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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Gewalt, die nicht gesehen werden will“ – Dr. Vanessa E. Thompson forscht zu Rassismus-Erfahrungen Schwarzer Menschen mit der Polizei

Vanessa E. Thompson_hoch_190 ©Alexander Vorbrugg

Dr. Vanessa E. Thompson lehrt und forscht seit 2020 an der Viadrina. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie. Zuvor arbeitete sie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo sie 2017 mit summa cum laude über Anti-Schwarzen Rassismus promovierte.
Foto: Alexander Vorbrugg

Die Soziologin Vanessa E. Thompson ist eine gefragte Expertin, wenn es um Anti-Schwarzen Rassismus und Polizeigewalt geht. Für ihr Post-Doc-Projekt befragt sie Betroffene über ihre Erfahrungen mit polizeilicher Willkür. Sie interessiert, wie andere Merkmale – beispielsweise Geschlecht – diese Erfahrungen beeinflussen.

„Wissen generieren über Gewalt, die gesellschaftlich nicht gesehen werden will“, das ist das Anliegen von Dr. Vanessa E. Thompson. Mittels Interviews ergründet sie Erfahrungen und Umgangsweisen Schwarzer Menschen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz mit polizeilichen Kontrollen, Willkür und Gewalt. „Ich möchte analysieren, inwiefern sich Racial Profiling intersektional artikuliert und wie betroffene Personen damit umgehen“, präzisiert sie ihr Interesse. Was sich in der Auswertung der ersten Interviews klar zeigt: die Erfahrungen unterscheiden sich, je nach Geschlecht, Skalierung von Hautfarbe, Aufenthaltsstatus, sozio-ökonomischem Hintergrund und anderen Eigenschaften der Befragten.

„Viele denken bei Racial Profiling an Kontrollen junger Männer im Görlitzer Park. Doch das Phänomen gibt es auch bei der Security im Supermarkt oder bei Kontrollen in Zügen; es betrifft auch Frauen und nicht-binäre Personen“, berichtet Vanessa E. Thompson. Dabei würden Frauen nicht zuerst mit Drogenhandel in Verbindung gebracht, doch auch sie erfahren Zuschreibungen von Kriminalität, etwa als potenzielle Diebinnen, Illegalisierte oder Prostituierte. Darüber hinaus beobachtet Vanessa E. Thompson eine weitere Differenzierung: je prekärer die Lebensumstände, desto schwieriger der selbstbewusste Umgang mit rassistisch motivierten Kontrollen, auch, weil der Zugang zu Unterstützungsstrukturen oft verwehrt bleibt. Für die Soziologin ist die intersektionale Perspektive, die mehrere Dimensionen der Diskriminierung betrachtet, entscheidend: „Wenn wir uns nur einen Aspekt anschauen, bekommen wir nicht in den Blick, welche Gruppe besonders verletzlich ist.“

Für ihre Analysen hat sie bisher Gruppen- und Einzelinterviews mit Personen durchgeführt, die von polizeilicher Gewalt betroffen sind, sowie mit Expertinnen und Experten zivilgesellschaftlicher Initiativen gesprochen. Zudem wertet sie Medienberichte aus, um die Debatten zum Thema zu analysieren. Ein großer Einschnitt sei dabei der Sommer 2020 mit den globalen antirassistischen Protesten gewesen, die sich an die Tötung von George Floyd durch einen US-Polizisten anschlossen. „Diese Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung wurden interessanterweise bei weitem nicht so stark delegitimiert wie frühere Aktionen“, hat Vanessa E. Thompson beobachtet.

Vanessa E. Thompson geht es bei ihren Analysen nicht um die Handlungen einzelner Polizistinnen und Polizisten. Wenn sie vom „Polizieren“ spricht – ein Begriff aus der kritischen Kriminologie – meint sie eine gesellschaftliche Praxis, die über Kontrollen und andere polizeiliche Maßnahmen hinausgeht. „Polizieren“ umfasse die Gesetzgebung, die Ausbildung von Beamtinnen und Beamten, polizeiliches Wissen, aber auch gesellschaftliche Akzeptanz und rechtliche Dimensionen. Wenn beispielsweise am Ostseestrand nur die eine Schwarze Person kontrolliert wird, dann entstehe nicht nur durch die Kontrolle eine Kriminalisierung, sondern auch durch die Akzeptanz dieses Vorgehens bei den Umstehenden. „Es geht um mehr als polizeiliche Willkür, hier spiegelt sich ein gesellschaftliches Kräfteverhältnis“, so Vanessa E. Thompson. Rassistisch intersektionale Ungleichverhältnisse gebe es auch in liberalen Demokratien wie Deutschland – sie seien in die Lebensrealität der Betroffenen eingeschrieben.
(FA)