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25 Jahre
Das lebendige Jubiläumsjahr

„Feiern in der Krise - Europa braucht die Europa-Universität“

Festvortrag zur Feier des 25. Gründungsjubiläums der Europa-Universität Viadrina

Frankfurt (Oder), 21. Juli 2016
Prof. Dr. Dr. h.c. Hans N. Weiler [1]

In der Paläontologie – der „Wissenschaft von den Lebewesen vergangener Erdzeitalter“ – gibt es den Begriff der „Leitfossilien”, mit deren Hilfe man einen geologischen Zeitabschnitt und die während dieser Zeit abgelagerten Sedimente identifizieren und untersuchen kann. In diesem Sinne gelten Trilobiten etwa als Leitfossilien für das Kambrium, Ammoniten für das Mesozoikum und Schnecken und Muscheln für das Tertiär und Quartär. Wenn man dieses Konstrukt einmal auf die historischen Sedimente von Hochschulen anwenden würde, dann wäre ich so etwas wie ein Leitfossil für die Anfangsjahre der Viadrina, nicht ganz so versteinert wie ein Ammonit, schon etwas angegraut, aber vielleicht für die Erkundung gerade dieser Ablagerungsschicht doch noch zu gebrauchen. Es wäre natürlich reizvoll, den hier versammelten Würdenträgern aus der Geschichte dieser Universität auf ähnliche Weise die Rolle von Leitfossilien zuzuordnen, aber dieser Versuchung werde ich zu widerstehen wissen.

Ich möchte versuchen, meiner Funktion als Leitfossil auf zweifache Weise gerecht zu werden: zum einen durch einige Reflektionen über den historischen und wissenschaftspolitischen Kontext, der die Sedimentschicht der neunziger Jahre ausgemacht und geprägt hat, und zum anderen durch einige Anmerkungen zu der Frage, ob denn dieser Kontext und die ihm zugrundeliegenden Vorstellungen für eine Europa-Universität des Jahres 2016 noch richtungweisend sein können. Lassen Sie mich den Kern meiner These vorwegnehmen: das europäische Projekt, wie es Anfang der neunziger Jahre auch für das Konzept dieser Universität maßgeblich war, ist im Jahre 2016 (und keineswegs nur durch Brexit) in eine schwere Krise geraten, die den Erfolg der europäischen Integration auf das nachdrücklichste gefährdet und gerade für diese Universität neue und nicht zu umgehende Herausforderungen mit sich bringt.

Soweit zur These - aber blicken wir zunächst einmal 25 Jahre zurück. Damals, Anfang der 90er Jahre, war für Europa ein zweiter Frühling angebrochen, für den der Fall der Berliner Mauer und die sich abzeichnende Idee einer Osterweiterung der Europäischen Union bestimmende Elemente waren. Die hochschulpolitischen Pläne des Landes Brandenburg, die Entscheidung für eine Europa-Universität an der Oder, die Überlegungen des Gründungssenats und die schon früh von Knut Ipsen und Waldemar Pfeiffer begonnenen Gespräche mit unseren polnischen Nachbarn waren von diesem Aufbruch geprägt; die Wahl gerade dieses Standorts an der Oder für eine Universität „im Herzen des neuen Europas“ war sinnfälliger Ausdruck für die Hoffnung auf das, was mit der Erweiterung der EU von 2004 Wirklichkeit werden sollte (und was die Außenminister Deutschlands und Polens, Włodzimierz Cimoszewicz und Joschka Fischer, in der Nacht zum 1. Mai 2004 auf der Oderbrücke zwischen Frankfurt und Słubice gemeinsam feierten).

Das war die Luft, die wir alle miteinander in den Anfangsjahren dieser Universität geatmet haben. Manfred Stolpe bezeichnete damals den Tag der feierlichen Eröffnung der Viadrina am 6. September 1991 als „einen wichtigen Tag auf dem Wege zu einem gemeinsamen europäischen Haus“[2], und Knut Ipsen sprach in seiner Rede bei der Rektoratsübergabe im Oktober 1993 davon, dass „diese Universität … mit ihrer Struktur, mit ihrem Angebot und mit ihrer Intention ausgerichtet ist auf das Europa nach 2000“[3]. Der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski eröffnete im Oktober 1996 das fünfte akademische Jahr der Viadrina mit der Versicherung, „dass Polen ebenso wie Deutschland an dieser Herausforderung der Universität, die Zukunft des gemeinsamen Europas zu gestalten, teilnehmen will“, und beschrieb seine eigene kritische Vision für diese Zukunft: „Europa tritt in das neue Jahrhundert und Jahrtausend ein, und ist sich der vielfältigen Aufgaben und Herausforderungen bewusst, die vor ihm und vor den neuen, für die Demokratie gewonnenen Nationen stehen. Die Bewältigung dieser Herausforderungen wird diesen Nationen ihren neuen Platz in der Welt zuweisen.“[4]

In einer Rückbesinnung auf diese herausfordernden Gründerjahre habe ich neulich meinem Freund Claus Detjen – dem großzügigen Stifter und Förderer unseres Viadrina-Preises – in einem Geburtstagbrief geschrieben: „Für mich – und, ich glaube, auch für Dich – war das wirklich Packende an diesem neuen Aufbruch die Chance, das inzwischen etwas angestaubte Europa noch einmal neu zu denken und mit neuen Energien und neuen Ideen anzureichern. Wo, wenn nicht an der Grenze zwischen Deutschland und Polen, ließe sich denn sonst noch einmal ... das Exempel von Friedfertigkeit und Zusammenarbeit gegenüber einer Jahrhunderte alten Tradition von Konflikt statuieren?“

Auch damals schon wurde übrigens in den Erörterungen und Plänen für diese Universität deutlich, wie wichtig für das große europäische Projekt die Einsicht war, dass das zu schaffende Europa nicht als Einheitsware zu haben sei, und dass seine Stärke gerade in der Vielfalt seiner kulturellen und gesellschaftlichen Überlieferungen liegen würde. In meiner Antrittsrede als erster gewählter Rektor der Viadrina lag mir sehr daran, gerade diese Perspektive zu betonen:

„Denn was immer man unter dem kulturellen Erbe Europas verstehen mag, es beinhaltet ja in allererster Linie den Reichtum einer vielgestaltigen kulturellen Landschaft, die lebendige Vielfalt kultureller Überlieferungen, Werte und Lebensformen - von Oslo bis Palermo, und von Dublin bis zu den Masuren. Das Jahrhundertwerk europäischer Einigung kann denn ja auch nicht darin bestehen, einem so gearteten Gebilde Einförmigkeit und kulturelle Homogenität überzustülpen; im Gegenteil wird es besondere Anstrengungen erfordern, kultureller Vielfalt angesichts der standardisierenden Einflüsse moderner Technologie, modernen Wirtschaftens und modernen Verwaltens ihren Reichtum und ihre Vitalität zu bewahren. So müsste, in der weiteren rechtlichen und politischen Konstruktion Europas und in der diese Konstruktion begleitenden und informierenden Wissenschaft, ganz besondere Aufmerksamkeit den Lebens- und Entfaltungsbedingungen kultureller Vielfalt gelten …“[5]

Die Bedeutung, die das Gründungskonzept der Viadrina gerade der orientierenden Funktion der Kulturwissenschaften zuwies, fand ja in eben diesem Postulat, kulturelle Vielfalt – einschließlich ihres inspirierenden und heuristischen Potenzials – zu verstehen und zu pflegen, ihre eigentliche Begründung. Meinem nicht immer pflegeleichten, aber immer hochgeschätzten Partner im Aufbau der Kulturwissenschaften, dem verstorbenen Rudolf von Thadden, darf ich in diesem Zusammenhang einen späten und herzlichen Tribut zollen.

Auf einen kurzen Nenner gebracht: Die Europa-Universität war von Anfang an bereit und darauf angelegt, das europäische Projekt in dieser seiner neueren und größeren Inkarnation mit Energie, aber auch mit kritischer Aufmerksamkeit zu begleiten. Wenn heute Alumni und Alumnae der Viadrina an wichtigen privaten und öffentlichen Schaltstellen Europas diesseits und jenseits der Oder tätig sind, dann darf diese Mission als gelungen gelten. Bernhard Vogel hat einmal gesagt, dass man Europa nicht im Schlafwagen erreichen kann, sondern dass man dafür Lokomotivführer braucht; die Viadrina hat hervorragende Lokomotivführer (und –führerinnen!) hervorgebracht!

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Inzwischen sind Europa und die Europa-Universität im denkwürdigen Jahr 2016 angekommen. Die Europa-Universität – das darf man ihr zu diesem Geburtstag gerne bestätigen – hat sich gut entwickelt in diesen 25 Jahren – ehrlich gesagt: besser als selbst ich, der zu meiner Zeit oft belächelte Optimist vom Dienst, am etwas holprigen Beginn dieser 25-jährigen Geschichte erwartet hätte. Wir alle dürfen Gesine Schwan, Gunther Pleuger und Alexander Wöll, aber auch ihren Mitstreitern in der Verwaltung, der Professorenschaft und unter den Studierenden unseren herzlichen Dank sagen für die Energie und die Umsicht, mit der sie die nach wie vor großartige Idee dieser Universität fortgeführt und weiter entwickelt haben – und ich darf Ihnen, verehrte Frau Ministerin, gerade diese Universität, mit der Brandenburg europäische Hochschulgeschichte geschrieben hat, besonders ans Herz legen.

Eine ähnlich erfreuliche Bilanz kann man allerdings dem Europa dieser Tage nicht ausstellen. Ist aus dem Aufbruch der neunziger Jahre wirklich ein neueres und besseres Europa geworden? Was wird ein künftiges Leitfossil des gegenwärtigen Zeitalters wohl über den Zustand des großen europäischen Projekts im Jahre 2016 zu sagen haben – angesichts einer dramatischen Erosion der öffentlichen Zustimmung zur Einheit Europas, nach den verheerenden Schäden, die eine dilettantisch gezimmerte Währungsunion vor allem im Süden dieses Kontinents angerichtet hat, nach einer in der Trompete stecken gebliebenen Reform der demokratischen Legitimation europäischer Politik, nach der Eruption europaskeptischer Kräfte in Ländern wie Ungarn und Polen, aber auch in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland, und nach der historischen Entscheidung des Vereinigten Königreichs, der Europäischen Union den Rücken zu kehren?

In der Tat, die Bilanz ist ernüchternd. Der zunächst anscheinend garantierte wirtschaftliche Erfolg der europäischen Einigung ist dabei, von einer übereilt und opportunistisch konstruierten Währungsunion verspielt zu werden; die dabei entstandenen Antipathien und Vorbehalte unter den europäischen Partnern werden noch lange das europäische Klima vergiften. Die konstitutionelle und politische Konsolidierung der Europäischen Union ist in wohlgemeinten Anfängen stecken geblieben; die Union ist eine bürokratische und technokratische Einrichtung und das Europäische Parlament ein demokratisches Halbblut geblieben. Die Rolle, die Europa so dringend in den großen ökologischen, demographischen und humanitären Krisen unserer Tage und in der Stärkung der internationalen Sicherheit spielen könnte und müsste, bleibt im Gestrüpp nationaler Interessen und Eitelkeiten hoffnungslos verfangen und den übrigen großen Mächten der Welt überlassen, die damit entweder – wie die USA – überfordert oder – wie China und Russland – in ungute Versuchungen geführt werden. Und wenn es noch einer Bestätigung für die politische Blutarmut des „neuen“ Europas bedurft hätte, dann ist sie in der Verweigerung einer auch nur annähernd gemeinsamen europäischen Bewältigung der heutigen Flüchtlingskrise überdeutlich geworden -  ein schlechtes Omen für die Bewältigung noch ganz anderer Migrationsbewegungen, die im Gefolge des Klimawandels zu erwarten sind. Und für diejenigen, die an der Öffnung Europas gerade für Polen so intensiv mitgearbeitet haben, ist die isolationistische und xenophobe Haltung der heutigen polnischen Regierung eine besonders herbe Enttäuschung – auch das muss man unter Freunden offen sagen dürfen.

Die Idee der europäischen Einigung hat unter dem Einfluss der europäischen Realitäten des Jahres 2016 an Glaubwürdigkeit und an Überzeugungskraft verloren; Wahlbeteiligungen, Meinungsumfragen und das Erstarken europaskeptischer und europafeindlicher Kräfte sprechen eine deutliche Sprache. Ein Übermaß an Harmonisierung und Homogenisierung droht die lebendige Vielfalt der europäischen Überlieferungen und ihr Potenzial für kreativen Wettbewerb zu verschütten. Das immer wieder beschworene, aber nie wirklich in Angriff genommene Demokratiedefizit der Strukturen und Verfahren der Europäischen Union gefährdet inzwischen ernsthaft – verschärft durch den Machtzuwachs von Einrichtungen wie der Europäischen Zentralbank – die Legitimation des europäischen Projekts. Und selbst da, wo unter den Völkern Europas ein Gewinn an friedlichem Zusammenleben wirklich entstanden ist, schwindet die Wertschätzung dieses Gewinns in dem Maße, in dem die persönliche Erfahrung von unfriedlichem Zusammenleben immer weiter in die Vergangenheit rückt und sich neue Konflikte – wie die zwischen Griechenland und Deutschland – auftun. Das Resultat sind zunehmende Zweifel am Gelingen des europäischen Projekts und an einem angemessenen Verhältnis von Souveränitätsverzicht und Einigungsgewinn. Könnte es sein, dass mein Stanford-Kollege Sepp Gumbrecht mit seiner Vermutung in der FAZ Recht hat, „dass sich die Europäische Union als eine jener vergangenen Zukünfte erweisen (könnte), deren erfüllte Gegenwart nie eingetreten ist“[6]?

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Lassen Sie mich an dieser Stelle einen kleinen Exkurs einfügen, denn Sie werden von einem Bürger der Vereinigten Staaten erwarten, dass er sich gerade in diesen Tagen und Wochen nicht darauf beschränkt, nur über Europa zu reden. Ich will Sie nicht enttäuschen, auch wenn mir meine Zeit nur zwei kurze Bemerkungen erlaubt. Vorab darf ich Ihnen aber auch in aller Offenheit gestehen, dass ich zwar immer noch einen enormen Respekt vor den politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leistungen meiner amerikanischen Wahlheimat habe, gleichzeitig aber auch in den 50 Jahren, die ich jetzt in den USA lebe, selten so frustriert und ratlos über ihre Zukunft gewesen bin wie heute.

Meine erste Bemerkung: Es gehört zu den weltpolitischen Torheiten der letzten 50 Jahre, den USA eine internationale Führungsrolle zu überlassen, die sie im Grunde weder gesucht noch für die sie in ihrem Selbstverständnis besonders geeignet sind – trotz ihrer fatalen Neigung, sich immer wieder aus durchaus noblen Prinzipien auf überaus fragwürdige politische Abenteuer einzulassen: Vietnam, Somalia, Afghanistan, Irak (auch wenn man gerade in Deutschland nicht vergessen sollte, dass ein eben solches Abenteuer vor siebzig Jahren die Befreiung Deutschlands von den nationalsozialistischen Verbrechern ermöglicht hat).

Wie töricht es war, sich (gerade auch nach dem Ende des Kalten Krieges) so ausschließlich und sorglos auf diese einzig funktionsfähig gebliebene Macht zu verlassen, wird in diesen Tagen überdeutlich, in denen dieses so großartige Land politisch von allen guten Geistern verlassen und durchaus in der Lage zu sein scheint, aus purem Verdruss an der herkömmlichen Sklerose des politischen Systems einen durch und durch perfiden Rattenfänger namens Donald Trump in das Weiße Haus zu entsenden. Wer daran auf dieser Seite des Atlantik – völlig zu Recht – Anstoß nimmt, muss sich allerdings auch die Frage gefallen lassen, wie es denn um eine komplementäre Führungsrolle Europas in dieser gefährdeten Welt bestellt ist.

Meine zweite Bemerkung: Zu der Kandidatur von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten – also zum Nachfolger von Abraham Lincoln, Franklin Roosevelt, Lyndon Johnson und Barack Obama – ist mehr zu sagen, als ich hier unterbringen kann. Eine Feststellung ist mir hier aber besonders wichtig. Unter den Faktoren, die die Kandidatur von Donald Trump überhaupt möglich gemacht haben, spielen zum einen ein weit verbreiteter Verdruss am krassen Versagen herkömmlicher Politik und zum anderen eine ganz bewusst geschürte Angst vor Fremdartigkeit – ob sie nun aus Mexiko, der islamischen Welt oder der eigenen afro-amerikanischen Bevölkerung stammt – eine entscheidende Rolle. Diese Faktoren aber sind keine amerikanischen Besonderheiten, sie stecken ganz ähnlich auch in den Parolen des Front National, der eigenartigen Befürworter des Brexit und der Schreihälse von Pegida und ihren Sympathisanten. Die Donald Trumps sind überall in diesen Tagen – auch wenn unsere amerikanische Version besonders widerwärtig daherkommt (und wir uns überdies eine Gegenkandidatin leisten, die bei all ihren Fähigkeiten mit dem real existierenden Filz der amerikanischen Politik aufs engste verbandelt ist).

Ich kehre zurück nach Europa. Das, was ich über den Zustand des europäischen Einigungsprojekts gesagt habe, wäre an sich schon beunruhigend genug. Es wird aber besonders folgenschwer dadurch, dass die Krise Europas gerade in dem historischen Augenblick akut wird, in dem eine wache und funktionsfähige Präsenz Europas in der Welt entscheidend wichtig wäre.

Denn die Bedrohungen der bestehenden internationalen Ordnung mehren sich in dem Maße, in dem die wirtschaftliche Dynamik – nicht zuletzt in den Schwellenländern – deutlich nachlässt, in dem wachsende Ungleichheiten unter den Völkern der Welt, organisierter Hass auf die Lebensformen des Westens und ein rasanter internationaler Waffenhandel militanten Terrorismus schüren, in dem der Klimawandel den Küsten, den Wäldern, den polaren Eisschilden und den Menschen seine ersten katastrophalen Vorboten serviert und in dem der Menschheit durch knapper werdendes Wasser, schmutziger werdende Luft und aggressiver werdende Epidemien wie Ebola und Zika ernste gesundheitliche Schäden drohen. Das alles addiert sich zu einer kollektiven Gefährdung, in der den dazu fähigen Ländern dieser Welt eine monumentale Aufgabe der Krisenerkennung und der Krisenbewältigung erwächst. Wirksame Ansätze dazu sind allerdings, von bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, kaum erkennbar. Noch weniger erkennbar ist die Rolle, die ein gemeinsam handlungsfähiges Europa in dieser Krise spielen könnte – wenn es denn nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt wäre.

All dies kann und darf einer Europa-Universität nicht gleichgültig sein – das Scheitern des europäischen Projekts wäre auch das Versagen eines europäisch konzipierten wissenschaftlichen Programms, wie es diese Universität mit ihrem Gründungsauftrag verkörpert hat. Das Projekt der europäischen Einigung darf nicht scheitern – die Alternative wäre verheerend. Die hier gestellte kritische Diagnose zum Befinden des europäischen Patienten, die ich mit vielen Beobachtern innerhalb und außerhalb Europas teile, ist kein Grund, den Patienten aufzugeben – im Gegenteil: Sie ist allerdings Grund genug, gerade auch die besten Kräfte einer Europa verpflichteten Wissenschaft aufzubieten, um eine realistische und wirksame Rekonvaleszenz zu konzipieren.

Vor kurzem ist ein bemerkenswertes Buch erschienen, das unter maßgeblicher Mitwirkung der von Kurt Biedenkopf und mir mitbegründeten Hertie School of Governance in Berlin entstanden ist. Das Buch versammelt Beiträge einer erlesenen Truppe von europäischen Rechts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaftlern, die sich die Aufgabe einer ebenso nüchternen wie schonungslosen Analyse des Zustands und der zukünftigen Möglichkeiten der Europäischen Union gestellt haben. Der Titel des Buches verrät einiges über das kritische Ergebnis dieser Analyse: „The End of the Eurocrats‘ Dream: Adjusting to European Diversity“ (Das Ende des Traums der Eurokraten: Der Vielfalt Europas Rechnung tragen)[7]. Die Kernthese des Buches ist, dass es sich bei der Krise der EU keineswegs allein um eine fiskale Krise handelt, sondern dass sie tiefgreifende Fehler in der Struktur der Union selbst und in den wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Bauelementen der europäischen Integration offenbart. Die Bestandsaufnahme kommt zu dem dramatischen, aber wohlbedachten und mit großer Sorgfalt dokumentierten Schluss, dass „die Zukunft der europäischen Integration ungewisser ist als je“; sie postuliert jedoch auch, dass die Notwendigkeit einer ganz grundsätzlichen Debatte über die Bedingungen und Möglichkeiten dieser Zukunft „irrefutable“ – unabweisbar – ist[8].

An dieser Debatte wird sich die Europa-Universität, wenn sie denn ihrem ursprünglichen Anspruch und ihrem Titel gerecht werden will, in besonders intensiver Weise beteiligen müssen. Neben vielem anderen zeigt das Buch über das Ende des eurokratischen Traums, wie sehr es für diese Debatte eines wirklich interdisziplinären Ansatzes bedarf - eine Prämisse, die aus den nämlichen Gründen beim Aufbruch dieser Universität Pate gestanden hat und die, wenn wir ehrlich sein wollen, in ihrer realen Verwirklichung an dieser Universität noch Luft nach oben hat. In meinen kühneren Träumen könnte ich mir gut vorstellen, dass ein Buch wie dieses auch an der Viadrina entstehen könnte (und vielleicht ja auch schon im Entstehen begriffen ist, das will ich gerne einräumen). Von seinem Ansatz her, den ich schon immer für sehr ertragreich gehalten habe, müsste das Forschungszentrum „B/Orders in Motion“ hier einen besonders wertvollen Beitrag leisten können. Ein Zentrum wie dieses, dessen Mission der vielfältigen Bedeutung und Erscheinungsform von Grenzen gewidmet ist, müsste etwa zu der von Dani Rodrik in seinem Buch über „das Paradox der Globalisierung“ (im Untertitel: Demokratie und die Zukunft der Weltwirtschaft[9]) aufgeworfenen Frage, wie denn Globalisierung, demokratische Legitimation und nationale Selbstbestimmung miteinander zu vereinbaren sind, sehr viel zu sagen haben.

***

Ich habe, auch als Rektor dieser Universität, gelernt, dass man Wissenschaftlern nicht sagen darf, worüber sie forschen sollen, aber lassen Sie mich zum Schluss meines Plädoyers zumindest drei europäische Baustellen benennen, die ich für ein wissenschaftlich fundiertes Verständnis der Probleme und der Möglichkeiten des europäischen Einigungsprozesses für besonders wichtig halte und von denen ich mir zumindest vorstellen könnte, dass sie zu Katalysatoren im wissenschaftlichen Selbst- und Zukunftsverständnis einer Europa-Universität werden könnten. Ich erlaube mir, diese Themen gerade an dieser Universität zur Sprache zu bringen – aus zwei Gründen: Zum einen, weil jedes dieser Themen sich einem rein fachwissenschaftlichen Ansatz entzieht und im Grunde genau des für die Viadrina kennzeichnenden Fächerspektrums und der Zusammenarbeit von Rechtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft und Kulturwissenschaft bedarf. Zum anderen, weil ich – soweit ich es übersehen kann – vom wissenschaftlichen Kaliber der inzwischen an dieser Universität lehrenden und forschenden Kolleginnen und Kollegen so beeindruckt bin, dass ich ihnen auch das Bohren dieser ganz besonders dicken und hartnäckigen Bretter zutraue.

Die erste Baustelle – und das wird Sie gewiss nicht überraschen – müsste sich die nüchterne und vorurteilslose Diagnose der Pathologie der Europäischen Währungsunion zur Aufgabe machen – einer Pathologie, die dem aufmerksamen Beobachter ja schon in den parlamentarischen Debatten um das Gesetz zur Einführung des Euro auffallen konnte – ich erinnere an die Rede von Kurt Biedenkopf im Bundesrat am 24. April 1998 zur Begründung des ablehnenden Votums des Freistaats Sachsen[10]. Bis zum Ausbruch der Flüchtlingskrise, und wohl auch seither, ist die Krise der Europäischen Währungsunion die wohl folgenschwerste Havarie des europäischen Einigungsprozesses. Wenn diese Krise sich überhaupt überwinden lässt, dann wohl nur auf der Basis einer schonungslosen Analyse der strukturellen und politischen Fehlleistungen, die für den Werdegang der Währungsunion kennzeichnend gewesen sind. Für eine solche Analyse ist der Beitrag von Fritz Scharpf[11] – einem zu übereilten Schlüssen sicher nicht neigenden Verwaltungswissenschaftler – in dem von mir schon zitierten Buch über das Ende des eurokratischen Traums ein vorzügliches Beispiel und ein guter Ansatz für weitere Überlegungen. Scharpf wendet sich mit guten Gründen gegen das Argument, dass die Bewahrung des Euro a priori „alternativlos“ sei, und fordert eine nüchterne Betrachtung nicht nur der Kosten einer „Desintegration“ der Währungsunion, sondern auch der nicht unerheblichen Kosten einer Vermeidung der Desintegration um jeden Preis. Genau dieser Art einer vorurteilsfreien Analyse alternativer Szenarien kommt in der gegenwärtigen Krise ganz besondere Bedeutung zu.

Bei den beiden übrigen Baustellen geht es mir um zwei besonders problematische „Flanken“ der Europäischen Union, die meines Erachtens intensivsten wissenschaftlichen Interesses bedürfen. Die eine Flanke ist die im Süden der Union, wo sich die in der Tat epochale Aufgabe stellt, das Mittelmeer von einem Massengrab verzweifelter Flüchtlinge zum Knotenpunkt eines von Europa angeführten Projekts internationaler Solidarität zu machen. Das hat die Dimensionen eines Projekts, gegen das der Marshall-Plan zum Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Europas ein Kinderspiel war, das aber nur in solchen Dimensionen Aussicht auf Erfolg in der humanen Bewältigung der modernen Migrationsdynamik hat. Das wird nicht ohne die tatkräftige Hilfe der USA und Chinas, aber auch Israels und der arabischen Welt möglich sein, aber schon die Geschichte macht eine Führungs- und Initiativrolle Europas in diesem Prozess unumgänglich. Ich mache mir überhaupt keine Illusionen darüber, wie schwer die Konflikte zu lösen oder auch nur zu moderieren sind, die aus Ländern wie Syrien und Nigeria die Menschen zu Tausenden in die Flucht treiben, aber ich kann uns allen die Herausforderung nicht ersparen, internationale Exempel dafür zu statuieren, dass menschenunwürdiges Dasein in vielen Gegenden Afrikas und Vorderasiens mit vereinten Kräften menschenwürdiger gemacht werden kann. Das bedarf riesiger Anstrengungen im Siedlungs- und Verkehrswesen, in der Wasserwirtschaft, im Gesundheits- und Erziehungswesen – aber diese Welt verfügt – wenn sie denn will – über solche Reichtümer, dass damit viel erreicht werden kann; man sehe sich nur einmal an, was eine einzige Stiftung – die von Bill und Melinda Gates – mit klugen und gezielten Maßnahmen im Gesundheitswesen und in der Armutsbekämpfung erreicht. Im Rahmen eines solchen Konzepts macht dann auch eine kluge und großzügige Zuwanderungs- und Hin- und Zurückwanderungspolitik durchaus Sinn. Entscheidend ist: Wenn Europa seine Würde nicht verspielen will, dann darf Frontex nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Ich weiß, eine Universität ist keine Einrichtung der Entwicklungshilfe, aber sie ist – und heute unabdingbarer denn je – ein Ort des Nachdenkens über die Lösung von schwierigen Problemen. Dazu sind sie erfunden worden, und das zu wollen und zu können hat immer schon zu den vornehmsten Aufgaben von Wissenschaft gehört – auch wenn sich manche ihrer abgehobeneren Vertreter gelegentlich naserümpfend davon abwenden.

Die dritte Baustelle schließlich liegt gleichsam vor der Tür dieser Universität; sie betrifft die andere problematische Flanke – die östliche – der Europäischen Union – eine Flanke, die im Selbstverständnis dieser Universität von Anfang an eine wichtige Rolle gespielt hat, deren Beschaffenheit sich aber im Laufe der letzten 25 Jahre erheblich verändert und gefährdet hat. Es war, um es noch einmal zu sagen, schon eine beachtliche Leistung für Brandenburg und für diese Universität und für ihre polnischen Partner, nach einer langen Geschichte des Misstrauens den Weg über die Oder weit zu öffnen – so weit, dass ich als Rektor 1993 hunderte polnischer Studierender zur Immatrikulation an der Viadrina begrüßen konnte.  Das war ein guter Anfang, aber es war nur ein Anfang. Inzwischen hat sich jenseits der 2004 der EU beigetretenen Länder ein neues europäisches Spannungsfeld aufgetan, das seinen Zündstoff einem neuen Selbstverständnis Russlands verdankt und in dessen Mittelpunkt das nach wie vor problematische Verhältnis zwischen Polen, der Ukraine, den baltischen Staaten und Russland steht und dem das restliche Europa, einschließlich offenbar der NATO, mit einer gewissen Ratlosigkeit gegenübersteht.

Die Viadrina hat bereits begonnen – nicht zuletzt dank der Bemühungen von Alexander Wöll und dem einflussreichen Lebenswerk von Karl Schlögel – sich aktiv um diese verzwickte europäische Baustelle zu kümmern und diesem Spannungsfeld europäischer Interessen und Gegeninteressen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Hier müssen aus den Konstellationen der Geschichte wie aus den Spannungen der Gegenwart neue Orientierungen und Verständigungen entstehen, die für die Gestaltung der Zukunft dieser europäischen Flanke unerlässlich sind. Auch hier gilt es dicke Bretter zu bohren, aber auch das darf man der Viadrina nicht ersparen.

***

So arg viele Reden werde ich an dieser Universität wohl nicht mehr halten – das werden manche von Ihnen mit Erleichterung vernehmen – aber lassen Sie mich deshalb diese Gelegenheit nutzen und mit einer persönlichen Bemerkung schließen. Ich kann Ihnen heute ja gestehen, dass ich damals, bei der glanzvollen Eröffnung der Viadrina in der Konzerthalle am 6. September 1991, nicht ganz frei von Skepsis war, ob denn aus diesem ehrgeizigen und wohlklingenden Projekt wirklich etwas werden würde; wer sich an Frankfurt im Herbst 1991 erinnert, wird für diese Skepsis Verständnis haben. Die Geschichte der letzten 25 Jahre haben mich eines wahrhaft Besseren belehrt. Diese Universität hat, mit der tatkräftigen Hilfe ihrer polnischen Partner und unter den wahrlich nicht gerade üppigen Bedingungen, die ihr das Land Brandenburg zur Verfügung gestellt hat, eine eindrucksvolle Aufbauarbeit geleistet. Sie steht heute wieder, wie am Anfang, vor einer großen Herausforderung: Europa braucht die Europa-Universität, Europa darf nicht enttäuscht werden.

Ich bin und bleibe stolz darauf, am Aufbau dieser Universität mitgewirkt zu haben, und wünsche ihr von ganzem Herzen, auch diese Herausforderung erfolgreich zu bestehen.



[1] Professor of Education and Political Science, Emeritus, and Academic Secretary to the University, Stanford University; Rektor der Europa-Universität Viadrina, 1993-1999.
[2] Europa-Universität Viadrina, Universitätsschriften 1, 1992, S. 17
[3] Europa-Universität Viadrina, Universitätsschriften 6, 1994, S. 16
[4] Europa-Universität Viadrina, Universitätsschriften 11, 1996, S. 81 und 85
[5] Europa-Universität Viadrina, Universitätsschriften 6, 1994, S. 30-31
[6] Hans Ulrich Gumbrecht, „Ist ‚Europa‘ noch zu retten?“ FAZ Blog „Digital/Pausen“ vom 23. April 2016 (http://blogs.faz.net/digital/2016/04/23/ist-europa-noch-zu-retten-1013/)
[7] Damian Chalmers, Markus Jachtenfuchs, and Christian Joerges (eds.), The End of the Eurocrats’ Dream: Adjusting to European Diversity.  Cambridge: Cambridge University Press, 2016
[8] Op. cit., x
[9] Dani Rodrik, The Globalization Paradox: Democracy and the Future of the World Economy. New York and London: Norton 2011
[10] Siehe dazu auch das Spiegel-Gespräch mit Biedenkopf, “Was wir tun, ist abwegig“, im Spiegel 31/1997 vom 28.7.97.
[11] Fritz Scharpf, The Costs of Non-Disintegration: The Case of the European Monetary Union. Damian Chalmers et al. (eds.), op. cit., 29-49