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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„Ein unerschöpflicher Quell immer neuen Vertrauens“ – Prof. Dr. Gesine Schwan über Prof. Dr. Stanisław Lorenc

Prof. Dr. Gesine Schwan, ehemalige Viadrina-Präsidentin, erinnert sich in diesem Nachruf an den früheren Rektor der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań, Prof. Dr. Stanisław Lorenc, der am 19. Januar im Alter von 76 Jahren verstorben ist.

„Stanisław Lorenc war ein kluger, grundgütiger und zugleich bescheidener Mann, ein ungemein kompetenter, sachkundiger und gewissenhafter Prorektor und ein vorzüglicher, hoch anerkannter Wissenschaftler. Die Reihenfolge ist gewollt. Denn seine großartigen menschlichen Eigenschaften haben sein professionelles Verhalten geprägt und waren Ursache seines Erfolges; jedenfalls auf dem Gebiet, auf dem ich ihn viele Jahre lang erleben und mit ihm und mit Rektor Stefan Jurga zusammenarbeiten durfte: bei der gemeinsamen Gestaltung des Collegium Polonicum in Słubice. >>>weiterlesen

Lorenc_Schwan_600 ©Heide Fest

Von Anfang an sorgte er dafür, dass die gemeinsamen Sitzungen von den Leitungen der Adam-Mickiewicz-Universität und der Europa-Universität Viadrina in einer Atmosphäre der menschlichen Zuwendung und der Verständigung abliefen. Das war nicht selbstverständlich. Zwar wollten natürlich alle Beteiligten das gemeinsame Projekt Collegium Polonicum voranbringen. Aber es war nicht ganz klar, was diese einmalige Institution deutsch-polnischer Kooperation, für die es kein Vorbild gab, ihrem Charakter nach eigentlich war, beziehungsweise werden sollte. Noch unklarer war ihre Finanzierung. So war für alle „learning by doing“ angesagt und das vor dem Hintergrund sehr verschiedener Wissenschaftstraditionen. Das förderte Missverständnisse, ja manchmal Misstrauen.

Und hier war Stanisław Lorenc ein unerschöpflicher Quell immer neuen Vertrauens und neuer Gemeinsamkeit. Nie drängte er sich vor. Und doch, wenn er bei unseren Verhandlungen gefehlt hätte, wäre eine riesige Lücke entstanden. Überall und immer trug er Sorge dafür, dass alle Beteiligten sich wohlfühlten, menschlich und bis hin zum leiblichen Wohl beim festlichen Abendessen. Er war beharrlich und ehrgeizig, aber nie um seines persönlichen Ansehens, sondern immer um der Sache willen.

Zum Abschluss meiner Präsidentschaft bescherten Rektor Stefan Jurga und Stanisław Lorenz der Viadrina-Mannschaft und mir eine traumhafte Abschiedssitzung in dem wunderschönen Schlösschen Obrzycko. Beider herzliche Gastfreundschaft und Großzügigkeit waren überwältigend.

Wir haben auch viel zusammen gelacht. Vor allem, als wir nach Jahren derart miteinander vertraut waren, dass wir uns gegenseitig unsere anfänglichen Missverständnisse erzählen konnten. Dazu gehörte, dass man in der vorbourgeoisen, eher vornehm adligen Kultur Polens nicht offen über Geld sprach (inzwischen tut man das wohl leichter). Deshalb brauchten wir fast zwei Jahre, um die unterschiedlichen Finanzierungskriterien des polnischen und des deutschen Anteils am Collegium Polonicum zu begreifen: Der polnische Staat zahlte pro einzelnem Studierendem, deshalb wirkte das deutsche Doktorandenprogramm mit immerhin 40 Doktoranden eher bescheiden. Bis wir begriffen, dass in Polen ein Doktorand für 4 Studierende stand. So kamen wir dann doch auf 160 Studierende. Damit wurde der deutsche Finanzierungsanteil auch nach polnischer Rechnung satisfaktionsfähig …

Für mich war das eine wichtige Lektion in deutsch-polnischer Verständigung. Den Boden dafür hat der wunderbare Mensch Stanisław Lorenc gelegt und immer erneut bereitet. Ich verneige mich vor ihm in Dankbarkeit und Bewunderung. Sein Tod macht mich und wohl alle, die mit ihm an der Viadrina zusammengearbeitet haben, sehr traurig.“