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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Da war doch mal was ...“ – Jüdische Friedhöfe zwischen EU-Projekten, Mücken, Müll und Brennnesseln

Mitarbeiterinnen des Lehrstuhls für Denkmalkunde suchen und dokumentieren mehr oder weniger verwahrloste und verwitterte jüdische Friedhöfe in den Woiwodschaften Lubuskie (Lebus) und Zachodniopomorskie (Westpommern); ihr Ziel: Eine Datenbank mit allen jüdischen Begräbnisplätzen in der ehemaligen Provinz Brandenburg. Von einer dieser Dokumentationsreisen voller überraschender Begegnungen und abenteuerlicher Wege berichten Projektleiterin Dr. Magdalena Abraham-Diefenbach und Mitarbeiterin Peggy Lohse in diesem Beitrag.

Ein heißer Juni-Sonntag an der Grenze zwischen den Woiwodschaften Lebus und Westpommern: Wir machen uns auf die Suche nach alten – einst neumärkischen – jüdischen Friedhöfen. Die erste Station liegt circa fünfundzwanzig Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Ośno Lubuskie: Hier befindet sich etwas abseits des Ortes, in der Nähe des Reczynek-Sees ein relativ aufgeräumter, ummauerter Friedhof mit mehreren Grabsteinen, bei einigen stehen Grabkerzen.

In Santoczno – 2017 „schönstes Dorf“ in Lubuskie – treffen wir Roman Glapa vom Verein der Freunde des Dorfes. Er zeigt uns alle Friedhöfe im Ort und ein Lapidarium – mit Steinen eines ehemaligen deutschen evangelischen Friedhofes. Möglicherweise sind zwei von ihnen jüdische; die Inschriften sind aber kaum noch erkennbar. Im Dickicht des vermutlich früheren jüdischen Friedhofes und einem nahen Vorgarten finden wir nur Sockelreste und Umfassungen. >>>weiterlesen

Fotos: Peggy Lohse / Magdalena Abraham-Diefenbach (1)

In Barlinek dagegen befindet sich der alte jüdische Friedhof im Zentrum. Ein neuer, aus EU-Mitteln finanzierter Weg führt über den Friedhof zum See – vorbei an einem Gedenkstein und kleinen Schmucksäulen mit Davidsternen. Grabsteine können wir keine mehr finden, Hinweistafeln auch nirgends im Ort, in der Tourismusinformation dafür aber ein Buch über Jüdinnen und Juden in der Stadt. Der Bekannteste – Emanuel Lasker – wurde 1894 zweiter Schach-Weltmeister; er wird in seiner Geburtsstadt bis heute mit eigenem Stadtpark und Info-Tafeln geehrt.

In Pełczyce wird die Suche komplizierter: Der Zugang zum Friedhof scheint unmöglich, private Grundstücke umschließen den See, an dessen Hang sich der Friedhof befinden soll. Von einer frisch gemähten Wiese klettern wir einen dunklen Abhang in Richtung See hinunter. Zwischen Efeuranken und Müllbergen erkennen wir plötzlich Mauerreste. Ein Grabstein dient als Sitzplatz am Lagerfeuer. Zwei Steinfragmente mit hebräischen Inschriften liegen zwischen Plastikflaschen. Sind wir auf dem Friedhof oder nur einer illegalen Müllkippe?

An unserer letzten Station in Lipiany nutzen wir noch einmal alle Hinweise, die wir haben: Karten verschiedener Entstehungsjahre, Zeichnungen, Web-Portale und Koordinaten. Der Friedhof liegt hier außerhalb des Städtchens im Wald. Letztlich führen uns doch nur die GPS-Daten zum Eingang, den jemand mit einer kreativen Installation aus Plastikbechern und -flasche markiert hatte. Danke dafür!

Wen wir auch fragen – ältere oder junge Menschen – sie erinnern sich alle doch irgendwie: Ja, da war mal was ... Mal gilt der Ort im Wald als informeller Treffpunkt, mal steht ein ordentlicher Gedenkstein da, wo ein Spazierweg über den Friedhofshügel führen soll. Nur in einem kleinen Walddorf kümmert sich ein Verein um den Ort und die Geschichte seiner Einwohner.

Hintergrund:
Das deutsch-polnische Dokumentationsprojekt „Jüdische Friedhöfe in Polen auf den Gebieten der ehemaligen Provinz Brandenburg" wird von der Beauftragten für Kultur und Medien gefördert und am Lehrstuhl für Denkmalkunde der Europa-Universität in Kooperation mit der Universität Potsdam, der Jagiellonen-Universität in Krakau sowie dem Museum des Meseritzer Landes in Międzyrzecz realisiert. Die Friedhofsdokumentationen werden durch Anke Geißler-Grünberg angefertigt. Die Ergebnisse werden nach und nach in einer Online-Datenbank der Universität Potsdam publiziert.