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25 Jahre
Das lebendige Jubiläumsjahr

Minister Robert Glebocki

»Die Eröffnung einer neuen Universität ist eine erhebende und seltene Feierlichkeit«

Rede des Ministers für Nationale Bildung der Republik Polen, Professor Dr. habil. Robert Glebocki, zur Eröffnung der Europa-Universität Frankfurt (Oder) am 6. September 1991
(ins Deutsche übersetzt durch Bettina Horn)

„Sehr geehrte Herrschaften,

wir alle sind uns dessen bewußt: die Eröffnung einer neuen Universität ist eine erhebende und seltene Feierlichkeit – und wir nehmen heute an einem besonderen und selbstverständlich optimistischen Ereignis teil.

Man kann daran zweifeln, ob die Geschichte Informationen über die mögliche Zukunft bringt. In bezug auf die Vergangenheit lassen sich gewisse Regeln nicht in Frage stellen. Solch eine Regel ist die große Zahl der Konflikte zwischen den direkten Nachbarn. Zeiten von Kriegen wechselten unaufhörlich mit Friedenszeiten. So war es auch in der Geschichte Deutschlands und Polens. Kriege, die weit zurückliegen, sind Geschichte, die, an die sich die Lebenden erinnern, sind Tragödie.

Seit dem letzten Krieg sind fast 50 Jahre vergangen. Im September 1939 haben die totalitären Mächte - das Hitlerdeutschland und die stalinistische Sowjetunion – Polen angegriffen und für eine Zeitlang von der Karte Europas ausgelöscht. Aber wie sah die Abschlußbilanz aus: gewaltige Zerstörungen, Millionen Ermordete, Polen einer fremden Macht mit einem aufgezwungenen System kommunistischer Regierungen untergeordnet, Deutschland geteilt – mit einem östlichen Teil, der zum Kommunismus gezwungen wurde und der Berliner Mauer als Symbol der Ungerechtigkeit. Wenn wir lernen, diese tragische und nicht allzu entfernte Vergangenheit durch die Folgen zu beurteilen und nicht durch die Ergründung von Schuld und durch den Vergleich von Verlusten – haben wir die Chance, gemeinsame Schlußfolgerungen zu ziehen. Freundschaftliche Beziehungen zwischen den Nachbarn, Freundschaft zwischen Polen und Deutschen, brüderliche Verbindungen zwischen Polen und Deutschen – das ist die natürliche und einzige Zukunft.

Der hervorragende polnische Mathematiker Hugo Steinhaus hat fast sein ganzes Leben in Lwow verbracht. Nach dem zweiten Weltkrieg antwortete er auf die Frage, wie oft er die Grenze überschritten habe: „Ich - gar nicht, aber die Grenze hat mich dreimal überschritten.“ Mögen wir die Grenzen nach unserem Willen überschreiten und nicht die Grenze uns.

Die heutige Feier der Eröffnung der neuen Universität ist ein bedeutender Schritt zur Aufhebung überflüssiger Barrieren, die aus dem Vorhandensein der Grenzen entstehen. Es ist ein Schritt zur Überwindung der schlechten Traditionen, die den Feind dort sehen, wo er schon lange nicht mehr ist. Polen und Brandenburg haben sich erst unlängst vom Druck des totalitären Kommunismus befreit. In Polen hat die Schlüsselrolle die „Solidarnosc“ gespielt. Diese gesellschaftliche Bewegung hat den Kampf um die Befreiung voller Entschlossenheit, aber auch mit der Grundbedingung – wir kämpfen ohne Blutvergießen – begonnen. Ich bin stolz darauf, daß ich von Anfang an, seit August 1980, aktiver Funktionär der Gewerkschaft „Solidarnosc“ bin. Wir haben einen Erfolg im Juni 1989 erreicht. Bald danach brach die Berliner Mauer. Die Historiker werden darüber entscheiden, in welchem Umfang die Ereignisse in Polen auf die Entwicklung der Situation in Mitteleuropa Einfluß genommen haben; es ist aber schwer zu leugnen, daß sie den Prozeß der unabwendbaren Veränderungen beschleunigt hat. Heute kann man dank dieser Änderungen die Europa-Universität in Frankfurt (Oder) eröffnen.


Eine der Schlüssellösungen in Polen ist das „Zugehen auf Europa“. Wir verstehen darunter das Sich-Öffnen für alle Kontakte mit anderen Staaten, das Schöpfen aus einer gemeinsamen Tradition und Kultur, die gegenseitige Bereicherung. Das von Natur aus universelle Problem der Bildung und Wissenschaft hört auf, ein Problem zu sein, das man unbedingt allein lösen muß. Wissenschaftler und Professoren der Universitäten unterhielten immer internationale Kontakte. Aber der Schlüssel sind die Kontakte der jungen Leute. Sie, die sich als Studenten kennenlernen, nehmen gegenseitige Achtung und Freundschaft mit in die Zukunft.

Deshalb sind wir der Meinung, daß die Europa-Universität in Frankfurt (Oder) einen großen Beitrag auch von der Seite Polens besitzen muß. Wir wollen, daß hier polnische Studenten und polnische Wissenschaftler sind. Wir möchten, daß die polnisch-deutschen Beziehungen als gemeinsame Maßnahmen, gemeinsame Ziele gestaltet werden. In einem gemeinsamen Europa, im Prozeß der Öffnung und nicht des Verschließens, können wir eine Brücke sein zu sich befreienden Ländern des östlichen Teils des Kontinents – Litauen, Lettland und Estland. Unseren Anteil an der eröffneten Universität sehen wir als Annäherung und Einbeziehung der Slawen in den Bau des gemeinsamen europäischen Hauses.

Wir bereiten uns auf eine gute Realisierung unserer Verpflichtungen vor: die Organisation von Internaten und die Schaffung einer sozialen Basis auf der anderen Seite der Oder, in Słubice. Wir möchten, daß so schnell wie möglich anstatt der heutigen symbolischen Feier der Beginn der Lehrveranstaltungen in Anwesenheit des Professorenkollegiums und mit dem Lärm der Studenten erfolgt.

Die Zeit wird zeigen, ob sich unsere Pläne und Hoffnungen, die mit der Universität verbunden sind, schnell und vollständig erfüllen werden. Aber ohne den Glauben an den Erfolg kann man nichts beginnen. Diesen Glauben an den Erfolg teile ich. Ich sehe die Europa-Universität in Frankfurt (Oder) als Chance für den Bau eines dauerhaften Fundaments der polnisch-deutschen Zusammenarbeit sowie als Öffnung der Tür für die polnischen Studenten zum Westen und für die deutschen Studenten zum Osten. Und ihre Begründung ist sogar im Verlauf der heutigen Feier sichtbar: die Tatsache, daß wir uns über Dolmetscher verständigen, ist der beste Beweis für die Notwendigkeit zum schnellen Handeln.“

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