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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Medieninformation Nr. 38-2016

Trauerbild-Schulz-Helga-ohneFlor ©privat

Europa-Universität Viadrina trauert
um Historikerin Prof. em. Dr. Helga Schultz

Die Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) trauert um Prof. em. Dr. Helga Schultz. Die Wirtschafts- und Sozialhistorikerin ist am 7. März 2016 im Alter von 74 Jahren verstorben.

Prof. Dr. Helga Schultz gehörte 1993 zu den ersten neuberufenen Professorinnen an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina. Bis zu ihrer Emeritierung im Jahre 2006 hatte sie die Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Neuzeit an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät inne.

„Mit großer Bestürzung haben wir vom Tode unserer emeritierten Historikerin Prof. Dr. Helga Schultz erfahren. In herausragender Weise hat sie am Aufbau unserer Universität mitgewirkt und die Kulturwissenschaftliche Fakultät entscheidend geprägt. Mit ihren Forschungsvorhaben und Projekten begeisterte sie Lehrende und Studierende gleichermaßen – und das international und über Fakultätsgrenzen hinaus. Viele ihrer Schülerinnen und Schüler lehren heute an führenden Universitäten im In- und Ausland. Ihr letztes Projekt: „Januskopf. Neoliberalismus und Neue Linke“ (2016), das sie leider nur als Essay fertigstellen konnte, zeigt uns schmerzlich, welche interessante Debatte mit ihr nun leider unvollendet bleibt. Wir werden ihr Andenken an der Viadrina stets in Ehren halten“, so Viadrina-Präsident Prof. Dr. Alexander Wöll.

Wissenschaftlicher Nachruf von Prof. Dr. Dagmara Jajeśniak-Quast, Inhaberin der Professur für interdiszplinäre Polenstudien an der Europa-Universität Viadrina, ehemalige Doktorandin von Prof. em. Dr. Helga Schultz:

„Helga Schultz gehörte zu den ersten Professoren der Kulturwissenschaftlichen Fakultät und begann ihre Lehrtätigkeit bereits 1993 an der Europa-Universität Viadrina. Nach wissenschaftlichen Stationen in Rostock, Berlin und Göteborg an der deutsch-polnischen Grenze angekommen, griff sie die Gründungsidee der Universität sowohl in der Lehre als auch in der Forschung auf. Mehr noch: Mit ihren Forschungsvorhaben und Projekten begeisterte Helga Schultz Lehrende und Studierende gleichermaßen – und dies international und über Fakultätsgrenzen hinaus.

Als Helga Schultz von der Akademie der Wissenschaften der DDR auf den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Neuzeit an der Viadrina berufen wurde, verfügte sie mit ihren Arbeiten zur frühneuzeitlichen Stadt-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte bereits über ein breites wissenschaftliches Fundament. Sie gehörte innerhalb der DDR-Geschichtswissenschaft zu den Pionieren der Regionalgeschichtsschreibung und der Anwendung quantitativer Methoden. Ihre 1987 anlässlich des Stadtjubiläums erschienene „Stadtgeschichte Berlin 1650 – 1800. Sozialgeschichte einer Residenz“ fand weltweit Anerkennung. Das folgende Projekt „Die toten Dichter“, das sich mit den sozialen Netzwerken der Schriftsteller, Verleger und Künstler der Goethezeit sowie der zentralen Rolle der Frauen im Jahrhundert der Aufklärung beschäftigte, musste leider abgebrochen werden.

Als Wirtschaftshistorikerin widmete sich Helga Schultz seit den Anfängen ihrer wissenschaftlichen Karriere interdisziplinären Fragestellungen, arbeitete an der Viadrina fakultätsübergreifend mit Wirtschafts- und Rechtswissenschaftlern zusammen und bot auch Lehrveranstaltungen für Studenten aus allen drei Fakultäten an. Gleichzeitig hatte Helga Schultz ein Gespür für die „einfachen Geschichten“ und die Helden des Alltags. Ob beim Alltagsleben der Berliner Kaufleute, der Rezeptsammlung eines Berliner Bäckers zur Zeit Friedrich des Großen, der Geschichte der Frankfurter Handwerker, den Lebensgeschichten der Stahlarbeiter in Eisenhüttenstadt oder den Brüchen in der Arbeitswelt der Traktorenbauer im polnischen Ursus-Werk von Gorzów Wielkopolski – immer wieder konnte Helga Schultz mit ihrer Art Wissenschaft zu vermitteln, neue Akzente in der regionalen Wirtschaftsgeschichte setzen.

Die Verständigung zwischen Deutschen und Polen sowie das Zusammenwachsen des europäischen Kontinents waren ihr stets eine Herzensangelegenheit. Sie ging schwierigen Fragen nicht aus dem Weg; ja, in einem gewissen Maße hatte sie eine Vorliebe für sie. Sie liebte wissenschaftliche Polemiken, war aber in der Diskussion für die Argumente der anderen Seite offen. So entstanden wertvolle Studien zum europäischen Wirtschaftsnationalismus, Agrarismus und Sozialismus. Bei der Lektüre ihrer Arbeiten sticht die Leichtigkeit hervor, mit der sie die größten Strömungen unseres Kontinents verschiedener Epochen bis heute und sogar mit Blick in die Zukunft zu synthetisieren vermochte.

Helga Schultz verstand sich als Pädagogin und Mentorin für die Studierenden und den wissenschaftlichen Nachwuchs. Und dies beschränkte sich nicht nur auf den Hörsaal, sondern ging weit über den Campus hinaus. Auf wissenschaftlichen Exkursionen, bei Besuchen von historischen Orten und dank der „Oral History“ erhielten die Studierenden und Doktoranden ungewöhnliche Einblicke in ihre Forschungsgebiete. Sie betreute über 40 Dissertationen und unzählige Abschlussarbeiten. Ihre Schülerinnen und Schüler lehren heute an führenden Universitäten im In- und Ausland.

Bis zum Schluss und trotz ihrer schweren Krankheit arbeitete sie mit Eifer an ihren Buchprojekten. Nach ihrer Emeritierung verfasste sie mit ungeheurer Disziplin ein Monumentalwerk neuen biographischen Erzählstils: „Europäischer Sozialismus – immer anders“ (2014). Ihr wissenschaftliches Testament „Januskopf. Neoliberalismus und Neue Linke“ (2016) zeigt, welche Wandlungen unsere Gesellschaft seit 1945 erfahren hat; es konnte noch vor kurzem als Essay veröffentlicht werden. Ihr Plan, die zentrale These als Buch auszugestalten, blieb unvollendet. Das ist mehr als schade, denn ihre Polemik und Zuspitzung hätte die politische Debatte gerade heute benötigt.

Helga Schultz war ein fröhlicher und lebensbejahender Mensch. Ihre Studenten, Doktoranden und Kollegen kannten sie als leidenschaftliche Leserin, Schwimmerin und Radlerin. Ihre Neugier und ihren Forscherdrang übertrug sie auch in ihr viel zu kurzes Leben.“


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