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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Eine Kompensation für etwas, das Frauen lange verwehrt wurde“ – Viadrina Mentoring begleitet Frauen auf dem Weg in Führungspositionen

Bettina Gebhardt_hoch_190 ©Tobias Tanzyna

Bettina Gebhardt ist seit 2009 an der Viadrina. Anfang 2020 übernahm sie die Leitung der Abteilung Chancengleichheit.
Foto: Tobias Tanzyna

Frauen in Führungspositionen zu bringen, das ist das Ziel des Viadrina Mentoring Programms. Hunderte Frauen, darunter Studentinnen, Doktorandinnen und Postdoktorandinnen haben das einjährige Programm bereits durchlaufen. Über die ungebrochene Aktualität von Frauenförderung im Wissenschaftsbetrieb und strukturelle Diskriminierungen spricht Bettina Gebhardt, Leiterin des Viadrina Mentoring, anlässlich des Frauentages.

Frau Gebhardt, an der Viadrina sind 60 Prozent der Studierenden weiblich, aber nur 35 Prozent der Professuren in der Hand von Frauen. Wie ist das zu erklären?
Das ist, nebenbei bemerkt, im bundesweiten Vergleich noch eine ganz gute Zahl; manche Bundesländer liegen bei einem Anteil von knapp über 20 Prozent Professorinnen. Die Ursache ist zum einen eine geschlechtsspezifische strukturelle Diskriminierung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb –  Frauen durften lange gar nicht studieren; erst 1923 wurde das erste Mal eine Frau in Deutschland Professorin. Männer hatten diese machtvollen Positionen also lange alleine inne und haben sie dementsprechend auch ausschließlich untereinander verteilt. Es ist schwieriger als man denkt, diese, über eine lange Zeit gewachsenen Strukturen, Förderlogiken und Netzwerke aufzubrechen.
Zum anderen werden Familienaufgaben, wie Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen immer noch mehrheitlich von Frauen übernommen. In der Wissenschaft kann es aber einen erheblichen Unterschied machen, wenn man über eine längere Zeit nicht an seiner wissenschaftlichen Qualifizierung arbeiten kann, weil man beispielsweise in Elternzeit ist.

Ist ein geschlechtsspezifisches Förderprogramm wie das Viadrina Mentoring dafür eine Lösung?
Solange es strukturelle Diskriminierung von Frauen gibt, braucht es auch ein institutionelles Programm zur Förderung von Frauen – quasi ein Kompensationsangebot für das, was ihnen lange verwehrt wurde. Nahezu hundert Prozent unserer Teilnehmerinnen bewerten das Programm im Rückblick als das richtige Förderinstrument; viele hätten sich nicht für ein gemischtgeschlechtliches Programm beworben. Die langfristigen Effekte des Mentoring werden wir in einer geplanten Verbleib-Studie näher beleuchten.

An wen genau richtet sich das Mentoring?
Wir wenden uns an Frauen, die sagen: Wir wollen in Führungspositionen. Das kann eine Professur sein, oder eine Position außerhalb des Wissenschaftsbetriebes. Wir möchten qualifizierte, fitte Frauen fördern und gleichzeitig die diversen Lebensrealitäten abbilden, die eine Karriere oft zusätzlich erschweren. Daher fördern wir gezielt auch Frauen mit nichtakademischem Hintergrund, mit Erkrankungen oder Behinderungen, mit Familienaufgaben oder Diskriminierungserfahrungen.

Warum ist das wichtig?
Wir wissen um viele strukturelle Benachteiligungen, die sich nicht nur auf das Geschlecht beziehen. Der Wissenschaftsbetrieb ist sehr kompetitiv: Immer soll man erreichbar sein, nie krank, möglichst ohne Unterbrechung Output liefern. In diesem Umfeld sagen wir: Ja, es ist wichtig, beruflich etwas zu erreichen, aber wir sehen auch, was ihr sonst noch alles wuppen müsst. Wir möchten einen Rahmen anbieten, in welchem die Frauen sich gegenseitig empowern können und im besten Falle auch bestimmte vorherrschende „Spielregeln“ des Wissenschaftsbetriebes in Frage stellen. Skandinavische Länder sind da ein gutes Vorbild: Dort machen in der Regel auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am späten Nachmittag Feierabend und die Freizeit beginnt. Und dennoch weiß man, dass in diesen Ländern exzellente Wissenschaft betrieben wird.

Was genau erwarten sich die Teilnehmerinnen von dem Programm?
Das ist einerseits der Austausch über die Lebensrealitäten in einem geschützten Raum fernab der Ellenbogenmentalität. Es geht ums Mutmachen, vor allem durch die Beziehung zu den Mentorinnen und Mentoren – hier ist es sehr gewinnbringend, dass  sich auch männliche Professoren im Programm engagieren. Darüber hinaus steht ein strukturierter Plan für den Karriereweg im Mittelpunkt. Unser erster Workshop dreht sich immer um das Thema Zielsetzung. Manchmal verlieren Frauen angesichts der enormen Menge an Aufgaben – auch im privaten Bereich – die längerfristige Strategie aus den Augen. Aber wenn man eine Professur will, kann man das nicht dem Zufall überlassen.
(FA)