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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

30 x Viadrina & ich: „Ich bin gleich im ersten Semester völlig mit der Stadt Frankfurt zusammengewachsen“

Für die Reihe „30 x Viadrina & ich“ berichtet Milena Manns, Dezernentin für Kultur, Bildung, Sport, Bürgerbeteiligung und Europa der Stadt Frankfurt (Oder), wie die Erfahrungen, die sie als Studentin an der Viadrina gemacht hat, ihr Leben prägten und warum sie einmal Hand in Hand mit Prof. Dr. Gesine Schwan den Hörsaal betrat. Anlässlich von 30 Jahren Europa-Universität erzählen 30 Menschen – vom Erstsemester bis zur emeritierten Professorin – welche Rolle die Viadrina in ihrem Leben spielt.

Wenn man Milena Manns zuhört, bekommt man den Eindruck, dass ihr Lebensweg ein Riesenzufall war und doch alles genau so passieren musste. Um ein Haar wäre sie nach dem Abitur in Australien hängengeblieben. Dann aber scheiterte es am Geld. „Studieren in Australien ist unheimlich teuer, der billigste Studiengang kostete 10.000 Australische Dollar pro Trisemester“, erzählt Manns. Also doch ein Studium in Deutschland. An der Viadrina wurden die Kulturwissenschaften im Sommersemester 2003 von Diplom auf Bachelor/Master umgestellt und deshalb auch Studierende mit einem Notendurchschnitt von 2,0+ aufgenommen. „Wir waren sozusagen der Jahrgang der Dummen, da durften alle ran“, kommentiert sie augenzwinkernd.

Frankfurt (Oder) war damals unbekanntes Terrain für sie, war „Henry Maske, die Blumentopf-Mörderin, das war damals aktuell, und Nazis“. Das Ankommen war ein kleiner Kulturschock, die neue Heimatstadt nahm die junge Studentin mit den Dreadlocks nicht gerade mit offenen Armen auf: „Ich bin im Zentrum aus der Straßenbahn ausgestiegen, da, wo jetzt Kaufland ist. Die Tür ging auf und ein Frankfurter begrüßte mich freundlich mit den Worten: Ey, du Punkerfotze, verpiss‘ dich!“ Manns nahm es sportlich, ihr Optimismus blieb unverwüstlich: „Ich dachte: Das wird eine coole Zeit. Hier gibt es noch was zu erleben und zu gestalten.“

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Milena Manns: Alumna und Dezernentin für Kultur, Bildung, Sport, Bürgerbeteiligung und Europa der Stadt Frankfurt (Oder), Foto: Heide Fest


Der Gestaltungswille und das Interesse an Geschichte führten sie in die Seminare von Prof. Dr. Dr. Ulrich Knefelkamp; bereits im ersten Semester unterstützten Studierende die Stadt Frankfurt (Oder) bei der 750-Jahrfeier; später arbeiteten sie an einem Reiseführer zum Jakobsweg. Die Begeisterung darüber ist Milena Manns auch noch 20 Jahre später deutlich anzumerken. Raum fürs Machen und Dinge Ausprobieren gab es in Frankfurt (Oder) und an der Viadrina zur Genüge. „Das Faszinierendste für mich war: man hat immer Rahmenbedingungen und ganz viel Unterstützung und Mitstreiter gefunden, um etwas zu verwirklichen. Es gab im Grunde nichts, was man nicht selbst auf die Beine stellen konnte“, erinnert sich Manns.

Durch ihr ehrenamtliches Engagement, aber auch durch das Studium und ihre Nebenjobs erwarb sie viele Fertigkeiten, die ihr bei ihrem späteren Beruf als Quartiersmanagerin und als Dezernentin halfen und helfen. Ihr Studium ermöglichte es ihr auch eine Mediationsausbildung zu absolvieren – eine für ihr ganzes Leben prägende Entscheidung. „Das war wirklich ein Aha-Erlebnis für mich, mir ist aufgegangen, wie viel an guter Kommunikation hängt“, unterstreicht Manns.  

Es bestärkte sie darin, für den Master im neu gegründeten Studiengang „Interkulturelle Kommunikation“ an der Viadrina zu bleiben. Für das deutsch-polnische Masterstudium musste sie Polnisch lernen – gute Voraussetzungen für die Aufgaben einer Dezernentin in der Doppelstadt.

Von der Quartiersmanagerin zur Dezernentin

Nach dem Studium arbeitete sie dann zunächst fünf Jahre lang als Quartiersmanagerin – ein völlig neuer Arbeitsbereich für die Stadt Frankfurt (Oder), den Milena Manns aufbaute. Dann stand das nächste berufliche Projekt an: die Etablierung eines Sozialmanagements bei der Wohnungswirtschaft. „Da durfte ich wieder was ganz Neues gestalten“, sagt Manns. Dann, wiederum nach fünf Jahren, hatte der Frankfurter Oberbürgermeister René Wilke die Idee, ein neues Dezernat für Kultur, Bildung, Sport, Bürgerbeteiligung und Europa einzurichten. „Hätte ich mir ein Dezernat basteln dürfen, würde es wahrscheinlich so aussehen wie dieses“, sagt Manns enthusiastisch.

Als Dezernentin sei kein Tag wie der andere, so Manns, die Aufgaben vielfältig und herausfordernd. „Es gibt Wochen, in denen ich achtzig Arbeitsstunden zu bewältigen habe. Aber das ist ja selbstgewähltes Leid. Und jetzt lebe ich das mit Haut und Haaren und Mut und Köpfchen und Herz“, sagt Manns. Eine Aufgabe, bei der ihr die im Studium an der Viadrina erworbenen Fähigkeiten gute Dienste erweisen, nicht zuletzt ihre Ausbildung als Mediatorin. „Ich werde oft geholt, wenn die Fachbereiche nicht mehr alleine weiterkommen. Und dann gilt es den Friedensstifter zu spielen, den Dialog zu befördern zwischen Zivilgesellschaft, Verwaltung und Politik. Motivator muss ich auch sein – und ein bisschen Gute-Laune-Verbreiter. Gut, dass ich mich an der Viadrina so wunderbar ausprobieren und mich selbst finden konnte“, betont Manns.

Hand in Hand mit Gesine Schwan in den Hörsaal

Im Rückblick auf ihr Studium und durch ihren beruflichen Alltag sei ihr klargeworden, was für eine europaweite, ja weltweite Relevanz die Viadrina habe. „Man hat schon mitbekommen, dass es viel Austausch und Partnerunis gibt, aber wie weit diese Vernetzung wirklich reicht, das war mir als Studentin noch nicht bewusst“, sagt Manns. „Spreche ich jetzt mit anderen Leuten über die Viadrina, machen sie große Augen und sagen: ,Du hattest ein Seminar bei der Ikone Schröder?´ oder: ,Du kennst Gesine Schwan?´“ Die ehemalige Viadrina-Präsidentin lernte Milena Manns bereits am ersten Tag kennen: „An meinem allerersten Tag an der Viadrina fing mich Gesine Schwan im roten Kostüm in der Mensa ab: ,Sie wollen doch bestimmt auch zur Ersti-Begrüßung? Wo muss ich denn da hin?´ Ich sagte, dass ich mich hier auch nicht auskenne. Da nahm sich mich bei der Hand: ,Wir finden jetzt gemeinsam den Hörsaal!´“

Für ihre Alma Mater wünscht sich Manns, dass ihr die „Experimentierfreude“ auch in den kommenden 30 Jahren erhalten bleibt. „Ich schätze es sehr, dass sich die Universität immer wieder neuen Themen stellt, um sie wissenschaftlich zu beleuchten und daraus etwas für die Gestaltung des Alltages ableitet, beispielsweise mit der European New School of Digital Studies. Ich hoffe, dass die Viadrina da auch weiterhin mutig ist und eine Vorreiterrolle einnimmt.“ Im Hinblick auf den anstehenden Wechsel an der Spitze der Universität würdigte sie den Einsatz von Universitätspräsidentin Prof. Dr.  Julia von Blumenthal für das Zusammenwirken von Stadt und Viadrina: „Ich wünsche mir für die Zukunft eine ebenso charismatische, überzeugende Person an der Spitze. Jemand, der vorlebt, dass die Stadt nicht ohne die Viadrina und die Viadrina nicht ohne die Stadt auskommt, dass es eine synergetische Liebe ist.“

(YM)

Dieser Text ist der sechste Teil der Serie „30 x Viadrina & ich“.
In den nächsten Beiträgen erzählen PD Dr. Estela Schindel, wissenschaftliche Geschäftsführerin des Viadrina Instituts für Europa-Studien (IFES), und Viadrina-Mitarbeiter und Doktorand Oleksii Isakov von ihren Erfahrungen. Die Texte erscheinen jeweils in der Rubrik „30 Jahre Viadrina“ im Viadrina-Logbuch, alle bisher erschienenen Beiträge der Serie können dort nachgelesen werden.