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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Kern unserer Revolution“ – Online-Lesung von Stimmen aus Belarus

Wahlfälschung, Massenproteste, Polizeigewalt – die Geschehnisse in Belarus bestimmen derzeit die Nachrichten. Das an der Viadrina verwurzelte Projekt „Stimmen aus Belarus“ sammelt, übersetzt und veröffentlicht Zeitzeugenberichte über die Geschehnisse. Am 3. September trafen bei einer digitalen Lesung erstmals Autorinnen und Autoren dieser Texte sowie ihre Übersetzerinnen und Übersetzer aufeinander.

Poetische Zeilen über die „Ufer der Freiheit“, das trockene Protokoll einer Anweisung zur Wahlfälschung, wütende Analysen verlogener Gesprächsangebote an Oppositionelle, ein erschütternder Bericht von Misshandlungen im Minsker Gefängnis – so unterschiedlich Ton, Perspektive und Adressaten der Texte sind, die an diesem Abend vorgetragen wurden, so einig sind sich deren Verfasserinnen und Verfasser in ihrem Anliegen: ein Ende des Autoritarismus in Belarus.

Ackermann_Shparaga_Weller_Wünschmann_Ueberschär ©Screenshot Frauke Adesiyan

Dass diese „Stimmen aus Belarus“ überhaupt zu hören sind und dann auch noch auf Deutsch, ist der Initiative des Historikers und Viadrina-Alumnus Dr. Felix Ackermann sowie der Slawistin und Viadrina-Wissenschaftlerin Dr. Nina Weller zu verdanken. Direkt nach der Präsidentschaftswahl in Belarus am 9. August haben sie – beide dem osteuropäischen Land privat und beruflich seit vielen Jahren verbunden – die gleichnamige Facebook-Seite ins Leben gerufen, auf der sie mit einem ehrenamtlichen Team von Übersetzerinnen und Übersetzern kontinuierlich Texte veröffentlichen.

Ist die Lektüre der Facebook-Seite schon ein mitunter erschütternder und gleichzeitig kraftvoller Erkenntnisgewinn, so schaffte die von der Heinrich-Böll-Stiftung organisierte Online-Lesung, der mehr als 200 Interessierte folgten, noch mehr: Der von Felix Ackermann moderierte Austausch mit der Philosophin Prof. Dr. Olga Shparaga und dem Urbanisten Andrei Karpeka ermöglichte, nicht mehr nur über die Protestierenden zu sprechen, sondern mit ihnen. Per Chat stellten auch die Zuschauerinnen und Zuschauer an ihren Bildschirmen zahlreiche Fragen. Eindrücklich erläuterte Olga Shparaga unter anderem die Rolle der Frauen in den aktuellen Protesten: „Sie verkörpern die neue Strategie der friedlichen Proteste, die Solidarität, Kreativität und die Abwesenheit persönlicher Ambitionen“, so ihre Beobachtung. „Diese Aspekte sind der Kern unserer Revolution“.

Währenddessen konnte Andrei Karpeka von den Auswirkungen der rund 7.000 Verhaftungen in den letzten vier Wochen aus persönlicher Sicht berichten. Er selbst wurde zu Beginn der Demonstrationen nachts auf der Straße verhaftet. „Ich habe dieses Trauma, wenn ein Auto vorbeifährt – Angst, dass man mich mitnimmt, so wie es mir mitten in der Nacht passiert ist.“ In den Zeilen, die er über seine kurze Inhaftierung schreibt, heißt es: „Es fällt mir schwer, meinen Hass im Zaum zu halten.“ Gleichzeitig gebe es ihm viel Kraft zu sehen, dass die Menschen weiterhin Tag für Tag auf die Straße gehen.

Die Live-Berichte aus Minsk ergänzten Nina Weller und Übersetzerin Tina Wünschmann effektvoll mit ausgewählten „Stimmen aus Belarus“, die neugierig machen, sich tiefer in die Zeitdokumente einzulesen. „Wir werden weitermachen und noch viele Nächte investieren. Es gibt viele Fragen zu beantworten“, versprach Tina Wünschmann.
(FA)
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