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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

30 x Viadrina & ich – auf drei Kontinenten unterwegs

In der Reihe „30 x Viadrina & ich“ berichtet Kuwi-Absolvent Sören Urbansky über seinen Weg vom Polarkreis, über Frankfurt (Oder) und Washington nach Berkeley und welche Rolle die Viadrina dabei spielte. Anlässlich von 30 Jahren Europa-Universität berichten 30 Menschen – vom Erstsemester bis zur emeritierten Professorin – über die Rolle der Viadrina in ihrem Leben.

Wann und warum bist du an die Viadrina gekommen?

Ich habe im Oktober 2001 angefangen, Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder) zu studieren und das habe ich einem großen Zufall zu verdanken: Ich war davor Zivildienstleistender bei der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ in Moskau und verbrachte den Sommer am Polarkreis, auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer. Ein Arbeitslager auf den Inseln bildete die Keimzelle für den Gulag. Dort bin ich auf eine Studierendengruppe von der Viadrina unter Leitung von Prof. Dr. Karl Schlögel gestoßen. Ich hatte damals noch ganz andere Pläne: Ich wollte eigentlich Kunst studieren und in Russland bleiben. Karl Schlögel und noch einige andere haben mich davon überzeugt, an die Viadrina zu kommen – das war eine schnelle, spontane Entscheidung, die ich nicht bereut habe.

Was hat dein Studium an der Viadrina ausgemacht?

Ich habe Geschichte und Sozialwissenschaften als Schwerpunkte gewählt; der rote Faden war für mich Osteuropa. Ich arbeitete als studentischer Mitarbeiter bei Prof. Dr. Karl Schlögel, lernte Polnisch und Russisch weiter und habe an mehreren Exkursionen teilgenommen. Mit Prof. Dr. Timm Beichelt waren wir als Wahlbeobachter 2003 bei den Duma-Wahlen in Kasan an der Wolga. Das wäre heutzutage unmöglich. Neben dem Studium habe ich mich bei transkultura engagiert, woraus später das Institut für angewandte Geschichte hervorging. Wir haben deutsch-polnische bzw. deutsch-osteuropäische Projekte organisiert. Das war schon was Besonderes. Studentische Initiativen gibt es zwar an jeder Uni, aber weil so viele an Osteuropa Interessierte und aus Mittel- und Osteuropa kommende Leute hier zusammenkamen, gab es zahlreiche Projekte und auch sehr viel Engagement. 

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Sören Urbansky: Alumnus und Leiter des Büros des Deutschen Historischen Instituts in Berkeley, Foto: Barak Shrama


Hast du während des Studiums auch die Gelegenheit genutzt, ins Ausland zu gehen?

Ich muss ganz ehrlich gestehen: Ich war gar nicht so lange an der Viadrina. Ich war zwar zehn Semester lang eingeschrieben, aber davon war ich über zwei Jahre im Ausland: mit einem DAAD-Stipendium ein Semester lang in Kasan in Russland und ein Jahr im chinesischen Harbin. Dann, und so schließt sich der Kreis, war ich über ein Austauschprogramm, das von Prof. Dr. Minkenberg initiiert wurde, im kalifornischen Berkeley. Dort habe ich mein letztes Studienjahr verbracht und meine Magisterarbeit geschrieben. Dadurch habe ich den Bezug zur amerikanischen Wissenschaftslandschaft gewonnen, der mich bis heute nicht mehr loslässt. Die Viadrina hat mir jenseits des Curriculums sehr viel geboten an Möglichkeiten und mir eine gute Startchance gegeben.   

Wer hat dich am meisten während deiner Viadrina-Zeit geprägt?

Das war auf jeden Fall Prof. Dr. Karl Schlögel. Ich habe zahlreiche seiner Seminare und Vorlesungen belegt und wir haben gemeinsam an mehreren Projekten gearbeitet, beispielsweise zur EU-Osterweiterung 2004, als Polen Mitglied wurde. Damals haben wir einen Festakt, eine Art Konferenz und Kulturveranstaltung, auf dem Lkw-Autobahnrastplatz ‚Frankfurter Tor‘ organisiert. Schlögel hat mich geprägt und er war entscheidend für meinen Entschluss, in dem Fach zu promovieren. Er war Zweitbetreuer meiner Dissertation, auch wenn ich sie woanders geschrieben habe. Schlögel war und ist für mich und für viele andere als Lehrer sehr inspirierend.

Wie ging es für dich nach dem Studium weiter?

Ich habe an der Viadrina mein Diplom gemacht und angefangen hier zu promovieren; bekam aber ein Jobangebot aus Freiburg, wo ich auch fünf Jahre lang Assistent in chinesischer Geschichte lehrte. Danach arbeitete ich als Assistent an der LMU München und promovierte in Konstanz bei Jürgen Osterhammel. Witziger Weise hatte Karl Schlögel seine erste Professur auch in Konstanz und war auch bei meiner Disputation dabei – so hat sich ein weiterer Kreis geschlossen. Als Postdoc bin ich erst nach Cambridge und dann 2018 nach Washington DC zum Deutschen Historischen Institut (DHI) gegangen. Und seit anderthalb Jahren bin ich hier in Berkeley, ebenfalls beim DHI.

Wie kann man sich deine Arbeit dort vorstellen?

Das DHI Washington ist eins von elf Auslandsinstituten der Max Weber Stiftung, die den wissenschaftlichen Austausch zwischen dem Gastland und Deutschland bzw. Europa fördern. Ich war in Washington drei Jahre lang für globale und transregionale Geschichte zuständig. Seit Anfang 2021 bin ich in Berkeley und leite hier das noch recht junge Pazifikbüro des DHI Washington. Hier haben die Geisteswissenschaften eine andere Gewichtung als an der Ostküste. Unsere Aufgabe ist es, für den geisteswissenschaftlichen Austausch zwischen Deutschland, Europa und den pazifischen Teil Nordamerikas ein Ankerpunkt zu sein. Wir organisieren Konferenzen, Symposien, Doktoranden- und PostDoc-Stipendienprogramme. Der thematische Fokus liegt derzeit vor allem auf historischen Fragen der Migration. Gleichzeitig verbindet das Pazifikbüro andere Institute der Stiftung, vor allem Tokio, Moskau, Peking und Neu-Delhi – wir sind also auch für die Vernetzung der deutschen Geisteswissenschaften im pazifischen Raum zuständig.

Was wünschst du der Viadrina zum Jubiläum?

Ein klares Profil – das ist die einzige Chance für eine kleine Uni, sichtbar und relevant zu bleiben.

(AL)

Dieser Text ist der zehnte Teil der Serie „30 x Viadrina & ich“.
Die bereits erschienenen Beiträge können hier nachgelesen werden.
In den nächsten Beiträgen erzählen Ewa Bielewicz-Polakowska vom Collegium Polonicum und Viadrina-Absolvent Adrian Mock von ihren Erfahrungen. Die Texte erscheinen jeweils in der Rubrik „30 Jahre Viadrina“ im Viadrina-Logbuch.