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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Manfred Stolpe – Eine persönliche Erinnerung

von Prof. Dr. Hans N. Weiler
(Rektor der Europa-Universität Viadrina 1993-1999)

Der Tod von Manfred Stolpe hat mich persönlich sehr bewegt. Mit seinem Namen verbindet sich viel von der Merkwürdigkeit und der Vielschichtigkeit der jüngeren deutschen Geschichte, aber auch der hoffnungsvolle Neubeginn nach der deutschen Wiedervereinigung. Für mich war Manfred Stolpe vor allem derjenige, der das Wagnis der Viadrina-Gründung aus Überzeugung eingegangen ist und politisch verantwortet und durchgesetzt hat. Das war – bei vielen konkurrierenden Ansprüchen an das neue Land Brandenburg – keine leichte Mission, und sie hat ihm nicht nur Lorbeeren eingetragen. Aber er war überzeugt, dass das Konzept einer europäischen Universität gerade an der von der Geschichte so beschwerten deutsch-polnischen Grenze richtig und auf der Höhe der Zeit war; die feierliche Eröffnung der Viadrina am 6. September 1991 sah er als „einen wichtigen Tag auf dem Wege zu einem gemeinsamen europäischen Haus“.

Dieser Weg war auch für unser persönliches Verhältnis nicht gerade ein freundschaftlicher Spaziergang. Oft genug habe ich bei ihm die wohltönenden Versprechungen der Gründungsfeiern anmahnen müssen, und bin dabei nicht gerade zimperlich mit ihm und seinen Kollegen in Potsdam umgegangen. Die wohl aggressivste Rede, die ich je in Frankfurt (Oder) gehalten habe, war mein Grußwort zur Feier des zehnjährigen Bestehens der Viadrina im Juli 2001, bei der ich in seiner Gegenwart auf das deutlichste die Versäumnisse der Landesregierung (und im übrigen auch der damaligen Bundesministerin) bei der Entwicklung der Viadrina aufgezeigt habe. Seine Entgegnung auf diese Attacke war kennzeichnend für seine Fähigkeit, in schwierigen Situationen Lösungen zu finden: Eine Woche später hatte ich eine Einladung zu einem persönlichen Mittagessen mit dem Ministerpräsidenten in Potsdam, bei dem ich ihm, mit nennenswertem Erfolg, meine (und Gesine Schwans) wichtigste Prioritäten für den weiteren Aufbau der Universität nahebringen konnte.

Zum letzten Mal bin ich Manfred Stolpe – schon gezeichnet von seiner schweren Krankheit – bei der Feier des 25-jährigen Gründungsjubiläums der Viadrina im Juli 2016 begegnet – eine Begegnung von außergewöhnlicher Wärme und Herzlichkeit, bei der wir uns unserer früheren Scharmützel mit altersweisem Schmunzeln erinnern durften. Die Viadrina und ich verdanken ihm viel.

Stolpe_Weiler_600 ©Tobias Tanzyna