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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Gnadenlos unterhaltsam: Slam-Poeten David Friedrich und Ken Yamamoto zelebrieren mit den Viaphonikern Jubiläen, Tagebucheinträge und Stand-up-Humor

Anlässlich der gleich drei Jahrestage von Viadrina, Kleist Forum und Viaphonikern trafen am 12. November 2021 Dichtkunst, Unterhaltung und populäre klassische Musik im Frankfurter Kleist Forum aufeinander. Der erste „Poetry Slam live in Concert“ begeisterte einen – den Corona-Schutzmaßnahmen entsprechend – vollen Publikumssaal mit Witz, Kunst und unterhaltsamer Unbarmherzigkeit.

 „Manche hängen noch am Smartphone …“, begrüßt David Friedrich, seit Oktober deutscher Meister im Poetry-Slam, dichtend, verbal augenzwinkernd und moderierend das Frankfurter Publikum im Kleist Forum. Eigentlich gebe es ja die feste Regel in seiner Disziplin: Keine Musik. Aber: „Wir brechen heute mit den Regeln des Poetry-Slam!“ Denn statt Konkurrenz und Publikumsbewertungen treffen Friedrich und sein Kollege Ken Yamamoto an diesem Abend auf die Musikerinnen und Musiker des Universitätsorchesters Viaphoniker, die die Poesie der zwei Dichter mit Film-, Musical- und Pop-Hits in Orchester-Arrangements umrahmen und einige Gedichte auch in schmalerer Besetzung untermalen. >>>weiterlesen

Lachen und seufzen mit dem ganzen Saal

„… aber ich kann auch kurz warten, bis Ihre Instagram-Story fertig ist“, sucht Friedrich den – wie er selbst später einräumt, im Programm vermerkten Punkt – Publikumskontakt. Aber meistens machen die zwei Slammer Witze mit Ironie und spontanem Humor auf ihre eigenen Kosten. Zum Beispiel im Streit um die Höhe des Mikrofonständers, da Yamamoto – mit dem Saal gemeinsam seufzend – über den „entwürdigenden Moment“ sinniert, nach dem Auftritt eines Deutschen als kleinerer Mann und „als Asiate“ immer das Mikro herunterstellen zu müssen. „Wir sind ja eine Veranstaltung, die Vorurteile festigen möchte“, lacht der dann in die – nun seiner Größe angepasste – Verstärkerkugel.

Als Ouvertüre des Abends spielen die Viaphoniker ein Medley aus dem Musical „Les Miserables“. Es ist der erste öffentliche Auftritt des Orchesters seit Februar 2020, wie Monique Vollbrecht, die Vorsitzende des Viaphoniker e. V., im Kurzinterview mit den zwei Bühnendichtern auf den gemütlichen Ledersofas erklärt. Während der Corona-Zeit haben sie nur einzeln spielen können, statt gemeinsamer Auftritte ein Heimmusik-Video aufgenommen: eine Coverversion des Liedes „City of Stars“ aus „La La Land“, das dann auch im Programm des Poetry-Slam-Konzertes nicht fehlen darf.

Aus Dichtung wird Musik

Ebenfalls verpatzt hatte die Pandemie den Musiker:innen übrigens den 25. Geburtstag ihres Orchesters. Den aber holen sie nun – zusammen mit 30 Jahre Viadrina und 20 Jahre Kleist Forum – an einem furiosen Abend nach. Die Viaphoniker spielen unter anderem Melodien aus „Fluch der Karibik“, „Aladdin“ und von Queen. Und sie begleiten Gedichte wie „Siehst Du die Münder?“ von Yamamoto mit einem Klavierstück von Philip Glass oder „Supplements“ – besonders Chemiker:innen dürften hier auf ihre Kosten kommen – von David Friedrich an Piano und Schlagzeug.

Bei aller Unterhaltung, die Themen der Texte sind auch ernst: „Die Gefahr ist da. Ja, aber sie kam nicht übers Meer (…) Wo und was brennt hier eigentlich um uns?“ erkundet Friedrich die Ursprünge der gesellschaftlichen Polarisierung, mit „Werbetexter Mike“ die Gefahren der Freelancer-Leistungsgesellschaft. Linguist:innen mögen sich an schwelgenden Phrasen wie „Wir steigern den Superlativ zum Ultralativ“ erfreuen, Romantiker:innen dürfen sich in Yamamotos verbalen Kamerafahrten durch heimlich gelesene Tagebuchzitate – sicherlich fiktive?! – fallen lassen.

Orchester und Slam-Duo finden für alle Lauschenden etwas. Sogar eine verständnisvolle Pointe für das ältere Paar, das kurz vor Abschlussapplaus schon seine Plätze verließ: Sie hätten sicher den Zug nach Berlin kriegen müssen, „um rechtzeitig vorm ‚Berghain‘ in der Schlange zu stehen“. Die Lacher sind auf ihrer aller Seite – und zwar die gesamten zwei Stunden lang. Am Smartphone hängt da schon lange niemand mehr.

(Text und Fotos: Peggy Lohse)