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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Die Konfliktparteien aus ihren Ecken rausholen“ – Institut für Konfliktmanagement begleitet die Überarbeitung des Brandenburger Wolfsmanagementplans

Hochmuth_Dobeneck ©Heide Fest

Trotz hochkochender Stimmungen und verhärteter Positionen ist es geschafft: Brandenburg hat einen überarbeiteten Wolfsmanagementplan. Daran beteiligt war auch das Viadrina Institut für Konfliktmanagement (IKM). Julia von Dobeneck und Dr. Christian Hochmuth berichten über das herausfordernde Projekt.

Die Debatte um Wölfe in Brandenburg wird mitunter äußerst emotional geführt. Ist es damit ein idealtypischer Einsatzbereich für das IKM?
Zunächst einmal ist es ein idealtypischer Einsatzbereich für fundierte Ansätze der Konfliktanalyse. Spannend an dieser Debatte ist, aus wie vielen unterschiedlichen Blickwinkeln sie betrachtet werden kann. Aus Sicht vieler Naturschutzverbände ist die Rückkehr von Wölfen nach Deutschland eine große Erfolgsgeschichte. Aber ein Bio-Bauer aus Brandenburg, dessen Schafe von Wolfsübergriffen bedroht sind, sieht das ganz anders.

Wie genau waren die Mitarbeitenden des IKM an dem Verfahren beteiligt?
Das Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft (MLUL) Brandenburg hat uns angefragt, ob wir sie bei dem Verfahren zur Überarbeitung des Wolfmanagementplans unterstützen können. Da waren bereits einige Diskussionsrunden gelaufen, bei denen das Ministerium die betroffenen Gruppen, etwa den BUND, den Landesbauernverband, den NABU und den Schafzuchtverband, zusammengebracht hatte. Bei diesen Treffen kam es zu harten Auseinandersetzungen und das Ministerium wollte aus der Doppelrolle herauskommen: sowohl inhaltlich für die Überarbeitung des Plans als auch für das Verfahren und die Moderation zuständig zu sein. Wir haben diese Rolle dann übernommen, das Ministerium beraten und die Moderation der Diskussionsrunden übernommen.

Was kann interessenorientierte Moderation in einem derart verhärteten Konflikt leisten?
Im konkreten Fall waren drei Momente weiterführend: Einmal, ganz basal, dass die Moderation in einem solchen Beteiligungsprozess getrennt wird von der inhaltlichen Rolle. Also: Das MLUL kann sich ganz auf seine Rolle als inhaltlicher Akteur und Letzt-Verantwortlicher für die Erarbeitung des Managementplans konzentrieren und muss nicht noch alle Interessen der an den Diskussionsrunden Beteiligten im Blick behalten. Das führt zu größerer Rollenklarheit und Fokussierung. Zweitens ermöglicht das Herausarbeiten der Interessen der Beteiligten, hinter die vorgetragenen Positionen zu blicken. Nicht zum wiederholten Mal die bereits x-fach formulierten trennenden Standpunkte ins Zentrum zu rücken, sondern mit allen Beteiligten einen halben Schritt zurückzutreten und zu fragen: „Was ist für Sie, als Landwirt in Brandenburg, das Wichtigste, wenn es um das Wohl Ihrer Tiere geht?“ Die Antworten kann „die andere Seite“ oftmals gut nachvollziehen. Und das führt zum dritten Moment: Die Konfliktparteien aus ihren Ecken zu holen und dazu zu bringen, gemeinsam an übergeordneten Lösungen zu arbeiten, in denen ihre Interessen und zugleich die Interessen der anderen Beteiligten möglichst weitgehend abgebildet sind.

Was waren die größten Herausforderungen in diesem Prozess?
Davon gab es einige. Weil wir aber mit allen Beteiligten Vertraulichkeit vereinbart haben, können wir hier nicht ins Detail gehen. Deshalb eher übergeordnet: Schwierig war erst einmal, die Beteiligten dazu zu bringen, den anderen schlicht und einfach zuzuhören. An ein paar Stellen im Prozess war ungewiss, ob die Beteiligten beim nächsten Treffen noch mit an Bord sein würden. Letztlich sind alle dabei geblieben. Noch höher einzuschätzen ist, was in Deutschland einmalig ist: Dass Landnutzer- und Naturschutzverbände und das Ministerium gemeinsam 29 Thesen über die künftige Weiterentwicklung des Wolfsmanagements in Brandenburg entwickelt haben. Diese breite Basis ist das Kernstück des Brandenburger Verfahrens und des Managementplans.

Gab es zuvor ähnlich gelagerte Projekte an denen das IKM beteiligt war?
In dieser konkreten Form war das ein Pilotprojekt für uns. An der Schnittstelle Politik-Zivilgesellschaft haben wir eine ganze Reihe von Beteiligungsverfahren mitentwickelt und moderiert; innerhalb Frankfurts und im internationalen Kontext. Auch mit Ministerien haben wir bereits intensiv zusammengearbeitet, zuletzt bei unserem seit knapp zwei Jahren laufenden Forschungs- und Transferprojekt zu Friedensmediation mit dem Auswärtigen Amt. Besonders spannend ist für uns, wie sich im internationalen, nationalen und regionalen Kontext Strukturen und Dynamiken gesellschaftlicher Debatten und Konflikte ähneln und wo es handfeste Unterschiede gibt. Da wollen wir in den nächsten Jahren noch genauer forschen und in Transfer und Lehre aktiv werden.
(FA)