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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Wir müssen die Scheuklappen fallenlassen.“ Viadrina-Umweltökonom Prof. Dr. Reimund Schwarze über den jüngsten Bericht des Weltklimarates

Schwarze_Prof_Dr_Reimund IMG_190x285 ©Prof. Dr. Reimund Schwarze. - Foto: Heide Fest

Der Weltklimarat IPCC stellte am 4. April 2022 den dritten Teil seines aktuellen Sachstandsberichts zur Erderwärmung vor. Der Bericht befasst sich mit politischen und technologischen Maßnahmen, die das Potenzial haben, den Klimawandel einzudämmen. Ausgewertet wurden über 100.000 wissenschaftliche Studien. Viadrina-Umweltökonom Prof. Dr. Reimund Schwarze ist an der Begutachtung des Syntheseberichts des IPCC im September beteiligt. Wir sprachen mit ihm über die neuen systemischen Ansätze, die der aktuelle Bericht enthält.

Der jüngst erschienene Bericht fordert einen größeren Einfluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Entwicklungsländern ein. Warum ist das wichtig?

Es ist an der Zeit, dass sich der Blick weitet. Der Klimawandel geht uns als Weltgemeinschaft an. Nehmen Sie das Beispiel der indigenous people – sie sind massiv betroffen von dem, was wir tun, durch unseren Lebenswandel, aber in der Erstfassung des Berichts kamen sie noch nicht einmal vor. Der Text wurde geändert, so dass nun ihre besondere Lage und ihre Sichtweise zum Beispiel bei Waldschutz und Waldnutzung gesondert berücksichtigt werden. Es geht aber nicht nur um die indigene Bevölkerung. Es kommt zum ersten Mal die soziale Dimension des Klimawandels weltweit zum Tragen. Erstmalig werden auch in diesem Bericht die Klimaziele systematisch mit den Sustainable Development Goals (SDG) der UN verbunden. Man kann sagen, dass die Klimakrise nun endlich aus einer systematisch nachhaltigkeitsbezogenen Perspektive gedacht wird.

Erstmals wird auch den Strategien zur Änderung des Konsumverhaltens ein eigenes Kapitel gewidmet. Welche Rolle spielt der private Konsum?

Es steht außer Frage, dass sich unsere Gewohnheiten ändern müssen: beim Heizen, beim Fleischkonsum, bei der Mobilität. Es wird einen starken Eingriff in die privaten Freiheitsrechte geben müssen, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen wollen. Der Bericht ist in dieser Hinsicht radikal und konsequent. Er erkennt erstmals an, dass der Markt die Ressourcen nicht wie gewünscht verteilt. Da hilft auch nicht die Forderung nach einer CO₂-Bepreisung. Die Steuerung über den CO₂-Preis reicht schlicht nicht aus, um die Klimaziele zu erreichen. Lebensstile ändern sich nicht, nur weil die relativen Preise von Gütern sich ändern, sondern nur, wenn sich auch die sozialen Normen des Handelns ändern. Man muss daher auch über die direkte Verhaltenssteuerung nachdenken, Ge- und Verbote als Instrumente analysieren.

Was heißt das konkret?

Das steht so nicht im Bericht, aber das heißt: Verbot von Inlandsflügen, Veggiedays, die pflichtweise energetische Sanierung von Häusern im Bestand usw. Ohne diese Maßnahmen werden wir das 1,5-Grad-Ziel effektiv nicht erreichen. Wenn man diese Einzelmaßnahmen betrachtet, scheinen sie im Verhältnis zu anderen Sektoren, die Treibhausgase ausstoßen, mit zwei bis drei Gigatonnen pro Jahr zwar gering – aber sie können den entscheidenden Unterschied machen. Bis 2050 könnten 40 bis 70 Prozent aller Emissionen im Endverbrauch durch einen veränderten Lebensstil eingespart werden. Neu an dieser Sichtweise ist, dass man die Emissionen im Konsum veranschlagt, nicht bei der Produktion. Wenn ich also ein Produkt kaufe, das aus China importiert wird, ist nicht China als der Verursacher der Emission zu betrachten, sondern ich, weil ich dieses Produkt kaufe.

Aber lässt sich das politisch durchsetzen?

Als Wissenschaftler ist es nicht unsere Aufgabe, Vorschläge zu machen, die politisch machbar sind, sondern Vorschläge, die sachlich begründet sind. Die politische Vorgabe heißt: Wir wollen das 1,5-Grad-Ziel erreichen. Das ist das „harte“ Ziel des Paris-Abkommens. Wenn man das ernst meint, muss man die Politik beim Wort nehmen und sagen, was notwendig ist, um dieses Ziel zu erreichen. Hier braucht es radikale Maßnahmen. Nicht nur im sozialen Bereich, sondern auch bei den Technologien. Wir müssen die Scheuklappen fallenlassen; wir brauchen das Carbon Dioxide Removal und Carbon Capture and Storage, vielleicht sogar die Eisen-Düngung der Ozeane. Wir haben alle diese Technologien, sagt der Bericht, aber wenden sie nicht in dem Maß an, wie es zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels nötig wäre. Denn wir müssen uns klarmachen: Selbst die im Paris-Abkommen zugesagten nationalen Klimabeiträge (NDCs) reichen nicht aus.

Sie wollen mehr wissen? Für den Wissenschaftsblog SciLogs hat Prof. Dr. Reimund Schwarze die Eckpunkte und Neuerungen im 6. Sachstandsbericht des Weltklimarates zusammengefasst.
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(YM)