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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

30 x Viadrina & ich: „Ich versuche ein Brunnen meiner Stadt zu sein“

In der Reihe „30 x Viadrina & ich“  erzählt Juraprofessor Kaspar Frey davon, wie die Europa-Universität und die Wahlheimat Frankfurt (Oder) sein Leben bestimmen, seit er vor 27 Jahren an die Viadrina kam. Anlässlich von 30 Jahren Europa-Universität berichten 30 Menschen – vom Erstsemester bis zur emeritierten Professorin – welche Rolle die Viadrina in ihrem Leben spielt.

Die neue Europa-Universität Viadrina war erst wenige Jahre alt, als der Habilitand Kaspar Frey von der Universität zu Köln zum Bewerbungsvortrag in die Oderstadt kam. Während seine Frau draußen wartete und sich in die Wildnis der Insel Ziegenwerder verliebte, sprach Frey drinnen vom Brückenbauen zwischen Verfassungs- und Zivilrecht. Noch am selben Tag war dem jungen Paar klar: Im Falle einer Zusage würden sie sofort umziehen nach Frankfurt (Oder). Frey hatte sich kurz nach der Wende schon mehrere ostdeutsche Universitätsstädte angeschaut. Aber erst 1995 entdeckten er und seine Frau die Viadrina als „eine Perle in einer Stadt, die damals noch auf eine neue Blütezeit wartete“, wie er heute sagt. 

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Juraprofessor: Prof. Dr. Kaspar Frey, Foto: Peggy Lohse


Vieles veränderte sich mit dieser Entscheidung: Umzug von West nach Ost, aus einer Groß- in eine Kleinstadt, von Köln, wo sich Fremde sofort unterhalten, nach Frankfurt (Oder), wo man zum Kennenlernen „ein paar Jahre Beharrlichkeit“ benötigt. So entschieden die Freys nach zehn Jahren Mitgliedschaft in einem Sportverein: „Wir sagen jetzt selbst, dass wir dazugehören.“ – und hatten Erfolg. Aus dem Ehepaar wurde hier eine Familie, aus einem wissenschaftlichen Assistenten ein Professor, aus dem Denker ein Macher. Denn Frey ließ sich von Aufbruchsstimmung und „Wir-Gefühl“ der jungen Viadrina begeistern und mitreißen: Es gab wöchentlich private Strafrechtler-Treffen in der Lessingstraße; er spielte mit bei universitären Volleyballturnieren und beiden Viadrina-Musicals; die Freys tanzten auf dem Uniball vor und später übernahm er den Vorsitz in zahlreichen Gremien. Tradition geworden ist Freys „Kinderwagen-Vorlesung“, in der er zum Einstieg ins Gesellschaftsrecht erklärt, wie man eine Tochter-GmbH gründet und führt.

 „Ich versuche ein Brunnen meiner Stadt zu sein, wie es ein Spruch auf dem Anger-Brunnen sagt.“ Die „Freude an der Freude anderer“ treibe ihn an und der Wunsch, „ein bisschen am Rad der Welt zu drehen und kleine Spuren zu hinterlassen“.

 Angetrieben von seiner Lust am Sport und an der Gestaltung trat er in mehrere Vereine ein und realisierte zahlreiche Projekte zur Verschönerung und Belebung der Stadt, manchmal auch wider Trägheit und Unverständnis in der Verwaltung. So sorgte er mit Mitstreitenden für Brunnen und Sitzbänke am Anger, den Olympiahain in der Bischofstraße und die Skulptur „Lesende Frankfurterin“ vor der Stadtbibliothek. Auch der überdimensionierte „Sprachen-Stift“ vor dem Uni-Gebäude in der August-Bebel-Straße stammt von Frey. Zusammen mit seiner Frau Gudrun belebt er auch das Sportleben der Oderstadt. „Die Ideen kommen uns meistens im Urlaub bei Spaziergängen am Meer“, sagt der Jura-Professor.

2023 endet Freys Tätigkeit als Professor, der Stadt bleibt die Familie aber treu. In Freys dann 28 Viadrina-Jahren hat sich jedoch viel verändert. Der Trend zur Pendel-Uni von Berlin aus und auch die Folgen der Corona-Pandemie seien nicht zu übersehen. „Durch mangelnde Präsenz von Beschäftigten und Studierenden ist das „Wir-Gefühl“ an der Viadrina abhandengekommen; es fehlen die selbstverständlichen persönlichen Treffen in Kneipen statt im Regionalexpress“, sagt Frey nostalgisch. „Das sollte wieder mehr gepflegt werden.“ Die Möglichkeiten zur sehr persönlichen Betreuung an der Viadrina seien nämlich ein besonders großer Vorteil für alle an der Europa-Uni. Aber es brauche auch wieder mehr außer-akademische Initiativen, die von Mitarbeitenden vor Ort gestaltet würden. „Es muss was los sein!“, so Freys Wunsch an die Viadrina für die kommenden drei Jahrzehnte.

(Text und Foto: Peggy Lohse)

Dieser Text ist der erste Teil der Serie „30 x Viadrina & ich“. In den nächsten Beiträgen erzählen der mexikanische Gaststudent Juan Pablo Martinez Negrete und ENS-Mitarbeiterin Ulrike Waltsgott von ihren Erfahrungen. Die Texte erscheinen jeweils in der Rubrik „30 Jahre Viadrina“ im Viadrina-Logbuch.