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Familienbüro der Viadrina

Spagat zwischen Kita und Hörsaal

MOZ 25.8.2009

Spagat zwischen Kita und Hörsaal

Von Antje Scherer

Die Viadrina ist "familiengerechte Hochschule". Gestern wurde der Einrichtung in Anerkennung ihrer intensiven Bemühungen um Familienfreundlichkeit das entsprechende Prädikat von der "berufundfamilie gGmbH" verliehen. Vom Kennenlern-Frühstück für Eltern über ein Stillzimmer bis zur Notfallbetreuung bietet die Universität inzwischen familienfreundliche Maßnahmen in allen Bereichen. Der Bedarf ist da: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Studierenden mit Kind (ern) verdreifacht. Trotz aller Hilfe bleibt die Vereinbarkeit, inbesondere für Alleinerziehende, eine Herausforderung.

Wenn Saskia Rosentreter morgens zur ersten Vorlesung erscheint, dann liegen bereits zwei Arbeitsstunden hinter ihr. Während Kommilitonen sich beim Bäcker verschlafen einen Kaffee zum Mitnehmen besorgen, hat die 24-Jährige bereits ihre quirlige kleine Tochter angezogen, Frühstück aufgetischt und wieder abgeräumt und die knapp zwei Jahre alte Lena in den Kindergarten gebracht. Saskia studiert im dritten Semester Jura an der Europa-Universität und sagt, "ich mag mein Leben!" Natürlich wünsche sie sich manchmal mehr Freizeit, aber das sei eben so. Klar und entspannt wirkt sie im Umgang mit der Tochter, hat Kraft für Scherze ebenso wie für nachdrückliche Ermahnungen.

Nur anhand ihrer perfekten Organisationsstruktur, wie einem genau ausgeklügelten Arbeitsplan für die Semesterferien, kann man ahnen, wie anstrengend ihr Alltag wirklich ist; in einem eigenen Kalender hält sie Abgabetermine für Bafög, Unterhaltsvorschuss, Kitabescheinigung, Vorsorgeuntersuchungen und anderen Papierkram fest. Dass sie allein für alles zuständig sein würde, war Saskia von Anfang an klar: Lena ist im September 2007 geboren, da steckte die Mutter gerade mitten in der Ausbildung. Dass sie mit dem Vater des Kindes nicht zusammenbleiben würde, habe sich schon vor der Geburt abgezeichnet, er kümmert sich heute nur sporadisch um seine Tochter.

"Zumindest wusste ich, woran ich bin", sagt sie trocken. Schon kurz nach der Geburt ging die Schwedterin stundenweise wieder zur Schule, lernte Versäumtes zu Hause nach und beendete die Hotelfachschule in Eberswalde mit guten Noten. "Im Hotel zu arbeiten, das war immer mein Traumberuf", sagt sie. Nach dem Abitur hatte sie anderthalb Jahre in Zypern in einem Hotel gearbeitet und die ganze Bandbreite an möglichen Tätigkeitsfeldern durchlaufen. "Aber mit Kind wäre das nichts gewesen", sagt sie schlicht., "Die Schichten, das würde einfach nicht funktionieren". Ihr Bruder, der ebenfalls an der EUV studiert, habe sie auf Jura gebracht "und das hat mir gefallen". Das Studium sei spannend und mache großen Spaß, beruflich kann sie sich irgendwann die Beratung von Firmen vorstellen.

Normales Studentenleben mit Disco, Kino oder verquatschten Nächten fällt für Saskia weitgehend flach, "aber ich kenn das ja nicht anders." Wo es möglich ist, etwa bei der studentischen Initiative ELSA, nimmt sie Lena mit. Wichtig sei, dass Uni und Kind nicht zu kurz kommen, da mache sie beim Sport gern Abstriche: "Dafür hab ich ja sie! Und es kann nur einfacher werden."

Ihre Studentenstadt gefällt ihr, von der Wohnung in der Gubener Straße ist sie schnell beim Einkaufen, an der Uni, aber auch im Grünen. Die kindgerechten Wohnungen in den Studentenwohnheimen seien ihr dagegen zu weit draußen gewesen und für ein lebhaftes Kleinkind zu klein.

Die Uni sei durchaus familienfreundlich - die Spielecke in der Mensa finde Lena toll, die Partnerkita Oderknirpse mit den flexiblen Öffnungszeiten sei eine große Hilfe und bei den beiden EUV-Familienbeauftragten hat Saskia sich über die Bandbreite ihrer Möglichkeiten beraten lassen. Eventuell will sie das neue Angebot einer Notfallbetreuung annehmen: "Bislang war mir das komisch, dass jemand anders auf mein Kind aufpasst, aber so langsam kann ich mir das vorstellen."

Seit einer Studienfahrt nach Brüssel, bei der Lena in Schwedt bei den Großeltern war, hat sie auch mehr Kontakt zu anderen Studenten: "Das ist schön, zwischendurch einfach mal mit jemandem einen Kaffee zu trinken."