Banner Viadrina

Zum Begriff 'Behinderung'

Der Begriff ‘Behinderung’ ist auch im Hochschulbereich maßgeblich für den Anspruch auf einen individuellen Nachteilausgleich. Laut Hochschulrahmengesetz müssen die Hochschulen die besonderen Bedürfnisse beeinträchtigter Menschen durch Behinderung berücksichtigen.

Folgender Behinderungsbegriff bildet die Grundlage für weitere Gesetze und Verordnungen:

„Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.“ (Sozialgesetzbuch IX § 2 Abs. 1)

Alle Studierenden, deren besonderen Bedingungen sich in dieser Definition wieder finden, haben einen gesetzlichen Anspruch auf Nachteilsausgleiche.

Diese einheitliche Definition unterscheidet zwischen sichtbarer und nicht sichtbarer Behinderung und schließt folglich chronische sowie seelische Erkrankungen ein. Hier werden nicht nur körperliche Beinträchtigungen (u. a. Sprach-, Seh-, Hörbehinderung), sondern auch chronische Krankheiten (u. a. Allergienen, Legasthenie oder Dyskalkulie, Suchterkrankungen, Magen-Darm-Erkrankung) als auch psychische oder seelische Störungen (u. a. Depression, Trauma, Shizophrenie) eingeschlossen.


„Behinderung“ - ein umstrittener Begriff

Begriffe bzw. Kategorien wie ‘Behinderung’, ‘behinderter Mensch’ oder ‘Mensch mit Behinderung’ sind nicht ganz unproblematisch, aus verschiedenen Gründen:

  • Der Begriff Behinderung kann als äußerst diskriminierend und abwertend verstanden werden und ist negativ konnotiert. Er stigmatisiert. Wer also behindert ist, wird damit immer zugleich abgewertet – daran ändern auch keine Gesetzestexte etwas.
  • Die Abgrenzungskategorie ‘Behinderung’ wird in der Gegenwartsgesellschaft gebraucht, um die kulturell vorgegebene Vorstellungen von Körperlichkeit, Subjektivität und Funktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten, damit etwas wie ‘Normalität’ entstehen kann. Den Menschen, welche als ‘behindert’ angesehen werden, wird ein Ausnahmestatus zugeschrieben.
  • Behinderung wird in der befürworteten Version vielmehr als das Merkmal eines Menschen verstanden, das maßgeblich seinen Alltag (mit-)bestimmt, mithin sein Werden und Handeln, seine Selbstwahrnehmung, seine Identität, schlicht seine ganze Persönlichkeit, wobei die Behinderung meist auf ein menschliches Defizit reduziert wird.
  • Auch werden Menschen mit sichtbaren und nicht sichtbaren Behinderungen oft in eine Kategorie und unter der Bezeichnung ‚Behinderte‘ zusammen gefasst. Dadurch werden andere Unterschiede ausgeblendet. Die Gruppe ist aber nicht homogen, die Menschen mit Behinderung unterscheiden sich u. a. nach ihren körperlichen Fähigkeiten, dem Geschlecht, Alter, ethnischem Hintergrund, sexueller Orientierung. Schließlich ist das, was sie gemeinsam haben, eher ihre Erfahrung der Diskriminierung und Stigmatisierung von behinderten Menschen als ihre Erfahrung der Behinderung an sich.

Trotz der Belastungen, Negativismen und Verengungen, die der Begriff Behinderung transportiert, und trotz der mit ihm verbundenen praktisch gesellschaftlichen Folgen wird er weitgehend beibehalten. Dies nicht nur deshalb, weil sich andere Begriffe als ungeeignet erwiesen haben, sondern vor allem mit dem positiven Ziel, ihm einen geänderten Sinn zuzuweisen. Aus dieser Sicht handelt es sich um einen politischen Begriff, der die Existenz und die politischen und gesellschaftlichen Anliegen einer sozial erstellten Minderheit sichtbar machen soll, der Kritik ermöglicht und zur Veränderung beiträgt.


Es ist unmöglich alle Behinderungen und Erkrankungen aufzulisten, denn eine solche Auflistung kann sich als sehr problematisch erweisen. Einerseits sind die Beeinträchtigungen sehr vielfältig, andererseits kann eine Kategorisierung der Komplexität der Krankheistbilder nicht Rechnung tragen. .

Wir gehen davon aus, dass die Betroffenen selbst die besten SpezialistInnen für ihre gesundheitliche und gesellschaftliche Situation sind, da jede Beeinträchtigung individuell erlebt wird. Unserer Ziel ist, deren Selbstbestimmung zu fördern. Die Wünsche und Entscheidungen der betroffenen Studierenden bestimmen daher die Art und Umfang der Unterstützung.


Zurück zur Seite "Eine Universität für alle"