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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

30 x Viadrina & ich: „Die Viadrina kann stolzer auf sich sein“

In der Reihe „30 x Viadrina & ich“ erzählt Jurastudentin Lilly Blaudszun, über ihren Spagat zwischen großer Politik und Jurastudium und was sie an ihrer Fakultät besonders schätzt. Anlässlich von 30 Jahren Europa-Universität berichten 30 Menschen – vom Erstsemester bis zur emeritierten Professorin – welche Rolle die Viadrina in ihrem Leben spielt. 

Nahe genug am Meer und doch mal raus aus Mecklenburg-Vorpommern. Das waren für Lilly Blaudszun neben einer persönlichen Empfehlung die Hauptargumente dafür, an der Viadrina zu studieren. Als sie sich im Sommer 2019 dafür entscheidet – „per google, ich bin da unemotional“ – tourt sie gerade mit Dietmar Woidkes Wahlkampfteam durch Brandenburg. Die SPD wird gewinnen, so, wie zwei Jahre später auch in Mecklenburg-Vorpommern unter Manuela Schwesig. Beide Male arbeitet Lilly Blaudszun mit Tweets, Posts und Storys am Wahlerfolg mit und wird medial zur Nachwuchshoffnung, zum Gesicht des Wandels, zur Social-Media-Geheimwaffe der deutschen Sozialdemokratie. 2019 stellt die Wochenzeitung „Die Zeit“ die damals 18-Jährige Jurastudentin im ersten Semester als eine von 100 wichtigsten jungen Ostdeutschen vor. Der Tagesspiegel schreibt auf der Titelseite über die junge Frau aus dem mecklenburgischen Ludwigslust, viele weitere Medienanfragen folgen. Im Frankfurter Hörsaal hingegen ist sie eine von vielen und kämpft sich durch die ersten juristischen Fragestellungen. Die Dozentinnen und Dozenten mögen die „politische Lilly Blaudszun“ aus den Medien kennen – anmerken lassen sie es sich nicht. Mit einem ihrer Professoren produziert Lilly als studentische Hilfskraft einen Podcast.

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Hat der Politik den Rücken gekehrt, um sich aufs Studium zu konzentrieren: Lilly Blaudszun.    Foto: Heide Fest


Zweieinhalb Jahre später hat sich vieles geändert. Lilly Blaudszun erscheint zum Fototermin im Gräfin-Dönhoff-Gebäude – und wird erstmal nicht erkannt. Sie hat sich die langen blonden Haare abrasiert – ein äußerliches Zeichen für den unerwarteten Schritt, den sie gegangen ist. Nach dem Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern im Sommer 2021 hat Lilly Blaudszun mit gerade mal 20 Jahren ihren Ausstieg aus der Politik verkündet und ihre Social-Media-Konten mit insgesamt bis zu 100.000 Followern gelöscht. Die offizielle Begründung: Sie will sich auf ihr Jura-Studium konzentrieren. Der Einschnitt war abrupt. „Am 27. September habe ich in Schwerin abends die Wahlparty gefeiert, morgens um fünf sind wir nach Berlin gefahren zur Pressekonferenz. Danach bin ich in den RE1 gestiegen und habe in Frankfurt drei Tage lang geschlafen“, so beschreibt sie den Übergang vom politischen ins studentische Leben.

Auch hier bringt sie sich ein, übernimmt ein Amt im AStA, vertritt die Studierenden im Fakultätsrat, wird Vorsitzende der Juso-Hochschulgruppe. „Ich mag es einfach, mich zu engagieren“, sagt sie. Aber fehlt ihr nicht die „große“ Politik? Ja, sagt sie, zwischendurch habe sie „das Spielfeld“ vermisst, das Gefühl, größere Dinge zu bewegen. Wenn sie aber an ihre eigene berufliche Zukunft denkt, dann sieht sie inzwischen eher juristische als politische Ämter vor sich: „Staatsanwältin würde mich interessieren oder auch Strafverteidigung“. Um nach ihren 100-Stunden-Wochen im Wahlkampf nicht in ein Loch zu fallen, steigt sie außerdem beim Deutschen Roten Kreuz in Frankfurt (Oder) ein. Schon als Kind hat sie die Sanitätsausbildung begonnen – etwas, das sie aus ihrem Elternhaus mit einer Dialyse-Schwester als Mutter und einem Sanitäter als Stiefvater mitbekommen hat.

Die Bauchentscheidung, an die Viadrina zu kommen, bereut sie auch im sechsten Semester nicht, auch wenn das Studium gerade zu Pandemiezeiten nicht einfach ist. Ihr Umfeld hier sei „wahnsinnig inspirierend“: viele gründen, arbeiten in der Hochschulpolitik mit, unternehmen viel gemeinsam.  „Auch die Nähe zu Berlin ist eine große Chance: Hier habe ich meine Ruhe und wenn ich etwas erleben will, fahre ich nach Berlin“, sagt sie.  Zum 30. Geburtstag gibt sie der Europa-Universität mit auf den Weg: „Die Viadrina kann stolzer auf sich sein.“ Gerade an der juristischen Fakultät seien viele engagierte Professorinnen und Professoren mit spannenden Schwerpunkten versammelt. „Diese Entwicklung macht mir Mut und vor allem Lust aufs Studium“, sagt Lilly Blaudszun. Einer der jüngst an die Viadrina gekommenen Professoren sei es auch gewesen, der sie überhaupt erst auf die Idee gebracht habe, Jura zu studieren. „Kilian Wegner kenne ich von Twitter; noch zu Schulzeiten hatte er mir dort mal geschrieben, ob ich nicht Jura studieren will“, erinnert sie sich. Heute verfolgt sie seine Lehrveranstaltungen – als Studentin, die mit 21 Jahren laut Wikipedia schon „ehemalige Politikerin und politische Influencerin“ ist.

(FA)

Dieser Text ist der 13. Teil der Serie „30 x Viadrina & ich“.
Die bereits erschienenen Beiträge können hier nachgelesen werden.
In den nächsten Beiträgen erzählen Viadrina-Alumna Agnieszka Poteralska und die emeritierte Professorin Prof. Dr. Anna Schwarz von ihren Erfahrungen. Die Texte erscheinen jeweils in der Rubrik „30 Jahre Viadrina“ im Viadrina-Logbuch.