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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

30 x Viadrina & ich – „Ich habe mich sofort zugehörig gefühlt“

In der Reihe „30 x Viadrina & ich“  berichtet Masterstudentin Aleksandra Belozerova – vielen bekannt als Sasha Bels – wie sie sich an der Europa-Universität zum ersten Mal in ihrem Leben ein verlässliches Netzwerk mit engen Freundinnen, guten Bekannten und großem gesellschaftlichen Engagement aufgebaut hat. Anlässlich von 30 Jahren Europa-Universität berichten 30 Menschen – vom Erstsemester bis zur emeritierten Professorin – welche Rolle die Viadrina in ihrem Leben spielt. 

„Die Stadt erinnerte auf den ersten Blick an Hogwarts bei ‚Harry Potter’ – die vielen kleinen Gebäude und die Nähe auf dem Campus“, sagt Aleksandra Belozerova lachend. Vor drei Jahren kam sie nach ihrem Bachelor in Politikwissenschaft von der Uni Bremen zum Masterstudium an die Europa-Universität nach Frankfurt (Oder). Bei einem Info-Tag hatte sie von der Viadrina gehört; in einer Broschüre ihre Vorstellungen von einem weiterführenden Studium wiedergefunden: Schwerpunkt Osteuropa, Politik, Kultur, Gesellschaft und das alles in einer übersichtlichen Kleinstadt. „Als ich nach Frankfurt kam, habe ich sofort den Unterschied zu einer großen Uni-Stadt wie Bremen bemerkt“, erinnert sie sich heute an die ersten Tage an der Viadrina. „Ich habe mich sofort zugehörig gefühlt und sehr leicht Kontakte geknüpft.“

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Masterstudentin European Studies: Aleksandra Belozerova (Sasha Bels), Foto: Peggy Lohse


Nach einem Semester Kultur und Geschichte Ost- und Mitteleuropas wechselte Aleksandra Belozerova zum Masterstudiengang European Studies. Aus dem Wohnheim im Mühlenweg zog sie ins Verbündungshaus fforst. Aus der in Bremen noch zurückgezogen lebenden Studentin wird in Frankfurt (Oder) eine selbstbewusste, gut vernetzte und engagierte Wissenschaftlerin, Künstlerin und Aktivistin. Aleksandra Belozerova arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft am Europa-Studien-Lehrstuhl von Prof. Timm Beichelt und ist Teil des Studierendenparlamentes. Unter ihrem Künstlernamen Sasha Bels malt, fotografiert und führt sie einen gesellschaftskritischen Instagram-Account, auf dem sie sich vor allem mit feministischen Fragen in Deutschland und Russland auseinandersetzt.

Aleksandra Belozerova kommt aus Kasan, der Hauptstadt der russländischen Republik Tatarstan, die besonders durch die sowjetische Geschichte und muslimische Traditionen geprägt ist. Nach dem Abitur, mit 17, musste sie dringend der Gewalt in ihrer Familie entfliehen. Da sie seit der zweiten Klasse vertieften Deutschunterricht und später einen mehrmonatigen Schüleraustausch in Niedersachsen absolviert hatte, stand das Ziel Deutschland bald fest. Aber erst an der Viadrina fühlt sie sich angekommen, denn hier traf sie viele Kommilitoninnen und Kommilitonen, die wie sie selbst aus Nicht-EU-Staaten kommen. „Viele hier haben so einen ‚Migrationshintergrund‘ und wir sind einfach auf einem Level was Finanzen, Probleme und persönliche Themen angeht. So habe ich hier wirklich enge Freundinnen gefunden“, freut sie sich. Zusammen erkunden sie auch die polnische Hälfte der Doppelstadt: Ihr Lieblingsort sind die Oderwiesen hinter dem Słubicer Hafenbecken, die Flusslandschaft erinnere sie an die Wolga in ihrer Heimat. In Słubice findet sie außerdem originelle Kleidungsstücke in Second-Hand-Geschäften, ein lebendiges Stadtbild, gutes Essen und die Möglichkeit, in bestimmten Gemüsekiosks verpackungsfrei einzukaufen.

Diese gefühlte Nähe zu Osteuropa ist ihr wichtig; das Thema der „sowjetischen Identitäten“ postsowjetischer Orte, die Regionen und Sozialisierung von Menschen begleiten sie persönlich, als Aktivistin und als angehende Wissenschaftlerin. Obwohl sie selbst erst 1995, also nach dem Zerfall der Sowjetunion, geboren wurde, hat sie selbst erlebt, wie sich beispielsweise die sowjetischen Lehrtraditionen auch in Russland fortschrieben: „Kritisches Denken wird einfach weggebügelt. Wir haben in der Schule vermittelt bekommen, dass eine eigene Meinung wertlos ist. Es gab nur eine richtige Meinung, jede andere war falsch.“ Bei Widerspruch drohten ihr die Lehrerinnen mit Meldung an die Eltern; zu Hause gab es dann Schläge. Besonders Studierende aus postsowjetischen Regionen müssen die im deutschen Bildungssystem so geschätzte kritische Auseinandersetzung mit Themen darum oft erst lernen. „Du arbeitest und arbeitest und arbeitest daran, dorthin zu kommen, wo Leute von hier von sich aus schon stehen“, betont Sasha und fordert mehr Sensibilität für diese Zusammenhänge. „Ich bin eben nicht gleich – nicht so, wie privilegierte deutsche Studierende. Aber ich will auch keine Sonderrechte, sondern Verständnis.“

Das wünscht sie sich auch von Dozierenden gegenüber Studierenden. Die Anwesenheitspflicht in Seminaren zum Beispiel, die in Bremen damals schon lange abgeschafft war, erscheint ihr rückständig: „Zwang bringt doch nichts. Ich kann ja physisch da, aber geistig total abwesend sein.“ Besonders mit Online-Seminaren seit Beginn der Corona-Pandemie sei das schwerer einzuhalten. „Zwei Präsenzseminare hintereinander zu haben, finde ich total okay. Aber zwei Online-Veranstaltungen sind eine Belastung – für den Kopf, für die Augen. Viele Studierende haben seit Corona mit psychischen Problemen und Depressionen zu kämpfen. Wenn wir ‚fehlen‘, heißt das nicht, dass wir faul sind.“

Bei aller Kritik aber weiß Aleksandra Belozerova die Studienbedingungen an der Viadrina sehr zu schätzen. Sie fühlt sich gut betreut und aufgehoben. In Seminaren mit teils weniger als zehn Teilnehmenden entstünden fruchtbare Diskussionen und ein enger Kontakt zu den Dozierenden; auch die Suche nach Ansprechpartner:innen bei Fragen zum Studienablauf und Betreuenden für Abschlussarbeiten sei leicht. Wenn alles klappt, will sie auch nach dem Master-Abschluss hier an der Viadrina in der Doppelstadt weitermachen. Denn: „So viel Austausch, so ein echtes Netzwerk und so viele neue Denkanstöße wie hier, hatte ich so noch nie!“

(Foto und Text: Peggy Lohse)

Dieser Text ist der 16. Teil der Serie „30 x Viadrina & ich“.
Die bereits erschienenen Beiträge können hier nachgelesen werden.
In den nächsten Beiträgen erzählen Viadrina-Mitarbeiterin Ricarda Begau und Wiwi-Absolvent Boris Šešlija von ihren Erfahrungen. Die Texte erscheinen jeweils in der Rubrik „30 Jahre Viadrina“ im Viadrina-Logbuch.