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„Wir brauchen Vorbilder, die für gegenseitiges Verständnis sorgen“ – Viadrina-Preis-Stifter Claus Detjen über die Bedeutung der Auszeichnung

Zum 20. Mal wird am 5. Oktober 2021 der Viadrina-Preis verliehen. Diesmal erhält die Städtepartnerschaft Danzig – Bremen die Auszeichnung für ihr Bemühen um die deutsch-polnische Verständigung. Der Initiator und Stifter des Preises Claus Detjen spricht im Interview über die anhaltende Notwendigkeit der Verständigung zwischen Deutschland und Polen und über frühe biografische Erlebnisse, die ihn zum überzeugten Grenz-Überwinder werden ließen.

Herr Detjen, in diesem Jahr wird der 20. Viadrina-Preis verliehen – eine Initiative, die auf Sie zurückgeht. Was war damals Ihr Anliegen?
Der Viadrina-Preis entstand in gedanklicher Verbindung mit dem damaligen Rektor Hans Weiler. In Frankfurt (Oder) habe ich erlebt, wie schwierig die Verständigung ist, wenn man keine gemeinsame Sprache hat. In der Redaktion der Märkischen Oderzeitung, die ich herausgab, sprach niemand Polnisch. Im Sinne der früheren Parteizeitung, aus der die Redaktion hervorging, war Polen mit seiner aufblühenden Freiheitsbewegung ideologisch vermintes Gebiet.
Mein Anliegen war und ist es, die Grenze nicht mehr als Barriere oder Sperre zu verstehen, sondern durch menschliche Beziehungen zu öffnen und die Region als europäischen Erlebnisraum zu begreifen.

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Den ersten Viadrina-Preis verlieh Claus Detjen (rechts) gemeinsam mit Viadrina-Rektor Prof. Dr. Hans N. Weiler (Mitte) am 8. Juli 1999 an Karl Dedecius.


Hat sich die Bedeutung des Preises in all den Jahren geändert?
Sie ist größer geworden; die Schwierigkeiten, die Europa noch vor sich hat, haben wir damals unterschätzt; das europäische Projekt ist noch nicht vollendet. Zugespitzt gesagt: Die Umsetzung ist sogar noch schwieriger geworden.

Wie kann ein Preis bei dieser großen Herausforderung helfen?
Er kann das Bewusstsein fördern, indem Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die sich um die Verständigung zwischen Deutschland und Polen verdient machen. Wir brauchen Vorbilder, die für gegenseitiges Verständnis sorgen. Ich stelle fest, dass dieses Verständnis in Deutschland für Polen in seiner historischen und sozialen Dimension noch immer gering ist. Das findet auch in den großen politischen Differenzen Ausdruck.

In diesem Jahr wird die Städtepartnerschaft Danzig – Bremen mit dem Preis geehrt. Warum?
Städtepartnerschaften finden direkt in der Lebenswirklichkeit statt – dort, wo Menschen wirklich zusammenkommen: beim Sport, in der Bildung, auf der Ebene individueller Freundschaften. Das sind emotional wirkende Verbindungen. Schon immer haben Städte in der europäischen Entwicklung eine besondere Rolle gespielt; sie haben Europa mitgeprägt. Die Hanse im Norden und die oberitalienischen Städte im Süden hinterließen europäische Gemeinsamkeiten. Städte sind Träger politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Danzig zeigt das besonders deutlich mit seinem Bewusstsein, wie es sich selbst die Freiheit erkämpft hat. Die Auszeichnung ist für mich auch ein Stück Bewusstmachung, dass die deutsche Wiedervereinigung ohne die freiheitlichen Entwicklungen in Polen nicht möglich geworden wäre.

Ist die unmittelbare Zusammenarbeit von größerem Wert für die Verständigung zwischen der deutschen und der polnischen Gesellschaft als die „große Politik“?
Es braucht in den deutsch-polnischen Beziehungen zumindest einen Booster, der mehr bewirkt als gut gemeinte Erklärungen auf Regierungsebene. Wir müssen versuchen, möglichst viele gute Verbindungen auf der Ebene der Lebenswirklichkeit aufzubauen. Dafür braucht es ein Interesse am Leben der Anderen, an deren Lebenshaltung, deren Lebensstil.

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Am Rande der Preisverleihung an Prof. Dr. Anna Wolff-Powęska am 9. Mai 2016 traf Claus Detjen auf Dr. Krzysztof Wojciechowski, Direktor des Collegium Polonicum.


Welche Zukunft sehen Sie für den Viadrina-Preis nach 20 Preisträgerinnen und Preisträgern?
Es gab Überlegungen, den Preis mehr in Richtung eines europäischen Preises zu entwickeln. Ich halte das für verfrüht. Die Beziehungen werden nicht leichter, das sieht man im Anwachsen der nationalistischen Bewegungen hin zum Autoritären. Ich wünsche mir, dass der Preis als Würdigung von Engagement für die deutsch-polnische Verständigung eine noch größere Ausstrahlung über die Region hinaus erhält. Solange ich es kann, werde ich mich dafür einsetzen und das Bewusstsein für die europäische Rolle der Viadrina insgesamt befördern.

Die deutsch-polnische Verständigung ist für Sie weit über Ihr berufliches Engagement in Frankfurt (Oder) zum Lebensthema geworden – warum?
Das kommt davon, dass ich in meinen jungen Jahren Grenzerfahrungen gemacht habe. Ich habe in der NS-Zeit erlebt, wie Entfremdungen und Verfeindungen entstehen. Ich habe als Bub gesehen, wie zwischen Lörrach und Basel an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz, wo zuvor die Straßenbahn fuhr, plötzlich Stacheldrahtrollen waren und die deutsche Wehrmacht patrouillierte. Fünfzehn Meter weiter standen meine Großmutter und der Bruder meiner Mutter hinter dem Stacheldrahtverhau und spanischen Reitern und winkten nach Deutschland herüber. Das vergisst man nicht, wenn die Grenze einen von der Großmutter trennt. Diese Erfahrung hat sehr wesentlich meine Grundüberzeugung geprägt, dass man Grenzen überwinden muss.

Zur Person
Claus Detjen wurde 1936 in Würzburg geboren. Er leitete das rheinland-pfälzische Pilotprojekt für Kabel- und Satellitenkommunikation in Ludwigshafen, aus dem das duale Rundfunksystem Deutschlands hervorging. Später war er Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger. 1991 kam er nach Frankfurt (Oder), wo er bis 1998 die Märkische Oderzeitung herausgab. Gemeinsam mit Viadrina-Rektor Prof. Dr. Hans N. Weiler hatte Claus Detjen den Viadrina-Preis ins Leben gerufen und 1999 erstmals vergeben. Zum 25-jährigen Bestehen der Viadrina hat er mit einer Spende von 30.000 Euro die Zukunft des Preises gesichert. Claus Detjen ist Ehrensenator der Europa-Universität.

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