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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Die Zerstörung von Mariupol ist nicht nur ein Akt des Genozids, sondern auch der wütenden kulturellen Aggression“ – Prof. Dr. Paul Zalewski über ukrainische Kulturgüter in Gefahr

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Prof. Dr. Paul Zalewski, Inhaber der Professur für Denkmalkunde

Der russische Krieg gegen die Ukraine bedroht teilweise Jahrhunderte altes Kulturerbe. Denkmäler werden verpackt, Ikonen und alte Handschriften in Bunkern aufbewahrt. Viadrina-Denkmalkundler Prof. Dr. Paul Zalewski spricht im Interview über aktuelle Zerstörungen, unter anderem in Mariupol, und erklärt, was man an dem kriegerischen Umgang mit Kulturgut ablesen kann.

Herr Zalewski, wie gefährdet sind die ukrainischen Kulturgüter?
Die Kulturgüter sind extrem gefährdet, zumal die russischen Flieger in einer weiteren Eskalationsstufe angelangt sind, indem sie zivile Ziele beschießen und zwar mit Waffenarten, die eine flächenhafte Zerstörung verursachen. Der größten Gefährdung sind historische Gebäude ausgeliefert.  Mobile Gegenstände werden derzeit in sicherere Orte verlagert. Beratend stehen den ukrainischen Kolleginnen und Kollegen die nationalen Verbände des ICOM (International Concil of Museums) zur Seite. Mehrere Nichtregierungsorganisationen inner- und außerhalb Europas versuchen Mittel für die Rettungsaktion zu sammeln.

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Die Altstadt von Lwiw ist seit 1998 Weltkulturerbe der UNESCO.    Foto: Jan Mehlich


Noch war wenig über gezielt zerstörte Kulturschätze zu lesen – anders als in anderen Kriegen. Welche Ursachen könnte das haben?
Wir wissen nicht so genau, inwieweit oder wie viele Baudenkmale oder wichtige Artefakte beschädigt worden sind, weil sich die Kriegsberichterstattung verständlicherweise auf Frontaktivitäten und Menschenschicksale konzentriert. Sicherlich sind die im 19. Jahrhundert entstandenen Stadtzentren mit ihren wichtigen Verwaltungsbauten massenhaft betroffen. Vor Kurzem wurde das historische Theatergebäude in Mariupol vollständig zerstört. Es wurde nicht als Monument ins Visier genommen, sondern als Schutzraum für Kinder, was in der Grausamkeit nicht zu überbieten ist. Die komplette Zerstörung des Museums und überhaupt des ganzen Stadtzentrums von Mariupol ist ein Akt nicht nur des Genozids, sondern auch der wütenden kulturellen Aggression.

Was die herausragenden Einzelmonumente, die UNESCO-Stätten angeht, so sind sie bislang noch nicht zu einem erklärten Ziel geworden. In den ersten Tagen des Krieges hatte ich die Vermutung, dass zum Beispiel die orthodoxen Kirchen und die ältesten Denkmalbestände ganz absichtlich ausgespart werden, weil man sie – im Sinne einer kolonial-paternalistischen Aneignung – als Teil der ur-russischen Tradition deutet. Doch mittlerweile – angesichts der Rücksichtslosigkeit und Brutalität des Angriffs – denke ich, dass die skrupellose Vernichtungsmaschinerie die Kulturgüter einfach nicht hoch genug priorisiert.

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Ein Gebäude der Regionalverwaltung in Charkiw nach einem Angriff der russischen Armee am 1. März 2022.      Foto: dsns.gov.ua


Sie halten Kontakt zu Kolleginnen in der Ukraine, was erfahren Sie von ihnen? Welche Maßnahmen zum Schutz von Kulturgütern gibt es dort derzeit?
Unsere Viadrina-Doktorandinnen und -Absolventinnen, die in Lwiw leben, wurden von mir eingeladen nach Deutschland zu kommen. Sie wussten die Geste zu schätzen, wollten aber vorerst nicht kommen – jedenfalls solange Lwiw aus dem Beschuss einigermaßen ausgespart ist. Sie sind jetzt extrem angespannt mit ihren familiären Pflichten und bei der zivilen Vorbereitung auf die Verteidigung der Stadt. Sie sind auch bei der Sicherung von Museen und Kirchenausstattungen aktiv, aber es bleibt ihnen keine Zeit für lange Gespräche darüber.

Historisch gesehen: Welche Rolle können Kulturgüter als Angriffsziele in Kriegen spielen?
Die Zerstörung des kulturell wertvollen Immobilienbestandes ist ein altes, global vorkommendes, meist religiös oder ideologisch motiviertes Phänomen. Im europäischen Kulturkreis wurde diese Strategie mit der Entstehung von Nationalstaaten im 19. Jahrhundert besonders wichtig. Man wollte durch eine gezielte Löschung der gebauten Identitätssymbole die Kampfmoral der feindlichen Seite schwächen. Die beiden Weltkriege sowie der Krieg in Jugoslawien liefern ebenfalls viele Beispiele. Das IS-Regime intensivierte die Wirkung, indem es die Zerstörung von römisch-antiken Stätten in den sozialen Medien verwertete und damit für weitreichende Schreckensbotschaften sorgte. Wie es jüngst Matthias Rogg von der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr anmerkte, sind auch künftig Akte des Terrors und der Zerstörung von symbolischen Kulturstätten zu erwarten. Darauf müssen wir vorbereitet sein.

Geschichtlich ist es interessant, dass nach dem Deutsch-Französischen Krieg ausgerechnet der russische Herrscher, Zar Alexander II., einen wichtigen Prozess ins Rollen brachte. Er initiierte 1874 eine erste internationale Konferenz in Brüssel, die sich mit Regeln einer „zivilisierten“ Kriegsführung befasste. Daraus entwickelte sich die Haager Landkriegskonvention, die den Beschuss von Kulturdenkmalen verbietet. Allerdings hält sich in akuten und chaotischen Kriegsauseinandersetzungen niemand an die Regeln.

Ist es mitunter schwierig auf die Gefährdung von „Dingen“ aufmerksam zu machen in einer Zeit, in der vor allem auch Menschenleben gefährdet sind?
Selbstverständlich haben die Menschen und speziell die verletzlichsten Gruppen die höchste Priorität was Schutz angeht. Der Umgang mit Kulturgut ist aber auch ein wichtiger Indikator der Intentionen, die ein Aggressor verfolgt. Die Bilder von zerbombten Stadtzentren, Theaterbauten und Kirchen stehen stellvertretend für die darunter begrabenen Menschen und für die räuberischen Absichten der Angreifer. Diese Bilder werden hoffentlich lange und deutlich als eine Warnung vor dem revisionistisch-militärischen Komplex fungieren, den man bislang liebend gern ignoriert hat.
(FA)

Der Lehrstuhl für Denkmalkunde lädt am Mittwoch, dem 6. April, ab 16.00 Uhr, zu dem öffentlichen Online-Webinar „Kulturgutschutz bei bewaffneten Konflikten“ ein. Alumni des Masterstudienganges Schutz Europäischer Kulturgüter sprechen dabei über die aktuelle Lage in der Ukraine am Beispiel der Altstadt von Lwiw, die seit 1998 als UNESCO-Weltkulturerbe gilt. Darüber hinaus werden rechtliche Grundlagen, historische Erfahrungen sowie Schicksale von Kulturgütern in anderen bewaffneten Konflikten des 21. Jahrhunderts in der Welt thematisiert. Interessierte sind herzlich eingeladen, an dem Webinar teilzunehmen; Link zur Registrierung.