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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Was bleibt, ist das sensible Wahrnehmen des Anderen“ – Dr. Ilona Czechowska über Karl Dedecius

Czechowska_hoch ©Adam Czernenko

Die Germanistin Dr. Ilona Czechowska war seit 2007 die persönliche Assistentin von Karl Dedecius. Seit 2013 führt sie die damals gegründete Karl Dedecius Stiftung.      Foto: Adam Czernenko

Am 20. Mai 2021 wäre Karl Dedecius 100 Jahre alt geworden. Der Übersetzer und Begründer des deutsch-polnischen Dialogs ist durch das Karl Dedecius Archiv und die Karl Dedecius Stiftung eng mit der Viadrina und dem Collegium Polonicum verbunden. Über sein Vermächtnis spricht Dr. Ilona Czechowska, Geschäftsführerin der Stiftung und frühere Assistentin von Dedecius. Ein weiteres Gespräch mit Dr. Agnieszka Brockmann, Leiterin des Karl Dedecius Archivs, lesen Sie hier.

Frau Czechowska, was ist für Sie der Kern von Dedecius‘ Schaffen, an den man auch heute, zu seinem 100. Geburtstag, noch erinnern sollte?
Das sind seine Bestrebungen für ein besseres deutsch-polnisches Verhältnis. Bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sagte er: „Wer Frieden gewinnen will, muss Freunde gewinnen“. Aber Freunde kann man nur dann gewinnen, wenn man sich kennenlernt, wenn man sich aufeinander einlässt, wenn man dem Gegenüber sein Vertrauen schenkt und bereit ist, mit ihm ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. In der Literatur sah er die subtilste Form des Dialogs; sie war für ihn „ein Fenster, durch welches ein Volk einem anderen in die Augen schauen kann“.

Anders als die meisten, die heute über Dedecius sprechen, hatten Sie eine enge persönliche Beziehung zu ihm. Neun Jahre lang waren Sie seine Assistentin. Wie kam es dazu?
Es war ein Zufall, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nach einer Podiumsdiskussion habe ich die Diplomatin und Jura-Professorin Irena Lipowicz angesprochen. Auf ihre Frage, wofür ich mich interessiere, antwortete ich: für deutsch-polnische Beziehungen auf der Kulturebene. Kurz danach fragte sie mich, ob ich Lust hätte, Karl Dedecius kennenzulernen und für ihn zu arbeiten. Bei meinem ersten Gespräch mit Karl Dedecius in Frankfurt am Main war ich sehr aufgeregt: Er war gerade 86 geworden, ich war Mitte 20 und in meinem letzten Studienjahr. Aber genau das, der Zugang zur jüngeren Generation, hat ihn interessiert; er suchte Einschätzungen darüber, ob das, was er macht, noch bedeutsam ist. Ich durfte ihn bis zu seinem Tod begleiten. Aus unserer Zusammenarbeit ist eine Freundschaft entstanden – auch mit seiner Familie. 

Dedecius‘ Geburtsstadt war Łódź, er lebte in Frankfurt am Main, das Deutsche Polen-Institut gründete er in Darmstadt. Warum befinden sich das Dedecius-Archiv und die Stiftung ausgerechnet in Frankfurt (Oder) und Słubice?
Diese Geschichte begann mit dem Viadrina-Preis, den Dedecius 1999 hier verliehen bekam. Das Collegium Polonicum war damals im Aufbau und Klaus-Dieter Lehmann, damaliger Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, schlug Dedecius die neue Einrichtung als Ort seines Archives vor. Was vor allem für diesen Ort sprach, war die Lage zwischen Polen und Deutschland. Das hatte neben der großen symbolischen Wirkung auch pragmatische Vorteile für die anreisenden Forscherinnen und Forscher aus beiden Ländern.

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Dr. Gunter Pleuger, Karl Dedecius und Dr. Ilona Czechowska bei der Feier zur Gründung der Dedecius Stiftung am  28.11. 2013 im Logensaal.                                                                         Foto: Heide Fest


Was genau ist die Aufgabe der Dedecius Stiftung, die 2013 gegründet wurde – dem Jahr, in dem Dedecius seinen gesamten Vorlass dem 2001 gegründeten Karl Dedecius Archiv überließ?
Laut der Satzung ist es die Aufgabe, sich auf der Grundlage des Vermächtnisses von Karl Dedecius dauerhaft der Erforschung, Übersetzung und Vermittlung der polnischen Literatur in Deutschland und der deutschen Literatur in Polen zu widmen. Dabei geht es weniger darum, Dedecius ein Denkmal zu bauen, als danach zu fragen: Was bleibt? Was hat sich bewährt? Für mich ist es das sensible Wahrnehmen des Anderen; das ist der Kern des Übersetzens.

Mit welchen Formaten geht die Stiftung dieser Aufgabe nach?
Mein Lieblingsprojekt ist „Literaturübersetzung im deutsch-polnischen Kulturdialog“ – bei dieser Initiative arbeiten polnische Germanistik-Studierende regelmäßig mit deutschen angehenden Polonistinnen und Polonisten an einem gemeinsamen Thema. Bei allen Initiativen versuche ich für die Stiftung neue Projektpartner zu gewinnen – in Kooperation mit der städtischen Gesellschaft ArLe findet beispielsweise ein Tandemkurs für Seniorinnen und Senioren statt, die – je nach dem, woher sie kommen – Deutsch oder Polnisch lernen. Mit dem Oekumenischen Europa-Centrum Frankfurt (Oder) planen wir gemeinsame Studienreisen. Ich hoffe, dass diese Programme Dedecius überzeugen würden. Zwar sind nicht alle Initiativen ihm gewidmet, aber sie sind stets durch seine Gedanken und die Gespräche mit ihm inspiriert.
(FA)