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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Die WM in Katar als Zeichen für den Bedeutungsverlust Westeuropas – Viadrina-Politikwissenschaftler Prof. Dr. Timm Beichelt im Interview

Zum Verhältnis von Fußball und Macht hat Timm Beichelt schon 2018 ein Buch geschrieben. Anlässlich der umstrittenen Weltmeisterschaft in Katar spricht der Politikwissenschaftler im Logbuch-Interview über den Sinn eines WM-Boykotts, einen teils überfordernden Liberalisierungsschub in Katar und den Eurozentrismus in der Debatte.

Vor vier Jahren, als die Fußballweltmeisterschaft der Männer in Russland ausgetragen wurde, erschien Ihr Buch „Ersatzfeldspieler – Zum Verhältnis von Fußball und Macht“. Damals lautete eine der einleitenden Fragen, warum ist der Fußball eigentlich nicht in der Krise. Ist er es jetzt?
Ja, der Fußball ist in der Krise. Das liegt an Themen, die damals schon auf der Hand lagen: die sehr starke Ausrichtung der Verbände am Kommerz und das Verleugnen von demokratischen und menschenrechtlichen Prinzipien durch die Funktionäre. Das lässt sich gut illustrieren am Vorgehen der Fifa, die der dänischen Nationalmannschaft Trainingstrikot mit der Aufschrift „Menschenrechte für alle“ verboten hat.  Dafür kann man wirklich kein Verständnis mehr haben. In der Krise sind aber auch die kulturellen Rituale, die in Europa mit dem Fußball verknüpft sind. Das Gemeinschaftliche des Fußballs kann in einem WM-Land, in dem es dafür keine Tradition gibt, nicht gelebt werden. Ich sage das neutral, nicht anklagend.

Bisher gab es immer das Argument, dass man den Sport Fußball von den politischen Begleitumständen trennen kann. Gilt das nicht mehr?
Ich vermute, dass diejenigen, für die der Sport immer schon etwas mit „Athletic Beauty“ – so ein Buchtitel des Literaturwissenschaftlers Hans Ulrich Gumbrecht – zu tun gehabt hat, auch kein Problem haben, das zu gucken. Aber die Bedeutung des Fußballs wurde ja stark aufgeblasen, so dass Milieus, die an der Ästhetik des Sports nicht so sehr interessiert sind, auf einmal Bedeutung in den Fußball hineinprojiziert haben. In diesen Gruppen fällt das Urteil jetzt bestenfalls ambivalent aus. Die Milieus, die auch abseits von Weltmeisterschaften auf den Platz gehen, um sich ein Amateurspiel anzugucken, die werden sich die WM anschauen. Und die anderen gehen halt in der Zeit auf den Weihnachtsmarkt. Ist doch schön.

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Macht ein Boykott der Weltmeisterschaft aus Ihrer Sicht Sinn?
Nein und ja. Nein, weil ich nicht bereit bin, mir von autoritären Fußballmachthabern mein Freizeitverhalten diktieren zu lassen. Aber ich muss zugeben: Nach ein paar Tagen WM sehe ich mit einer gewissen Genugtuung, dass das Produkt FIFA wenigstens in Deutschland irreparabel beschädigt erscheint. Wenn sich die Verantwortung für politische Botschaften, die der DFB nun auf einmal entwickelt hat, in die Zeit nach der WM retten ließe, wäre es etwas wert. Denn von Kommerz und Scheinheiligkeit ist ja auch die UEFA betroffen, die z.B. die Champions League veranstaltet.

Berücksichtigt die Debatte genügend den arabischen Raum? Noch schärfer könnte man fragen, ob es nicht auch gewisse Vorurteile sind, die die Abneigung gegen die WM in Katar speisen?
In der Tat finde ich die deutsche Debatte sehr auf uns selbst zentriert. Sie vernachlässigt, dass es kaum ein Land gibt, das so sehr von Globalisierung profitiert wie Deutschland: ökonomisch, sozial und auch kulturell. Kulturell muss sich Deutschland anpassen, wenn eine WM im arabischen Raum ausgetragen wird. Aber: Es gibt durchaus Gegenden in der Welt, die viel stärker als Europa negativ von Globalisierung betroffen sind. Der deutsche Fan sagt: Wenn Fußball ist, will ich draußen sein und dazu ein Bier trinken oder zur Not auch ein paar mehr. Jetzt sehen wir, dass es Regionen gibt, in denen Fußball anders zelebriert wird. Und sei es, dass man ein Fußballspiel im Stadion nicht zu Ende anschaut, wenn die eigene Mannschaft unterlegen ist. Das Bewusstsein, dass die eigene Kultur nicht die maßgebliche ist, könnte in Deutschland weiter verbreitet sein. Da finde ich die WM in Katar sogar eine Bereicherung, denn sie erweitert unser Bewusstsein für andere Verhaltensweisen.

Liegt die Kritik – anders als bei Russland vor vier Jahren –  nicht auch daran, dass man in Katar keine Fußballkultur vermutet?
Ich bedaure, dass wir so wenig über Fußballkultur im arabischen Raum wissen. Aber heißt das, dass es wirklich keine Fußballbegeisterung gibt? Wenn wir nach Nordafrika schauen, scheint das falsch zu sein. Und wissen wir, was im Schulsport in Katar passiert, welche Ligen im Fernsehen laufen? Hat jemand überhaupt mal die Frage gestellt? Das wären interessante Punkte für einen Kulturwissenschaftler an der Viadrina, bevor wir pauschal sagen, es gibt gar keine Kultur – und sei es eine Kultur des Fußballs. Leider fehlen an unserer Fakultät die Voraussetzungen dafür, uns mit der Golfregion ernsthaft zu befassen.

Wir sehen und lesen gerade viel von Katar – allerdings vor allem schlechtes. Geht das Ansinnen des Emirats gerade schief, ein gutes Bild von sich in die Welt zu senden?
Ich glaube nicht, dass es den Herrschern von Katar allein um das positive Bild in der Welt ging oder geht. Mit der WM kann man sich als Dienstleistungsstandort und Finanzzentrum präsentieren, als Ort der preiswerten und zuverlässigen Energie. Die WM zieht Wirtschaftseliten ins Land, die sonst nicht gekommen wären. Das ist Standortförderung. Es hätte optimaler laufen können, aber ich vermute eher nicht, dass die WM aus der Sicht Katars als kompletter Reinfall gesehen wird.

Aber wenn der WM-Botschafter von Katar in die ZDF-Kamera sagt, Homosexualität sei ein „geistiger Schaden“, ist das auch für die Wirtschaftsförderung schwierig.
Diese Art von Zitat zielt nach innen und nicht nach außen. Katar hat ja kurzfristig auch den Alkoholverkauf stark eingeschränkt und nimmt in Kauf, dass ein wichtiger Sponsor der FIFA richtig verärgert wird. Ich meine daraus abzulesen, dass der Liberalisierungsschub der WM-Wochen die katarische Gesellschaft zum Teil überfordert. Sonst würden solche Aussagen, deren problematische Wirkung durchaus bekannt sein dürften, nicht autorisiert werden.

Das Argument, dass man mit internationalen Großereignissen auf eine demokratische Entwicklung hinwirken kann, ist also eine Illusion?
Das Argument, damit demokratische Strukturen zu stärken, ist spätestens seit Olympia 2008 in Beijing und der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland obsolet. Großereignisse in Diktaturen stärken die Diktaturen und schwächen sie nicht.

Wenn die Probleme auf der Hand liegen, warum verändert sich dann nichts an den Strukturen dahinter, beispielsweise bei der FIFA?
Etwas pauschal gesprochen liegt es daran, dass es auf der Welt mehr Nicht-Demokratien gibt als Demokratien. Und selbst in Demokratien ist es nicht immer so, dass politische Machthaber auf Transparenz setzen müssen und Wirtschaftsakteure in die Schranken weisen können. Politische Macht sollte immer kontrolliert werden. Weil das Verständnis dafür bei den Mitgliedern der FIFA nicht sehr weit verbreitet ist, haben Sportfunktionäre, die Transparenzstandards etablieren wollen, keine Chance. Deshalb kann die FIFA weitermachen wie bisher, auch mit dem Risiko, einige Fans oder Verbände zu verprellen. Denn wenn man 100 Millionen Konsumenten in Europa verliert, aber 400 Millionen im Fernen und Mittleren Osten gewinnt, dann ist das positiv für die wirtschaftliche Bilanz.

Demzufolge ist unsere Debatte um die WM in Katar also ein spezifischer westeuropäischer Blick?
Ja, diese Debatte ist nicht global, das ist eine Debatte des Westens. Wenn bestimmte Praktiken nur in Westeuropa problematisch sind, ist das bei wachsender Weltbevölkerung nicht mehr entscheidend. Dieser Gegensatz ist interessant: Zum einen ist der Fußball global geworden, zum anderen endet die globale Vorherrschaft Europas. Die WM in Katar ist auf kultureller Ebene ein Zeichen dafür, dass die globale Bedeutung Westeuropas nicht mehr so stark ist wie früher. Und vor dem Hintergrund dessen, was wir als Kolonialismus diskutieren, bin ich mir gar nicht so sicher, ob das eine schlechte Entwicklung ist.
(FA)