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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Singularisierung führt zu Polarisierung“

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Viadrina-Kultursoziologe Prof. Dr. Andreas Reckwitz stellte am 13. Dezember seine preisgekrönte Studie „Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne“ vor. Im Gespräch mit Prof. Dr. Timm Beichelt und Dr. Estela Schindel vom Institut für Europa-Studien (IFES) versicherte der Autor, dass sein Buch keinesfalls ein Plädoyer gegen Individualismus sei.  

„Individualismus kennzeichnete bereits die Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts. Im 21. Jahrhundert – ich nenne es die Spätmoderne – hat sich dieser Individualismus radikalisiert. Dieses Streben nach Einzigartigkeit und dem Besonderen bezeichne ich als Singularisierung“, erläuterte Prof. Dr. Andreas Reckwitz in seinem Eingangsstatement. In seiner Studie zeigt er diese Entwicklung in den Bereichen Wirtschaft, digitale Technologien, Gesellschaft und Politik. „Singularisierung führt zu Polarisierung, da sie mit Bewertung oder auch Abwertung einhergeht. Ich sehe diesen Trend insbesondere hinsichtlich gesellschaftlicher Schichten. Die unteren sozialen Schichten werden abgewertet, indem andere Schichten sich von ihnen abgrenzen“, so Reckwitz. Der Autor vertritt die These, dass sich eine neue akademische Mittelklasse herausgebildet hat, die knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung stelle und daher ein Schlüsselmilieu sei. Der gesellschaftliche Graben verlaufe zwischen Kosmopolitismus und Kommunitarismus, was bei der Trump-Wahl in den USA sehr gut sichtbar gewesen sei.  

„Mein Buch ist keine generelle Kritik am Individualismus. Ich möchte aber die Schattenseiten der Singularisierung aufzeigen, die zu einer Krise des Allgemeinwesens geführt haben“, erklärte Reckwitz. Soziologin Dr. Estela Schindel verwies darauf, dass sich in den vergangenen Jahren durchaus auch neue Vergemeinschaftungsprozesse, wie Carsharing oder die Vermittlung der eigenen Wohnung über Online-Plattformen, herausgebildet hätten. Reckwitz hielt diese Prozesse jedoch für charakteristisch für den Lebensstil der neuen Mittelklasse, der sehr von der Digitalisierung geprägt sei.  

Für seine Studie hatte der Professor für Vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina im November den Bayerischen Buchpreis erhalten. (LW)