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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Dinge, die man nicht in Büchern lernen kann“ – Viadrina-Team erforscht in thüringischem Dorf das Fortwirken der deutsch-deutschen Grenze

Nicht einmal 500 Menschen leben im thüringischen Dorf Kella, das auf der Landkarte ziemlich genau in der Mitte Deutschlands liegt. Dass es zum wiederholten Mal in den Fokus sozialanthroplogischer Forschung gerät, liegt an seiner historischen Lage. Genau hier verlief die streng gesicherte deutsch-deutsche Grenze. Welche Rolle diese Geschichte heute noch im Leben der Bewohnerinnen und Bewohner spielt, das erforscht ein Viadrina-Team bis zum 12. Juli vor Ort.

Studentin Julia Bantouvaki und Privatdozentin Dr. Carolin Leutloff-Grandits sitzen derzeit viel auf Veranden und Dachterrassen bei Kaffee und Kuchen und hören zu. Mitunter sitzen drei Generationen mit am Tisch, die vom Leben in Kella erzählen, einem Dorf im thüringischen Eichsfeld unmittelbar an der Grenze zu Hessen.

„Wir hören viele Anekdoten aus DDR-Zeiten, von Feiern über die Sperrstunde hinaus, nach denen alle nach Hause geschlichen sind. Oder vom Freund, der unerlaubter Weise ins Dorf geschmuggelt wurde“, berichtet Carolin Leutloff-Grandits von den Gesprächen. Kella lag bis 1989 nur 500 Meter von der innerdeutschen Grenze entfernt, die Dorfbewohnerinnen und -bewohner wurden hier streng überwacht. In den intergenerationalen Gesprächen erfahren sie und Julia Bantouvaki auch, dass die rund um die Wendezeit Geborenen, die die Anekdoten ihrer Eltern und Großeltern zum wiederholten Mal hören, einen anderen Blick haben. „Das ist nicht mehr unsere Geschichte“, sagen sie. „Aber es gehört zur Familienidentität“, ergänzt die Sozialanthropologin Carolin Leutloff-Grandits.

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Privatdozentin Dr. Carolin Leutloff-Grandits und Masterstudentin Julia Bantouvaki am Gedenkstein zur Grenzöffnung.                                                                                                                                          Foto: Privat

Der einwöchige Aufenthalt im Eichsfeld ist Teil des Forschungs- und Ausbildungsprojektes „Ein immer noch geteilter Himmel? Deutschlands Osten und Westen, dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung“ – eine Kooperation der Universität Paris 1, des Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION und des Centre Marc Bloch in Berlin. Während das Viadrina-Team in Kella und dem westlichen Gegenstück Neuerode Interviews führt, forscht ein französisches Team parallel an der thüringisch-bayerischen Grenze. Ziel ist es, in Gesprächen zu ergründen, inwiefern die ehemalige Grenze im Alltag der Menschen fortwirkt oder eine neue Bedeutung bekommt. 

Für Julia Bantouvaki ist die sozialanthropologische Forschung mit mitunter stundenlangen Gespräche mit der Dorfbevölkerung Neuland. „Ich bin beeindruckt von der Vielschichtigkeit der Perspektiven, wobei jede Generation eine unterschiedliche Sichtweise hat. Forschungsmethoden auch in der Praxis anzuwenden ist für mich besonders spannend. Das sind Dinge, die man in Büchern nicht lernen kann“, erzählt sie über die intensive Woche, während der die Viadrina-Forscherinnen neben den Interviews von der lokalen Bevölkerung auch zu zahlreichen  gemeinsamen Ausflügen eingeladen werden, um ein Gefühl für die Region zu entwickeln.

Kella_600 ©Privat

Das Dorf Kella zählt weniger als 500 Einwohnerinnen und Einwohner.

Parallel zum lebens- und familiengeschichtlich orientierten Ansatz der beiden Forschungsteams erforscht Viadrina-Politologe Dr. des. Peter Ulrich die regionale Entwicklung in beiden Regionen. Die Ergebnisse der Feldforschung sollen im November im Rahmen einer Abschlusstagung mit Kolleginnen und Kollegen sowie der regionalen Öffentlichkeit diskutiert werden. Das Projekt wird durch das Centre Interdisciplinaire d’études et de Recherches sur l’Allemagne (CIERA) finanziert, das die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland fördert.
(FA)


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