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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Drei Weiße Nächte ohne Grenzen – Über Dialogchancen während des Krieges, Ausbildungen im deutsch-polnischen Raum und Reisefreiheit in der DDR

Im Rahmen der Feierlichkeiten zu 30 Jahre Europa-Universität Viadrina luden die zentralen wissenschaftlichen Einrichtungen zur Veranstaltungsreihe „Weiße Nächte ohne Grenzen”. An drei Nachmittagen diskutierten Bürger:innen, politische Akteur:innen, Studierende und Wissenschaftler:innen und erhielten Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte.

Weiße Nächte I: „Gibt es Chancen für Dialog im Krieg?“

Was bedeutet Krieg für die ukrainische Gesellschaft? Und welche Rolle können Dialog und Mediation in dieser Situation zukommen? Das waren die zentralen Fragen, die Dr. Tetiana Kyselova, Gastwissenschaftlerin am Viadrina-Institut für Konfliktmanagement (IKM), zur Eröffnung der „Weißen Nächte ohne Grenzen“ am 18. Mai stellte.

Gleich zum Einstieg bat Kyselova die Gäste im voll besetzten Senatssaal um ihr Mentimeter-Votum per Handy, wann aus ihrer Sicht der Krieg Russlands in der Ukraine begonnen habe; richtig waren alle zur Auswahl stehenden Antworten; es handelt sich, so Kyselova, um einen seit 400 Jahren währenden Kampf der Ukraine um Unabhängigkeit, der 2014 im Angriff Russlands auf der Krim eskalierte und am 24. Februar 2022 als erneuter Angriffskrieg Russlands fortgeführt wurde: „Es handelt sich also um einen seit Jahrhunderten schwelenden, tief verwurzelten Konflikt, der sich aktuell um ganz grundsätzliche Werte dreht: Es geht um Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte.“

Weisse Naechte I ©Christina Behrendt

Weiße Nächte I, ausgerichtet vom Institut für Konfliktmanagement: Dr. Anne Holper (v.l., 1. Reihe) und  Dr. Tetiana Kyselova, Dekan der kulturwissenschaftlichen Fakultät Prof. Dr. Timm Beichelt und Viadrina-Präsidentin Prof. Dr. Julia von Blumenthal (2. Reihe) sprechen im Senatssaal der Viadrina. Fotos: Christina Behrendt


In diesem Moment – in der heißen Phase des Krieges – sei Dialog kaum vorstellbar. Die ukrainische Gesellschaft und auch ihre Zunft der Mediatorinnen und Mediatoren stehe Mediationsversuchen zum jetzigen Zeitpunkt überwiegend negativ gegenüber. „Oder würden Sie mit jemandem sprechen, der Nachbarn tötet und Frauen vergewaltigt?“, spitzte Kyselova die Sicht vieler Ukrainerinnen und Ukrainer zu.

Wer aber müsse eigentlich mit wem reden, damit der Dialog eine Chance auf nachhaltigen Erfolg, also Frieden, haben kann? – Putin mit Selenskyj, die Zivilgesellschaften beider Länder oder Ukrainerinnen und Ukrainer untereinander? Die per Handy abgegebenen Voten des Publikums ergaben etwa gleich große Anteile für alle Gesprächsarenen. Und Kyselova machte deutlich: „Dieses Bild symbolisiert den ,multi-track-approach‘ des Konfliktmanagements. Es reicht nicht, wenn nur auf einer dieser Ebenen miteinander gesprochen wird.“ Ein Fehler, der beim Minsker Abkommen gemacht worden sei.

Auf allen drei Ebenen gebe es aber derzeit große Herausforderungen, die dem Dialog entgegenstehen: So respektiere und akzeptiere Putin weder die Ukraine, noch Präsident Selenskyj; hier sei ein Dialog nur unter Einbindung weiterer Staaten möglich, um sicherzustellen, dass die Ukraine als Subjekt in den Dialog tritt. Mitgetragen werden müsse ein solcher Dialogprozess aber auch von den Zivilgesellschaften beider Länder; diese sei in Russland kaum vorhanden und in der Ukraine – so lange geschossen und bombardiert werde – nicht zum Gespräch bereit. Innerhalb der ukrainischen Gesellschaft sei Dialog und Mediation in den letzten Jahren immer wichtiger geworden und habe entscheidend zur Konsolidierung der Zivilgesellschaft beigetragen.  

Ohne zwei Bedingungen aber wird es keinen Dialog geben können, so Kyselova abschließend: „Russland muss die Souveränität der Ukraine anerkennen, die Verantwortung für den Angriffskrieg übernehmen und sich der juristischen Verfolgung seiner Kriegsverbrechen stellen. Erst dann wird Dialog möglich sein.“

Weiße Nächte II: Wie erleben Auszubildende Sprachbarrieren und Praxisalltag im deutsch-polnischen Grenzraum?

Als sich Dr. Krzysztof Wojciechowski, Verwaltungsdirektor des Collegium Polonicum, in den 1990er-Jahren an einer Frankfurter Schule nach dem Polnischinteresse der Schülerinnen und Schüler erkundigte, wurde er enttäuscht. Weit abgeschlagen lag Polnisch hinter Englisch, Französisch und Russisch. Zwei Jahrzehnte später hat sich dies zu seiner Freude geändert: das Interesse für Polnisch als Unterrichtssprache sei in Frankfurt (Oder) an die zweite Stelle gerutscht.

Dass die Kenntnisse der deutschen Sprache auf der polnischen Seite der Oder insbesondere aus arbeitsmarkt-, beruflichen und wirtschaftlichen Gründen seit Jahrzehnten ausgeprägter seien, zeige sich unter anderem in den Zahlen der polnischen Auszubildenden und Arbeitnehmer diesseits der Oder, bestätigten Joanna Dulej, Leiterin IHK-Projektgesellschaft mbH Ostbrandenburg für das Projekt „Eurojob: Deutsch-Polnische Berufe“ und Dr. jur. Marcin Krzymuski, Koordinator des Bildungs- und Projektmanagements am Frankfurt-Słubicer Kooperationszentrum. Wie deutsche und polnische Auszubildende in ihren Ausbildungsstätten miteinander kommunizieren und wie sich der politische Rahmen auf die grenzüberschreitende Berufsausbildung auswirkt, hatte das Projekt „Communicative Borderlands“ des Viadrina Centers B/ORDERS IN MOTION am 29. Juni im Collegium Polonicum während einer Podiumsdiskussion zum Thema gemacht.

Weisse Naechte II ©René Matschkowiak

Weiße Nächte II, ausgerichtet vom Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION: Podiumsgäste im Collegium Polonicum (v.l., 1. Reihe), Dr. Anna Steinkamp im Publikum, Dr. Krzysztof Wojciechowski (v.l., 2. Reihe), Prof. Dr. Konstanze Jungbluth und Dr. jur. Marcin Krzymuski. Fotos: René Matschkowiak


Dass die Anwendung und das Können anderer Sprachen, gerade in einem Grenzraum, essenziell sind, um Grenzen zu überwinden, zeigte sich bei Bartek Kaszkowiak. Der polnische Klimatechniker, der heute in Frankfurt (Oder) arbeitet, hat seine Schulbildung in Guben absolviert. Dort wurden ihm unter anderem über die Industrie- und Handelskammer (IHK) ausreichend Wege vermittelt, wie er eine Ausbildung in Deutschland angehen und absolvieren kann. „In Polen hätte ich diese Informationen nicht in der Schule bekommen”, sagte er. In der Tat sei die Vermittlung von Berufsorientierung im polnischen Schulsystem nicht gleichwertig verankert wie im deutschen, sagte Dulej. „Wir sind gerade in eine neue Phase der Interreg-Projekte getreten. Damit berufsvorbereitende Projekte auf polnischer Seite nachhaltig entwickelt werden und bleiben, ist ihre Fortführung wichtig.” Die deutsche Sprache konnte Bartek Kaszkowiak während seiner Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik – insbesondere die Fachbegriffe – anwenden und vertiefen.

Dass das praktische und gegenseitige Sprachinteresse in Grenzregionen weitaus höher sei als in Regionen, die zwar Sprachminderheiten beheimaten, aber weniger integrieren, ist eine Erkenntnis, die Prof. Dr. Thomas Krefeld, Professor für Romanische Philologie an der Universität München, teilte: „In München leben 15- bis 20.000 polnische Muttersprachler und trotzdem gibt es dort keine Ambitionen, Polnisch in die Schulen zu bringen.” Sprachen übten als Unterrichtsfach einen Korrektheitsdruck aus. Um sie praktisch in der Gesellschaft zu verankern, müssen sie in den Alltagskontext eingebunden werden. So wie etwa in Bozen, wo Mathematik auf Italienisch unterrichtet werde.

Ein Beispiel der Alltagskommunikation im Grenzraum brachte Prof. Dr. Goro Christoph Kimura, Professor der Germanistik an der Sophia-Universität Tokio hervor: Anhand eines Dialogs zwischen polnischen und deutschen Polizeibeamten zeigte er, wie sich Deutsch, Polnisch und Englisch miteinander vermischen. Auch wenig Kenntnisse der räumlich nahegelegenen Fremdsprachen reichten aus, um einen „kulturellen und verständigen Opener“ für eine Gesprächssituation zu schaffen. Dieser affektive Teil und die Anerkennung von Sprachmischung dienten als Strategie zur Überwindung von Grenzen.

Weiße Nächte III: Reisefreiheit in der DDR? Studierende erarbeiten mittels Interviews wertvolle Erkenntnisse über die „Grenzen der Freundschaft“

Wie sich Reisefreiheit in der DDR gestaltete, haben 50 Jahre nach dem Inkrafttreten des transnationalen Abkommens von 1972, das die Reisebeschränkungen zwischen der DDR, der Volksrepublik Polen und der Tschechoslowakischen Republik lockerte, Viadrina-Studierende in zwei Seminaren erforscht und erarbeitet. Am 6. Juli teilten sie ihre Erlebnisse und Berichte vor Publikum im Gespräch mit Seminarleiter Dr. Mark Keck-Szajbel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien, Florentine Nadolni, Leiterin des Museums Utopie und Alltag, und Dr. Karl-Konrad Tschäpe, Mitarbeiter am Institut für angewandte Geschichte, im Senatssaal.

Ohne Visum und Reisepass waren Reisen in die zuletzt genannten DDR-Nachbarländer damals möglich. Nicht nur Familienurlaube konnten so umgesetzt werden, auch Begegnungen auf kultureller und politischer Ebene brachten Austausch. Welche Erfahrungen und Erinnerungen damit heute noch verbunden sind, ist in der Sonderausstellung „Grenzen der Freundschaft“ über zahlreiche Alltagsobjekte und Zeitzeugengespräche im Museum Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt derzeit zu sehen.

„Die Sonderausstellung ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert“, sagte Prof. Dr. Martin Eisend, Viadrina-Vizepräsident für Forschung, wissenschaftlichen Nachwuchs, Gründen und Transfer, bei der eröffnenden Podiumsdiskussion, die vom Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien organisiert und moderiert wurde. „Vor allem, weil wir damit die Scheuklappen der Wissensgenerierung ablegen und das Wissen der Gesellschaft zugutekommen lassen“, so Eisend.

Weisse Naechte III ©René Matschkowiak

Weiße Nächte III, ausgerichtet vom Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien: Dr. Mark Keck-Szajbel und Florentine Nadolni (v.l., 1. Reihe), Studierende im Publikum, Benedikt Becker (v.l., 2. Reihe), Dr. Karl-Konrad Tschäpe und Antje Wilke. Fotos: René Matschkowiak


Und warum gerade Eisenhüttenstadt? „It‘s always sunny in Eisenhüttentown“, scherzte Keck-Szajbel auf dem Podium und fügte hinzu: „Als Amerikaner hat man einen anderen Blick auf den Ostblock. Für mich war Reisefreiheit immer mit der Revolution ‘89 verbunden“, sagte er. „Mit den Recherchen habe ich erkannt, dass es durchaus viel Reisefreiheit gab, obwohl es ein autoritäres System war. Nur wenige Leute erinnern sich heute noch daran.“ Im Titel der Ausstellung verstecke sich zudem eine Doppeldeutigkeit, die sich auch in den Forschungen offenbarte: „Er beschreibt nicht nur, welche räumlichen Grenzen von außen gesetzt waren, sondern auch, wo Freundschaften enden“, so Mark Keck-Szajbel. Für Viadrina-Student Benedikt Becker war die Erarbeitung der Ausstellung nach zwei Jahren Online-Lehre eine willkommene Abwechslung. „Ich durfte Eisenhüttenstadt als musealen Ort kennenlernen und wieder praktisch arbeiten. Spannend – manchmal auch etwas frustrierend – war die Zeitzeugensuche“, sagte er. In den Gesprächen stellte sich für die Studierenden heraus, dass insbesondere der persönliche Zugang Schlüssel zum Überwinden von Grenzen sei. „Das Interesse für den Raum und die Menschen weicht eine harte, von außen gesetzte Grenze auf. Dafür sind und waren vorhandene Kontakte immer wichtig“, sagte Master-Studentin Antje Wilke.

Rückblickend müsse die Reisefreiheit nach 1972 generationsübergreifend verstanden und betrachtet werden, brachte Dr. Karl-Konrad Tschäpe, Viadrina-Alumnus und Mitarbeiter am Institut für angewandte Geschichte – Gesellschaft und Wissenschaft im Dialog e. V., ein: „Für mich war die Grenze als Kind unpassierbar, insbesondere, als das Kriegsrecht 1981/82 ausgesprochen wurde. Und später, im Jahr 1989, wurde der Kreis der Länder, die Reisefreiheit versprachen, immer kleiner.” Heute gilt es – das veranschaulichen das Seminarprojekt und die Ausstellung – dieses kulturelle Erbe zu verarbeiten und unterschiedliche Zugänge zu finden. Als Ort mit einem großen Repertoire an DDR-Alltagsgegenständen biete insbesondere das Museum Utopie und Kultur einen passenden Zugang. Nicht nur zeigten die Zeitzeugengespräche wertvolle Erkenntnisse, auch konnten Bürger und Bürgerinnen Alltagsgegenstände aus dieser Zeit einreichen, sagte Florentine Nadolni, Viadrina-Alumna und Leiterin des Museums Utopie und Alltag. Die Objekte sind teilweise digital erfasst und können über das Portal www.utopieundalltag-digital.de eingesehen werden. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis 30. April 2023. 

KH/CB/MG