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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Wir können mit einem europäischen Krieg rechnen“ – Philosophin Ágnes Heller warnt vor Ethno-Nationalismus

Mit der ungarischen Philosophin Prof. Dr. Ágnes Heller war am 10. April eine der führenden Denkerinnen dieser Zeit zu Gast an der Europa-Universität. Energiegeladen, geistreich und hintergründig warnte sie vor den Gefahren des an Einfluss zunehmenden Ethno-Nationalismus in Europa.

Prof. Dr. Ágnes Heller ist eine gefragte Frau. Vor ihrer Reise mit dem Nachtzug von Budapest nach Frankfurt (Oder) war sie für Vorträge und Interviews in Mailand, Brüssel und New York. Viele wollen mit der ungarischen Philosophin – kurz vor ihrem 90. Geburtstag – über ihr Leben reden, das geprägt ist von der Verfolgung in zwei totalitären Regimen, der Emigration nach Australien und später in die USA. Viel beachtet sind ihre politischen Warnungen, die sich auf den anwachsenden Ethno-Nationalismus in Europa beziehen. „Wenn es politisch gefährlich wird, spricht man wohl nicht mehr so viel über Philosophie“, sagt sie. Etwas bedauernd klingt das, aber auch voller Bewusstsein dafür, dass man ihr, der einstigen Nachfolgerin Hannah Arendts an der New Yorker New School, zuhört; dass man ernst nimmt, was diese Frau klug und unermüdlich vorträgt. >>>weiterlesen

Fotos: Heide Fest

So war auch die Aufmerksamkeit im vollen Senatssaal der Viadrina am 10. April groß, als Ágnes Heller mit ihrer Mahnung „Achtung, Europa!“ die Key Note Lectures Series des Viadrina Instituts für Europa-Studien (IFES) eröffnete. Gemeinsam mit der Professur für Deutsch-Polnische Kultur- und Literaturbeziehungen und Gender Studies war es gelungen, Ágnes Heller an die Viadrina einzuladen. Die Philosophin nutzte die Einladung für deutliche Worte. „Wir können mit einem neuen europäischen Krieg rechnen“, folgerte sie, nachdem sie stehend und mit ausladenden Gesten einen Abriss über die europäische Demokratie-Geschichte gegeben hatte. Die Gefahr lauere im ethnischen Nationalismus von Politikern wie Viktor Orbán, Matteo Salvini und Marine le Pen. Deren negative Ideologien mache sie erfolgreich und gefährlich. „Ihr Feind ist jetzt Europa. Aber was passiert, wenn sie die Macht erobern? Wer wird der Feind sein?“, fragte Ágnes Heller in den Saal. Sie antwortete selbst: „Sie werden gegeneinander kämpfen.“

Noch sei diese Gefahr abzuwenden, real sei sie dennoch, warnte Heller und erinnerte daran, wie undenkbar ein Krieg Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen war: „Man will nicht glauben, dass es diese Gefahr wirklich gibt. Aber sie werden machen, was sie sagen. Das muss man verstehen, man muss Acht geben!“ Sie setze ihre Hoffnung auf eine europäische Verfassung, die den Föderalismus stärke und das instabile Konstrukt der liberalen Demokratie beschütze.

Ähnlich intensiv wie der Vortrag geriet die anschließende Diskussion, bei der zahlreiche Viadrina-Wissenschaftler ihre Gedankengänge mit denen der angereisten Philosophin abglichen. Nach zwei Stunden beendete Prof. Dr. Bożena Chołuj, die Ágnes Heller nach Frankfurt (Oder) eingeladen hatte, die Diskussion. „Wir haben richtig geackert“, sagte sie. Erschöpft aber wirkte Agnes Heller nicht. Es sei ihre Pflicht, ihre Überlegungen nach außen zu tragen. Sie ist davon überzeugt: „Es hängt alles davon ab, ob wir die Welt verstehen.“ (FA)