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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

George Floyd und das Dilemma der Rechtsphilosophie – Prof. Dr. Christian Becker über Anspruch und Realität universeller Menschenrechte

20190401_Ernennung-C-Becker_UV_0851 ©Heide Fest

Nach der Tötung des US-Amerikaners George Floyd hat Prof. Dr. Christian Becker eine Sonderfolge seines Podcasts über Rechtsphilosophie veröffentlicht. Darin schweigt er 8 Minuten und 46 Sekunden lang – die Zeit, die George Floyd unter dem Knie eines Polizisten lag und getötet wurde. Zuvor erklärt der Viadrina-Jurist in dem Podcast, inwiefern dieser Vorfall einen fundamentalen Widerspruch unseres philosophischen Rechtsdenkens bedeutet.

Die Sonderfolge des Podcasts Rechtsphilosophie, den Christian Becker in diesem Semester statt einer Vorlesung anbietet, ist gut 33 Minuten lang; ein Viertel dieser Zeit – jene 8 Minuten und 46 Sekunden – schweigt der Jura-Professor, nachdem er zuvor die Zuhörerinnen und Zuhörer aufgefordert hat, über eigene Privilegien nachzudenken. „Sie können sich das anhören oder rausklicken. Sie können auch Katzenvideos gucken. Das ist ein erster Schritt zu erkennen, was es für ein Privileg ist, nicht täglich mit unmittelbaren, nicht abwendbaren Situationen konfrontiert zu sein“, sagt Christian Becker bevor er schweigt.

Die Tötung von George Floyd macht für Christian Becker ein Problem deutlich, das die moderne europäische Rechtsphilosophie von Anfang an begleitet. Wie – so die ungelöste Frage – lassen sich die in dieser Philosophie propagierten universellen Freiheitsrechte mit der geschichtlichen Realität in Einklang bringen, in der Europa seinen Aufstieg von Anfang an maßgeblich auf die Missachtung der Freiheit von Nichteuropäern gestützt hat?

Christian Becker betont: „Es ist nicht einfach so, dass die Theorie uneingeschränkt richtig ist und allein die Praxis ihr noch nicht gefolgt wäre. Wir müssen vielmehr davon ausgehen, dass das ständige Scheitern unseres philosophischen Anspruchs auch Ausdruck eines theoretischen Defizites ist.“ Die Konfrontation mit diesem Defizit ist dabei für Christian Becker ausdrücklich der Versuch, den Kern der modernen Philosophie – die uneingeschränkte und voraussetzungslose Achtung jedes Menschen – zu retten.

Bei alldem soll es nicht darum gehen, konkrete politische Lösungen zu präsentieren und diese womöglich mit der vermeintlichen Autorität eines Universitätsprofessors zu versehen. „Ich bin kein Politiker und kein Aktivist“, sagt Christian Becker. Und schließlich könne er über das Thema Rassismus ohnehin nur sehr eingeschränkt sprechen; Betroffene müssten mit ihren Erfahrungen stärker öffentlich sicht- und hörbar werden.

„Selbst wenn ich eine philosophische Lösung gefunden hätte, wäre damit noch nichts gesagt über die Aussicht auf eine praktisch-politische Umsetzung in unserer hyperkomplexen Welt.“ Das Schweigen ist für Christian Becker daher auch Ausdruck seiner Ratlosigkeit: „Wenn ich angesichts der gegenwärtigen Situation etwas Klügeres zu sagen gehabt hätte, als 8:46 Minuten zu schweigen, hätte ich es vermutlich getan.“

Alle Folgen des Rechtsphilosophie-Podcasts – unter anderem auch ein Gespräch mit dem Pianisten Igor Levit – sind unter anderem auf Spotify, Apple-Podcast und YouTube zu hören.
(FA)