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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Der Abschluss eines Gedankens mündet immer im Weiterdenken“ – Sammelband zur Arbeit von Prof. Dr. Heinz Dieter Kittsteiner erschienen

13 Jahre nach dem plötzlichen Tod von Prof. Dr. Heinz Dieter Kittsteiner gibt eine Gruppe früherer Weggefährten einen Band mit dem Titel „Geschichtsphilosophie nach der Geschichtsphilosophie?“ heraus. Warum Kittsteiners Gedanken noch heute so aktuell sind und was den Historiker als Mitglied der Viadrina-Gründungsgeneration ausmachte, berichtet Mitherausgeber Prof. Dr. Reinhard Blänkner im Interview.

Herr Blänkner, was ist das Anliegen des nun vorliegenden Buches, das auf einer gleichnamigen Tagung beruht, zu der Sie vor rund fünf Jahren an die Viadrina eingeladen hatten?
Es gibt eine Diskrepanz zwischen der hohen Wertschätzung für Kittsteiners Arbeiten in den intellektuellen Debatten und der vergleichsweise geringen Resonanz seiner Ideen und Publikationen in der akademischen Forschung. Anliegen des Buches, das auf eine Viadrina-Tagung im Dezember 2016 zurückgeht, ist es, Kittsteiners Ideen und Gedanken aufzugreifen und weiterzuführen.

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Prof. Dr. Reinhard Blänkner kam 1995 als Mitarbeiter von Prof. Dr. Heinz Dieter Kittsteiner an die Viadrina. Seit 2009 hatte er die außerplanmäßige Professur für Neuere Geschichte und Kulturgeschichte inne.


Prof. Dr. Heinz Dieter Kittsteiner war 1993 als Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende europäische Geschichte der Neuzeit an die Viadrina gekommen; 2008 starb er plötzlich und unerwartet. Sie hatten seit 1995 an seinem Lehrstuhl gearbeitet. Was hinterließ Kittsteiner?
Sein großes erzählerisches Werk, die auf drei Bände angelegte „Deutsche Geschichte in den Stufen der Moderne“ blieb unvollendet. Erschienen ist nur der erste Halbband zur „Stabilisierungsmoderne“ des 17. Jahrhunderts. Der dritte Band zur „Heroischen Moderne“ des 20. Jahrhunderts wäre nicht nur der systematische Abschluss gewesen, sondern ein zu erwartender intellektueller Höhepunkt. Kittsteiners wissenschaftlicher Nachlass wurde in unserem Universitätsarchiv durch Dr. Agnieszka Brockmann vorzüglich aufgearbeitet und 2015 in der von Frau Brockmann und Jannis Wagner organisierten Ausstellung „Sinn/Bild der Geschichte?“ und einem damit verbundenen Kolloquium öffentlich präsentiert.

Ist das von Ihnen mitherausgegebene Buch nun ein Abschluss des Werkes von Kittsteiner?
Nein. Einen Abschluss hätte nur Kittsteiner selbst bieten können. Aber sicherlich hätte er gesagt, dass der Abschluss eines Gedankens immer im Weiterdenken mündet. Wir versuchen, in unserem Buch,  den verborgenen roten Faden in seinem Werk aufzuspüren. Vor allem war nur wenigen der Zusammenhang klar, der zwischen seinen Schriften zur Geschichtsphilosophie und seinem Nachdenken über das moderne Gewissen besteht. Unsere Absicht war, uns dem intellektuellen Kern seines Denkens zu nähern.

Was ist denn aus Ihrer heutigen Sicht der Kern seines Denkens?
Kittsteiner war schon ausgangs der Studentenbewegung der 1960er-Jahre klar geworden, dass etwas nicht stimmt mit der Idee einer von Menschen gemachten Geschichte. In seiner Dissertation „Naturabsicht und unsichtbare Hand“ reflektiert er stattdessen über die „Unverfügbarkeit der Geschichte“. Wenn wir aber gar keinen planbaren, bewussten Einfluss haben, woran können wir uns dann orientieren? So gehen die Idee der Unverfügbarkeit der Geschichte und das Fragen nach Orientierung in ihr in Form des modernen Gewissens zusammen.

Warum ist dieser Gedanke immer noch aktuell?
Das Problem der Unverfügbarkeit bewegt uns mehr als je zuvor. Denken wir nur an die Klima-Problematik, in der es nur noch um Schadensbegrenzung geht. Wenn wir uns nicht mehr an Religion oder anderen metaphysischen Systemen orientieren, woran denn dann? Die Geschichte als Leitwissenschaft, als Bildungsidee ist längst passé. Unsere Aufgabe als Wissenschaftler ist nicht, hierauf Antworten zu geben, sondern diese Fundamentalfrage offen und präsent zu halten.

Kittsteiner gehörte zu den prägenden Viadrina-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Gründungszeit. Hätte er woanders so arbeiten können?
Insbesondere in der Gründungszeit war die Viadrina ein exzeptioneller Ort, nirgendwo wurden Kulturwissenschaften so gedacht wie hier. Es war eine Zufallsgesellschaft von besonderen Denkern mit sehr ambitionierten intellektuellen Fragestellungen – kurz: Es waren besonders günstige Voraussetzungen. Kittsteiner hat sich zwischen den Disziplinen bewegt. Vielleicht ist das auch ein Grund für die geringe Resonanz in der akademischen Welt; das haben die Menschen nicht gern: Was dazwischen liegt, ist irgendwie verdächtig.

Sie haben über viele Jahre eng mit Kittsteiner zusammengearbeitet. Was für ein Bild haben Sie von ihm?
Kittsteiner war ein Zurückgezogener, ein Alleindenker und Einzelgänger – alles andere als ein Netzwerker. Er hat einmal beklagt, nichts sei an einer Universität so verdächtig wie in einer Ecke zu sitzen und nachzudenken. Auf der anderen Seite war er ein begnadeter Redner und akademischer Lehrer. Er hat in Seminaren und Vorlesungen auf hohem intellektuellem Niveau frei gesprochen. Das war für die Studentinnen und Studenten bisweilen anstrengend, und dennoch hatte er immer einen großen Kreis von Zuhörerinnen und Zuhörern.
(FA)

Cover_Kittsteiner ©transcript Verlag  „Geschichtsphilosophie nach der Geschichtsphilosophie? Perspektiven der Kulturgeschichte im Ausgang von Heinz Dieter Kittsteiner“, herausgegeben von Reinhard Blänkner, Falko Schmieder, Christian Voller und Jannis Wagner im Transcript Verlag
https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4196-7/geschichtsphilosophie-nach-der-geschichtsphilosophie/

Kittsteiner_0027 ©Heide Fest
Prof. Dr. Heinz Dieter Kittsteiner
(1942 bis 2008)