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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Kein einfacher Denker“ – Prof. Dr. Gangolf Hübinger über die jahrzehntelange Arbeit an der Max Weber-Gesamtausgabe

Vor 46 Jahren begann Prof. Dr. Gangolf Hübinger am ersten Band der Max Weber-Gesamtausgabe mitzuarbeiten. Zum 100. Todestag des bedeutenden Soziologen am 14. Juni, ist das 47-bändige Werk, dessen Mitherausgeber Hübinger inzwischen ist, abgeschlossen. Im Interview erzählt der Historiker, was ihn seit Jahrzehnten an Max Weber fasziniert und wie der zum Klassiker gewordene Soziologe die Sicht auf ganz aktuelle Entwicklungen prägt.

Herr Hübinger, viereinhalb Jahrzehnte wurde an der Max Weber-Gesamtausgabe gearbeitet, viele Jahre waren Sie und ihre Frau Prof. Dr. Rita Aldenhoff-Hübinger beteiligt. Warum sind Max Weber und sein Werk diesen enormen Aufwand wert? 
Er ist ein Klassiker des Denkens über die moderne Gesellschaft. Max Weber hat zum gesamten Spektrum der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme geforscht, an denen wir uns bis heute abarbeiten. Seine detaillierte Studie über die Arbeitsmigration aus dem Osten auf die großen preußischen Landgüter am Ende des 19. Jahrhunderts ist dafür genauso ein Beispiel wie die Reportagen während seiner großen Amerikareise über die Schlachthöfe von Chicago, den Verkauf von Indianerland und die Verbindung von Klassen- und Rassenfrage.

20200609_R+G-Huebinger-100-Jahre-Max-Weber_UV_1234 ©Heide Fest

Was war für Sie persönlich der Reiz an der Arbeit?
Jahrelang den Spuren entlegener Texte und Briefe nachzugehen, ist sehr aufwendig. Aber wir sind Historiker, und es fasziniert uns, in den Schriften ausführlich zu kommentieren, was für heutige Leser nicht mehr bekannt ist. Eine meiner großen Interessen ist, wie Gelehrte zwischen Wissenschaft, Politik und Publizistik hin- und herwechseln. Dafür ist Max Weber in der Moderne einer der auffälligsten Vertreter.

Wird er Ihrer Meinung nach in aktuellen Diskursen genug mitgedacht?
Ich persönlich würde mir wünschen, dass er mehr konsultiert wird. Das Problem ist, dass er kein einfacher Denker ist; Max Weber hat alles immer in einer sehr differenzierten Begriffssprache betrachtet, das macht seine Schriften sperrig. Das Studium von Weber-Texten ist harte Arbeit, auch weil er nicht griffig ist – er bietet keine einfachen Lösungen an. Sein Ziel war es, Probleme und Konflikte so scharf wie möglich herauszuarbeiten.

Können Sie beim Schauen aktueller Nachrichten, beispielsweise über die Aufstände in den USA gegen Rassismus, den Max Weber in Ihrem Hinterkopf abschalten?
Das könnte ich, aber der Reiz liegt gerade darin, ihn mitlaufen zu lassen. Die derzeitige Mobilisierung kann Max Weber zum Sprechen bringen. Er lehrt, sich nicht von der Oberfläche der Bilder beeinflussen zu lassen, sondern Distanz zu nehmen. Die Frage, die sich stellt, lautet: Handelt es sich um bloße Tageserregungen oder den Beginn einer großen sozialen Bewegung, die sich institutionell verfestigt? Die angekündigten Polizeireformen sind dafür ein Hinweis. Bei Weber geht es immer um die großen Zusammenhänge, deshalb sind wir Historiker so an ihm interessiert.

Nach der derart langen Beschäftigung mit den Schriften, Reden, Briefen und Vorlesungen von Max Weber – spüren Sie beim jetzigen Abschluss der Gesamtausgabe eher Erleichterung oder Wehmut?
Es ist auf jeden Fall Erleichterung. Ich habe sehr gedrängt, dass der letzte Band jetzt zum Juni fertig wird.
Nichtsdestotrotz ist das Kapitel Max Weber für mich nicht geschlossen. Es ist äußerst reizvoll, mit den Instrumenten von Max Weber weiter zu arbeiten.
(FA)