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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Transformation als europäische Erfahrung im Mikrokosmos – Stadt und Viadrina werben in Landesvertretung für Zukunftszentrum in Frankfurt (Oder)

„Was kann Deutschland von der Transformation in Osteuropa lernen – und umgekehrt?“ lautete die Frage einer Podiumsdiskussion mit großer Viadrina-Beteiligung am 19. Januar 2023 in der Landesvertretung Brandenburgs in Berlin. Der Abend fand im Endspurt der Bewerbungsphase um das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation statt. In ihren leidenschaftlichen Plädoyers verwiesen Wissenschaftsministerin Manja Schüle und Oberbürgermeister René Wilke mehrfach auf die Bedeutung der Viadrina für die Bewerbung Frankfurts.

Es war der Abend, an dem sich die Stadt Frankfurt (Oder) – unterstützt von den Ländern Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern – der Hauptstadt-Öffentlichkeit als künftiger Ort des geplanten Zukunftszentrums präsentierte. Wenige Tage bevor sich die derzeit in Ostdeutschland umherreisende Jury vor Ort in Frankfurt (Oder) ein Bild von der Bewerbung machen wird, war das Interesse so groß, dass einige Gäste die Veranstaltung im Livestream in Nebenräumen verfolgen mussten.

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Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle und Frankfurts Oberbürgermeister René Wilke hoben in ihren Plädoyers das Besondere am Standort Frankfurt (Oder) hervor und gingen dabei auch mehrfach auf die Besonderheiten der Viadrina ein. „Frankfurt (Oder) hat die Europa-Universität Viadrina und damit eine Expertin für Mittel- und Osteuropa, die das Zukunftszentrum durch ihre interdisziplinäre Transformationsforschung und beste Netzwerke bereichern kann. Seit mehr als 30 Jahren wird an der Viadrina europäisch gedacht, geforscht und gelehrt“, sagte Schüle. Es gebe keinen besseren Ort als Frankfurt, „um die europäische Dimension der friedlichen Revolution zu erforschen“. Auch in dem persönlichen Motivationsbrief, den René Wilke verlas, ging er auf die besondere Bedeutung der Viadrina für den Standort ein. Die Transformation habe in Frankfurt zahlreiche Wunden und Narben hinterlassen. „Frankfurt hat genug erlebt, um abzugleiten. Aber das ist nicht geschehen“, sagte er. Ein Grund dafür sei die „wunderbare Viadrina – eine der internationalsten Universitäten Deutschlands“. Als Bild für die vom Wandel geprägte Stadt nutzte er das verbuendungshaus fforst. Frankfurt sei eben auch die Stadt, in der „Studierende aus aller Welt ein Haus, das dem Abriss Preis gegeben werden sollte, zur Selbstverwaltung übergeben bekommen, auf dessen Terrasse nun eine rosa Freiheitsstatur mit Regenbogen- und Ukraine-Flagge prangt und auf dem zu lesen ist: Hier fängt Europa an.“

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Dass dieser Gedanke nicht nur das studentische Wohnprojekt, sondern auch darüber hinaus den Alltag an der Viadrina und in Frankfurt (Oder) bestimmt, verdeutlichten die Teilnehmenden der anschließenden Gesprächsrunde. Moderiert von Claus Liesegang, Chefredakteur der Märkischen Oderzeitung, sprachen die Viadrina-Forschenden Prof. Dr. Jan C. Behrends, Prof. Dr. Dagmara Jajeśniak-Quast und Bozhena Kozakevych sowie Studentin Lilly Blaudszun und Viadrina-Preisträger Wolfgang Templin über ihren Blick auf die Transformation.

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Dagmara Jajeśniak-Quast, die das Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien der Viadrina leitet, betonte die besondere Rolle der Doppelstadt Frankfurt (Oder) – Słubice, in der man Transformation „zum Quadrat“ erlebt habe und von deren komplexen Erfahrungen man in Deutschland und Polen lernen könne. Jan C. Behrends betonte, dass der Standort Frankfurt (Oder) dazu beitrage, Transformation nicht allein als innerdeutschen Prozess zu verstehen: „Frankfurt (Oder) lehrt uns, dass wir es mit einer europäischen Erfahrung zu tun haben. Im Mikrokosmos Frankfurt (Oder) und Viadrina wird diese europäische Erfahrung gelebt.“ Bozhena Kozakevych vom Viadrina-Lehrstuhl Entangled History of Ukraine unterstrich, dass es vor allem die Expertise an der Viadrina sei, die einen dringend nötigen Austausch auf Augenhöhe ermögliche. „Es ist der perfekte Ort, an dem wir Osteuropa neu entdecken und differenzierter sehen können. Ein europäisches Zukunftszentrum kann die Möglichkeit bieten, dass nicht nur Osteuropa von Westeuropa lernt sondern auch umgekehrt.“ Ein Gedanke, an den Wolfgang Templin anknüpfte mit seinem Wunsch, dass in dem künftigen Zukunftszentrum Visionäre und Analytiker aus ganz Osteuropa miteinander arbeiten und voneinander lernen. Davon, dass Frankfurt (Oder) dafür der richtige Ort ist, ist auch Jura-Studentin Lilly Blaudszun überzeugt, die vor dreieinhalb Jahren von Mecklenburg-Vorpommern an die Oder zog. Sie sagte: „Aufbruch erlebt man jeden Tag in Frankfurt. Und ich erlebe es jeden Tag als Bereicherung.“

(FA)

Zur Aufzeichnung der Veranstaltung

Der Bund will ein „Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation“ in Ostdeutschland gründen und stellt dafür bis zu 220 Millionen Euro bereit. Eine Kommission unter Vorsitz des früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck hatte das Zentrum im Jahr 2020 anlässlich des 30. Jahrestages der Friedlichen Revolution und Wiedervereinigung vorgeschlagen. Mit der neuen Institution will die Bundesregierung die Erfahrung der Ostdeutschen mit Wandel und Umbrüchen anerkennen und sie in Beziehung zu den Transformationen in anderen Staaten Osteuropas setzen. Die Stadt Frankfurt (Oder) bewirbt sich als Standort mit der Kampagne „Stadt der Brückenbauer:innen“ und mit umfassender Unterstützung der Europa-Universität. Die Entscheidung über den künftigen Standort des Zentrums fällt im Rahmen eines Wettbewerbsverfahrens in den kommenden Wochen.