange Zeit im Ausland und auch in verschiedensten Ländern, doch mit Kind war es noch einmal viel herausfordernder, vor allem weil mein Partner nur ab und zu zu Besuch kam. Es war das schönste und anstrengendste Auslandsabenteuer meines Lebens, und ich bin unglaublich stolz auf mich und meine Tochter, dass wir das gemeistert haben und die wundervollen Menschen die wir kennen lernen durften und die unvergesslichen Momente, die wir durch das Auslandsabenteuer kreiert haben.

Wichtige mentale Einstellungen lernte ich auszubauen: Offenheit, Vertrauen, dass schon alles gut gehen wird, Ruhe, mir Hilfe zu holen und die Wichtigkeit einer engen Begleitung meines Kindes. Zudem habe ich gelernt, mich in schwierigen Situationen anzupassen, nach Hilfe zu fragen und auch Hilfe anzunehmen.

Die beste Erfahrung war zu sehen, wie Familie anders gelebt werden kann – in Gemeinschaft – und wie Kinder in den Alltag integriert werden können, gesellschaftlich. Diese kulturelle Erkenntnis hat meine Sicht auf Familienleben nachhaltig geprägt.

Rückkehr und Nachbetrachtung

Wir haben derzeit nur sporadischen Kontakt zu Menschen aus Tarragona, der Alltag in Deutschland hat uns schnell wieder eingeholt und sind damit verblieben, uns gegenseitig zu besuchen. Schwierig ist, dass meine Tochter das Katalanische schnell vergisst, da hier in Berlin kein Raum zum Üben vorhanden ist.

Für andere Eltern, die ein ähnliches Abenteuer planen, kann ich nur sagen: Es ist machbar, aber fordert alle Beteiligten stark. Die organisatorischen Angelegenheiten sollte nicht unterschätzt werden, besonders die bürokratischen Aspekte. Gleichzeitig ist es eine unvergleichliche Erfahrung für die Persönlichkeitsentwicklung – sowohl für die Eltern als auch für das Kind und ich bereue keine Sekunde diesen wundervollen Schritt gegangen zu sein.

Fazit

Dieses Auslandsjahr mit Kind in Tarragona war eine der prägendsten Erfahrungen meines Lebens. Trotz aller Herausforderungen – von bürokratischen Hürden über Wohnungssuche bis hin zu Sprachbarrieren – überwiegen die positiven Aspekte deutlich. Die Möglichkeit, intensive Zeit mit meiner Tochter zu verbringen, während wir beide eine neue Kultur kennenlernten, die Gastfreundschaft der Menschen in Tarragona und die tägliche Nähe zum Meer haben diese Zeit unvergesslich gemacht.

Für zukünftige Studierende mit Kindern würde ich diesen Schritt definitiv empfehlen, aber mit dem Rat, sich ausreichend Zeit für die Vorbereitung zu nehmen und flexibel zu bleiben. Die Erfahrung, als kleine Familie gemeinsam über sich hinauszuwachsen und zu sehen, wie resilient und anpassungsfähig Kinder sind, ist jeden Aufwand wert.

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