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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Lange vergessenes Überleben – Dr. Lidia Zessin-Jurek stellt Buch über polnische Jüdinnen und Juden in Sibirien vor

Syberiada_front cover ©Jüdisches Historisches Institut Warschau

Es ist eine jahrzehntelang unerzählte Geschichte: Das Überleben polnischer Jüdinnen und Juden in den Arbeitslagern Sibiriens. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Katharina Friedla hat Dr. Lidia Zessin-Jurek dazu das Buch „Die Sibiriade der polnischen Juden – Schicksale von Holocaustflüchtlingen“ herausgegeben. Am 25. Februar stellt sie es am Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien (ZIP) vor.

Wenn Lidia Zessin-Jurek in Polen, Israel oder den USA mit Überlebenden spricht, die als polnische Juden im sibirischen Gulag arbeiten mussten, dann erzählen diese oft zum ersten Mal über ihre Erfahrungen. Sie ziehen 70 bis 80 Jahre alte Memoiren und Tagebücher aus ihren Schubladen und berichten, was viele Jahrzehnte ungehört blieb. Es sind Geschichten, die nicht so recht in die Erinnerungen an Holocaust und Gulag passen, denn sie erzählen davon, dass die Deportation und die Zwangsarbeit in der Sowjetunion jüdische Leben gerettet haben. 80 Prozent der polnischen Jüdinnen und Juden, die den Holocaust überlebten, taten dies im Inneren der Sowjetunion.

Foto links Lidia Zessin-Jurek, rechts Katharina Friedla ©privat

Die Autorinnen Lidia Zessin-Jurek (links) und Katharina Friedla


„In der Erinnerungskultur wird dieser Aspekt so gut wie gar nicht erwähnt“, beschreibt die am Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien assoziierte Historikerin Lidia Zessin-Jurek die Lücke im polnischen Geschichtsbewusstsein. Gedenkorte an die Sibiriade zeigen christliche Kreuze, Gedenkveranstaltungen sind oft katholische Gottesdienste ohne jüdische Repräsentantinnen und Repräsentanten. „Während die Deportation nach Sibirien für die katholischen Polinnen und Polen eine weitere Episode der russischen Repression bedeutete, steigerte sie die Überlebenschancen für polnische Jüdinnen und Juden“, verdeutlicht Lidia Zessin-Jurek die konträren Geschichtserzählungen.

Die Gründe für das lange Schweigen über die jüdische Perspektive dieser Erzählung sind vielfältig. Zum einen liegen sie in der erwähnten Widersprüchlichkeit der Erfahrungen. Zum anderen, so betont die Historikerin, machte das Trauma des Holocausts es für jüdische Überlebende fast unmöglich, über ihre Erfahrungen zu berichten: „Angesichts des unfassbaren Leids in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten schwiegen sie lange über ihre Version der Geschichte in Sibirien.“ Dafür sprechen die letzten verbliebenen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nun mit umso größerer Offenheit. In all ihren Interviews fragt Lidia Zessin-Jurek die Überlebenden, ob die Sowjetunion für sie die Rettung bedeutete. Ein 90-jähriger Interviewpartner in New York habe darauf erwidert, dass es nicht Stalins „guter Wille“ gewesen sei, der ihn überleben ließ, sondern viel mehr seine eigene Kraft, mit der er die harte Zwangsarbeit und den Hunger überstanden habe.

„Ich schätze diese Gelegenheit sehr, mit diesen Menschen sprechen zu können; es ist der letzte Moment dafür“, ist sich die Historikerin bewusst. Interessiert ist die Forscherin, die derzeit an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag arbeitet, dabei weniger an einer Rekonstruktion der Fakten als an den Erinnerungen und Interpretationen. Und sie hofft, dass sich auch in der offiziellen Erinnerungskultur etwas ändert. „Es gibt genug Platz in der Erinnerung für Opfer verschiedener Gruppen, man muss sich nur dafür öffnen. Ein Davidstern passt auf jedes Denkmal“, ist sie überzeugt. Dass ihre Anregung Gehör findet, zeigt das enorme Interesse an dem 2020 im Verlag des Jüdischen Historischen Instituts erschienene Buch, das Lidia Zessin-Jurek gemeinsam mit Katharina Friedla herausgegeben hat. Mehrmals pro Monat stellen die Herausgeberinnen ihre Arbeit in Forschungskolloquien, vor Schulklassen oder in Museen vor. Am 25. Februar präsentieren sie ihr Buch im Forschungskolloquium des Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien.
(FA)