Gedenktafel für Ernst Troeltsch – Viadrina-Historiker Prof. Dr. Gangolf Hübinger initiiert Ehrung zum 100. Todestag des Vorreiters der deutschen Demokratie

Er wirkte führend am Aufbau der ersten Demokratie in Deutschland mit und zählte als „Einstein der Kultur“ zu den bedeutendsten Gelehrten zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und revolutionärer Gründungsphase der Weimarer Republik: der protestantische Theologe, Kulturphilosoph und Politiker Ernst Troeltsch (17.2.1865 – 1.2.1923). Auf Initiative von Prof. Dr. Gangolf Hübinger, Senior Fellow der Viadrina, wurde Troeltsch am Freitag, dem 24. Februar, mit einer öffentlichen Gedenktafel an seinem langjährigen Wohnort geehrt.

Herr Hübinger, warum braucht es eine Gedenktafel für Ernst Troeltsch?
Die Frage müsste eher lauten: Warum gab es bisher keine Gedenktafel am Berliner Wohnhaus von Ernst Troeltsch? Immerhin war Troeltsch einer der ersten, der die Bedrohung der jungen Demokratie durch das „deutsche Faszistentum, bei uns Hakenkreuzer genannt“, 1921 erkannt und benannt hat.

Zwischen 1915 und 1923, als Troeltsch in Berlin lebte, hat er als Politiker entscheidend an der Errichtung der ersten deutschen Demokratie mitgewirkt: Für die Wahlen zur Preußischen Nationalversammlung im Januar 1919 agierte er als Berliner Spitzenkandidat der DDP („Liste Troeltsch“) und wurde Abgeordneter der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung.

Es freut mich daher sehr, dass mit Christoph Markschies, Hans Joas, Friedrich Wilhelm Graf und Friedemann Voigt, so wichtige Repräsentanten der Berlin-Brandenburgischen Wissenschaftslandschaft und ausgewiesene Troeltsch-Forscher, zur Einweihung gekommen sind, die im Rahmen des Internationalen Kongresses zu Troeltschs 100stem Todestag an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfand.

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Prof. Dr. Gangolf Hübinger an der Gedenktafel, die er mit initiiert hatte.


Troeltsch war Intellektueller, Publizist und Politiker; die Frage nach Haltung und Wertorientierung in der Wissenschaft ist hochaktuell. Wie ordnen Sie Troeltsch diesbezüglich ein?

Das ist das Spannende an Troeltsch – er war ein „engagierter Beobachter“ der modernen Kultur mit klarem politischem Urteil; ähnlich übrigens wie sein Freund aus Heidelberger Zeiten, Max Weber. Ihre Werke überschneiden und ergänzen sich in Vielem, in der Forschung werden sie regelmäßig verglichen.

Mit seiner politischen Publizistik, darunter den berühmten „Spectator- und Berliner Briefen“ gilt Troeltsch als einer der scharfsichtigsten, christlichen Intellektuellen und zeitdiagnostischen Kommentatoren der revolutionären Gründungsphase der Weimarer Republik. Nach eigenem Bekunden hat Thomas Mann nach Troeltsch-Lektüre seine „unpolitischen“ Vorbehalte gegen die Demokratie aufgegeben.

Ein Beileidstelegramm von Reichspräsident Friedrich Ebert und knapp 140 Nachrufe der europäischen und amerikanischen Presse belegen die enorme Reputation des als „Einstein der Kultur" charakterisierten Gelehrten, der maßgeblich zum Weltruf der Berliner Universität im frühen 20. Jahrhundert beigetragen hat.

Teil Ihrer Arbeit ist die Herausgabe der Schriften von Ernst Troeltsch. Was macht deren Faszination aus?
Mein übergreifendes Interesse als Historiker gilt der klassischen europäischen Moderne (ca. 1880–1930) und hier den Vertretern innovativer und interdisziplinärer Kulturwissenschaften. Zu den wichtigsten Vertretern zählt neben Max Weber oder Georg Simmel aus meiner Sicht auch Ernst Troeltsch. Als Herausgeber der Edition der „Spectator-Briefe und Berliner Briefe“ von Troeltsch fasziniert es mich, mich hineinzuversetzen, wie Troeltsch seine kritischen Kommentare zu Revolution und zum Aufbau der ersten Demokratie in Deutschland an diesem Ort und aus dieser Perspektive verfasst hat.

Was ist die Geschichte dieses Ortes, seines Wohnhauses in Berlin?
Der Reichskanzlerplatz (heute Theodor-Heuss-Platz) in Berlins Nachbarstadt Charlottenburg wurde 1908 fertiggestellt. Noch stand hier kein Haus, aber es gab eine U-Bahn-Station. Das Haus Reichskanzlerplatz 4 wurde um 1910 errichtet. Troeltsch zählte also zu den Erstbewohnern und residierte an einer der besten und teuersten Adressen der Metropolregion Berlin.

Für die Geschichte der deutschen Demokratie ist es besonders reizvoll, die Linien von Troeltsch zu Theodor Heuss, dem ersten deutschen Bundespräsidenten, zu ziehen. Der Journalist und Politiker Theodor Heuss war in jungen Jahren Gast im Hause Troeltsch und blieb ihm als einem seiner intellektuellen Mentoren eng verbunden.

Zugleich ist die Geschichte dieses Ortes ambivalent: Joseph Goebbels zog als Berliner Gauleiter der NSDAP sieben Jahre nach Troeltschs Tod, im Dezember 1931, ins Nachbarhaus, Reichskanzlerplatz 3. Hitler ging hier ein und aus und organisierte die von Gewalt begleiteten Wahlkämpfe des Bürgerkriegsjahres 1932. Nach Hitlers Machtübernahme wurde der Reichskanzlerplatz in Adolf-Hitler-Platz umbenannt, nach 1945 hieß er wieder Reichskanzlerplatz. Und 1963, nach dem Tod von Theodor Heuss, erhielt er seinen heutigen Namen.

Interview: Michaela Grün
Foto: Privat

Jüngste Beiträge zu Ernst Troeltsch und Max Weber von Prof. Dr. Gangolf Hübinger

„Engagierte Beobachter der Moderne. Von Max Weber bis Ralf Dahrendorf“, Göttingen: Wallstein 2016.

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