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„Die Heuchelei bezüglich des EU-Beitritts kommt von beiden Seiten“ – Gastdozent aus Istanbul hielt Vortrag über die Beziehungen zwischen EU und Türkei

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Einblick in türkische Perspektiven auf einen möglichen EU-Beitritt gab am 28. Juni Dr. Inan Rüma von der Bilgi Universität Istanbul. In seinem Vortrag machte er das umstrittene Flüchtlingsabkommen für sinkende Popularitätswerte der Europäischen Union in der Türkei verantwortlich.

Dr. Inan Rüma zeigte sich skeptisch bezüglich eines türkischen EU-Beitritts: „Die Beziehungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union sind alles andere als einfach. Die EU gibt vor, dass die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei ergebnisoffen geführt werden. Gleichzeitig besteht die Sorge, ein Land aufzunehmen, das mehr Einwohner als alle anderen Mitgliedsstaaten hat und noch dazu muslimisch geprägt ist“, analysierte Rüma. Zur Veranschaulichung zeigte er einen Comic, in dem sich die EU an die Türkei wendet: „Wir möchten Euch nicht bei uns, aber wir haben Angst, dass Ihr woanders hingeht.“ In der Türkei wünsche sich eine Mehrheit der Bevölkerung einen EU-Beitritt, sei aber nicht zu den damit einhergehenden Sozialreformen bereit. „Die Heuchelei bezüglich des EU-Beitritts kommt somit von beiden Seiten“, zeigte sich der Politikwissenschaftler überzeugt. „Die Situation wird zusätzlich dadurch erschwert, dass die Zustimmung zu einem EU-Beitritt in der Türkei stark gesunken ist.“

Rüma sah vor allem in dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei einen Wendepunkt in den Beziehungen: „Viele liberale Türken sind enttäuscht, wie sich die EU für Geld aus ihrer Verantwortung stiehlt. Nationalistische Kreise verweisen auf das Abkommen, um zu zeigen, dass es die EU mit der Einhaltung der Menschenrechte nicht so genau nimmt.“ Als Alternative zu einem EU-Beitritt sprach sich der Gastwissenschaftler für eine Kooperation auf unterschiedlichen Ebenen, etwa in der Wissenschaft und der Wirtschaft, aus. 

Im Juni forschte und lehrte Rüma im Rahmen der Aziz Nesin Gastdozentur an der Viadrina. Er hielt ein Seminar zur türkischen Außenpolitik. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen internationale Organisationen und Friedensmissionen, die Politik auf dem Balkan und die internationale politische Ökonomie.

Die Namensgebung der am Master-Studiengang European Studies angesiedelten Gastdozentur „Aziz Nesin“ symbolisiert den thematischen Fokus auf soziale Vielfalt und erinnert gleichzeitig an das literarische, politische und gesellschaftliche Wirken Aziz Nesins. Der türkische Schriftsteller setzte sich zeitlebens für Meinungs- und Redefreiheit ein. Die Europa-Universität lädt regelmäßig Gastdozierende der Istanbuler Bilgi Universität nach Frankfurt (Oder) ein. Rund 100 Studierende haben bisher im Rahmen des Master-Studiengangs European Studies einen Doppelabschluss an der Viadrina und der Bilgi Universität erworben. (LW)