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„Die Kollegen warten auf das Klopfen an der Tür“ – Online-Gespräch über Science Diplomacy am Beispiel Belarus

Wie arbeiten Forschende mit Kolleginnen und Kollegen zusammen, deren wissenschaftliche und persönliche Freiheit bedroht ist? Welche Verantwortung hat Wissenschaft bei politischen Konflikten und Menschenrechts-Krisen? Diese und weitere Fragen wurden am 7. Dezember 2021 bei der Online-Veranstaltung „Science Diplomacy. Zielkonflikte und Chancen für Wissenschaftsakteure am Beispiel Belarus“ intensiv diskutiert. Eingeladen hatte das Viadrina-Programm Ukraine Calling gemeinsam mit dem Zentrum für Konfliktmanagement (IKM).

Sie hat kein politisches Mandat, sie verfügt auch nicht über politische Mittel und oft genug folgt sie geradezu gegensätzlichen Logiken, als das politische Prozesse tun. Und trotzdem wird der Wissenschaft ein bedeutendes Maß an diplomatischer Kraft in akuten politischen Krisen zugeschrieben. Das Schlagwort lautet Science Diplomacy, es hat Eingang in ein aktuelles Strategiepapier des Auswärtigen Amtes gefunden und die Idee kommt auch im Koalitionspapier der jüngst im Bund ins Amt gekommenen Regierungskoalition auf. >>>weiterlesen

Dementsprechend aktuell und brisant war die gut besuchte Online-Gesprächsrunde „Science Diplomacy. Zielkonflikte und Chancen für Wissenschaftsakteure am Beispiel Belarus“. Die Feststellungen der öffentlichen Gesprächsrunde, der ein internes Treffen vorausging, sind prägnant: Stipendienprogramme für bedrohte Studierende und Forschende genügen oft in Zuschnitt und Anzahl nicht. Konkrete Kooperationen sind angesichts von Kündigungswellen und anderen Drohkulissen schwierig umzusetzen. Und schließlich: Wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit den Vorgängen etwa in Belarus benötigen zu viel Zeit, um in akute politische Prozesse einfließen zu können.

Dr. Christian Schaich, Geschäftsführer des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) benannte in diesem Kontext „unterschiedliche Geschwindigkeiten“ von Politik und Wissenschaft, die zu Zielkonflikten führen. Dr. Gabriele Freitag, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO), stimmte zu. Auch sie sieht die größte Herausforderung in dem Abwägen zwischen Soforthilfe, etwa für bedrohte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und der Nachhaltigkeit von Kooperationen und Forschungsprojekten. Von einem Rollenkonflikt wissenschaftlicher Akteure sprach die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Silvia von Steinsdorff von der Berliner Humboldt-Universität. Ziel müsse es sein, „das Handeln über die aktuellen Hilfsimpulse hinaus auf eine neue Stufe zu heben“. Diese Aufgabe sei allerdings zu groß für Hochschulen. Der Amtsantritt der neuen Koalition in der Bundesregierung biete nun ein Möglichkeitsfenster, in dem die Wissenschaft entlastet werden und sich auf die Verteidigung der wissenschaftlichen Freiheit konzentrieren kann.

Welche Dringlichkeit die Problematik der Wissenschaftsfreiheit in Belarus auch auf persönlicher Ebene hat, verdeutlichte Dr. Felix Ackermann vom Deutschen Historischen Institut in Warschau mit seinen Beiträgen. Der Viadrina-Absolvent engagiert sich persönlich für belarussische Forschende, die er unter anderem aus Forschungsaufenthalten in Belarus kennt. „Das sind stark traumatisierte Kollegen, die warten buchstäblich auf das Klopfen an der Tür“, sagte er. Listen von Menschen, die als nächstes entlassen werden sollen, lägen bereit, die nächste Welle werde auf einen Schlag etwa 250 weitere Studierende und Forschende vor die existenzielle Frage stellen: Gehen oder bleiben?

Die Philosophin Dr. Olga Shparaga (European College of Liberal Arts), die selbst als Exil-Belarussin in Litauen und Berlin lebt und arbeitet, beschrieb die Zusammenarbeit von und mit belarussischen Akteuren aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft: „Viele haben Angst und sind unter Druck, aber sie arbeiten weiter. Die Partnerinnen und Partner vernetzen sich im Ausland, viele bleiben aber auch und wollen weiter forschen, unterrichten und kämpfen.“

Am Ende des Gespräches, dem alle Teilnehmenden ein enorm hohes Energielevel bescheinigten, wurde deutlich: Dieses Treffen kann nur ein Auftakt gewesen sein. Motiviert und ermutigt zeigten sich die Diskutierenden in ihrem jeweiligen Engagement.  Viadrina-Präsidentin Prof. Dr. Julia von Blumenthal zeigte sich dem Wunsch, das Format an der Europa-Universität fortzusetzen, offen gegenüber. Sie äußerte die Hoffnung, dass das Energielevel des Abends reiche, um Geldgeberinnen und Geldgeber sowie politische Entscheiderinnen und Entscheider zu erreichen.
(FA)

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