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Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften

Forschungsstelle Rudolf Virchow

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Rudolf Virchow und die transkulturellen Gesundheitswissenschaften

Rudolf Virchow gilt als der Begründer der modernen Medizin. Sein Name steht für eine streng wissenschaftlich orientierte Medizin. Die heutige Schulmedizin sieht in ihm einen ihrer wichtigsten geistigen Urväter. Allerdings gibt es im Werk Virchows wichtige Anknüpfungspunkte zu den transkulturellen Gesundheitswissenschaften.

  


Rudolf Virchow Sämtliche Werke. Abt. V - Virchowiana - Materialien und Dokumente. Herausgegeben von Christian Andree. Band V,1: Neue Beiträge zur Virchow-Forschung. Festschrift zum 70. Geburtstag von Christian Andree. Mit einem Anhang "Editionen in der Wissenschaftsgeschichte". Herausgegeben von Ingo Wirth.

Der Herausgeber der Edition „Rudolf Virchow, Sämtliche Werke“, Prof. Dr. phil. et med. habil. Christian Andree, wurde anlässlich seines 70. Geburtstags am 28. November 2008 mit dem Symposium „Neue Beiträge zur Virchow-Forschung“ geehrt. In der gleichnamigen Festschrift sind die überarbeiteten Vorträge der Konferenz an der Viadrina in Frankfurt (Oder) abgedruckt. Das Grußwort von Prof. Dr. Hartmut Schröder befasst sich mit der Thematik „Rudolf Virchow und die transkulturellen Gesundheitswissenschaften“. Im Anhang sind ausgewählte Aufsätze über die Bedeutung der Edition für die Wissenschaftsgeschichte zusammengestellt. Die Festschrift bietet einen guten Einblick in das vielseitige Schaffen Virchows wie auch des Jubilars. Sie wurde mit freundlicher Unterstützung der IAH International Academy for Homotoxicology gedruckt.


 

17. Juni 2010, Disputation der Promotion "Die Darstellung Rudolf Virchows in der Vossischen Zeitung im Zeitraum vom 1. Januar 1844 bis zum 31. Dezember 1865" von Lars Harald Feddersen.

Die von Hon.-Prof. Dr. habil. Christian Andree betreute Dissertation behandelt zwei zentrale historische Figuren der neueren preußischen und deutschen Geschichte. Zum einen wird einer der bedeutendsten Mediziner des 19/20. Jahrhunderts in einer für ihn entscheidenden Phase seines Lebens vorgestellt, zum anderen geschieht dies anhand der ersten Zeitung, auf welche die moderne Bezeichnung "Nachrichtenmagazin" am besten passt.

Rudolf Virchow mag vielen Gelehrten vor allem als Forscher des späten 19. Jahrhunderts bekannt sein, doch entwickelte er seine zentralen Thesen bereits vor 1865. So stellte er 1858 die Theorie der Zellularpathologie vor. Seit den 1840er Jahren hatte er sich zudem in der Beschreibung von Krankheiten, wie der Thrombose und Leukämie hervorgetan. Außerdem betätigte er sich als Medizinalreformer und beteiligte sich an der Revolution von 1848.

In diesen Jahren profilierte sich die "Vossische Zeitung" als führendes Blatt des liberalen Bürgertums in Preußen. Zeitung und Forscher passten in ihren Zielsetzungen zueinander.

Jedoch lässt sich dies nicht für die bisherige Medizingeschichte und die Geschichte der populären Medien sagen. Es ist daher das große Verdienst von Lars Harald Federsen diese Phase der Geschichte von Aufstieg und Breitenwirkung Rudolf Virchows im Spiegel der "Vossischen Zeitung" untersucht zu haben. Seine Dissertation ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer kulturhistorischen Medizingeschichte, für die Interdisziplinarität und transkulturelles Denken nicht einfach nur Worthülsen sondern zu erfüllende Herausforderungen darstellen.



Was die inhaltliche Ausrichtung transkultureller Gesundheitswissenschaften betrifft, so drückt sich diese – etwas verkürzt und vereinfacht – in dem Konzept des
Transkulturellen sowie in den Begriffen integrative Medizin und sprechende Medizin aus, die deutlich machen, dass an Schnittstellen zwischen Medizin, Psychologie und Kulturwissenschaften gearbeitet wird.

Transkulturelle Gesundheitswissenschaften zeichnen sich durch folgende Sichtweisen aus:


a) sie betrachten den Menschen in seinen Bezügen zu Gesundheit und Krankheit
ganzheitlich;

b) sie lassen sich nicht auf die körperliche und mentale Dimension von Gesundheit und Krankheit beschränken, sondern umfassen – wie die Weltgesundheitsorganisation in ihrer Definition von Gesundheit festgelegt hat – gerade auch soziale Aspekte, verstehen sich also als soziale Wissenschaften;

c) sie gehen von einem systemischen Verständnis von Heilung und Gesunderhaltung aus und sehen die Rolle von Therapie in einer Unterstützung der Selbstregulation, wobei sie besondere Aufmerksamkeit den Naturheilverfahren widmen;

d) sie lassen sich nicht auf eine einzige medizinische Sichtweise begrenzen, sondern sehen ihre Aufgabe darin, andere Medizinsysteme (Ethnomedizin) weitgehend vorurteilsfrei zu betrachten und bewährte Verfahren durch einen „kulturellen Transfer“ für die Nutzung in der eigenen Kultur zu übersetzen;

e) sie sind grundsätzlich pluralistisch sowie pragmatisch und stellen alleine den Patienten und die Orientierung an ihm in den Mittelpunkt aller Erkenntnis- und Anwendungsbemühungen.


Zu all diesen Sichtweisen gibt es im Werk von Virchow deutliche Parallelen:


a)
Was die Thematik Ganzheitlichkeit betrifft mahnt Virchow, dass der Arzt nie vergessen dürfe, „den kranken Menschen als ein Ganzes aufzufassen“[1]. Schon 1849 hatte er in der Vorrede zu seinen „Einheits-Bestrebungen in der wissenschaftlichen Medicin“ sein Grundprinzip formuliert[2]:

„Obwohl dem Wortlaut nach nur Heilkunst, hat sich die wissenschaftliche Medicin immer die Aufgabe gestellt und stellen müssen, die einige Lehre vom Menschen zu enthalten. Seit den ältesten Zeiten, wo die Medicin allmälig von dem Volke an die Priester und von diesen an besondere Aerzte überging, ist in ihr eine Art von heiliger Tradition geblieben, dass sie die Summe alles Wissens vom Menschen darstellen müsse, und obwohl das Bedürfniss der Arbeitsteilung zu einer immer grösseren Spaltung der ursprünglich einheitlichen Wissenschaft geführt hat, so sind doch die Einheitsbestrebungen niemals ganz unterdrückt gewesen“.

 

 

b) Was die sozialenAspekte von Gesundheit und Krankheit betrifft, so hat Virchow – lange vor der Etablierung der modernen Gesundheitswissenschaften – immer wieder seine Forderung vorgetragen, Medizin müsse eine soziale Wissenschaft sein. Die sozialpolitische Komponente streicht Virchow in seinen Bemerkungen über „Die Epidemien von 1848“ heraus:

 

„Wir betrachten die Krankheit nicht als etwas Persönliches und Besonderes, sondern nur als die Aeusserung des Lebens unter veränderten Bedingungen, aber nach denselben Gesetzen, wie sie zu jeder Zeit, von dem ersten Moment an bis zum Tode, in dem lebenden Körper gültig sind. Mag demnach jemand geistig oder körperlich, was unserer Anschauung nach gleichfalls keine Differenz ist, erkranken, immer sehen wir dasselbe Leben vor uns mit denselben Gesetzen, nur dass diese unter anderen Bedingungen sich anders manifestiren. Jede Volkskrankheit, mag sie geistig oder körperlich sein, zeigt uns daher das Volksleben unter abnormen Bedingungen, und es handelt sich für uns nur darum, diese Abnormität zu erkennen und den Staatsmännern zur Beseitigung anzuzeigen“.[3]

c) Was die Naturheilverfahren und das Prinzip der Selbstregulation betrifft, so nähern sich Virchows Einstellungen am Ende seines Lebens (1899) fast denen der Naturheilkunde seiner Zeit und entsprechen damit wiederum denen, die er schon 1845 als junger Arzt geäußert hatte. 1845 hatte er gesagt[4]:

„Die Behandlung des kranken Körpers besteht einfach darin, die für die Erscheinungen des Lebens günstigen Bedingungen hervorzurufen, also von den physiologischen Erfahrungen den bestmöglichen Gebrauch zu machen“.

 

 

d) Was die Ethnomedizin betrifft so ist auf Virchows umfassendes Interesse für andere Völker und – damit einhergehend – sein spezielles Interesse für besondere medizinische Heilungsmethoden in fremden Kulturen hinzuweisen. Wie die zwischen 1870 und 1902 erschienenen Veröffentlichungen vieler Mediziner und Naturforscher in den Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte sowie in der Zeitschrift für Ethnologie belegen, hat Virchow alternativ- und ethnomedizinische Studien angeregt und ihre Erforschung stark gefördert.

 

e) Schließlich finden sich bei Virchow außerordentlich zahlreich und deutlich Äußerungen zum Pluralismus, Pragmatismus sowie zur Patientenorientierung in der Medizin. Für Virchow sind grundsätzlich alle Mittel legitim, die dazu beitragen, das Ziel „Gesundheit“ zu erreichen. Dies zeigt sein Aufsatz „Specifiker und Specifisches“ aus dem Jahre 1852[5]. Auch aus der folgenden Textpassage lässt sich erkennen, dass sich Virchow eindeutig für die Nutzung aller therapeutischen Möglichkeiten eingesetzt hat und die Patientenorientierung für ihn im Mittelpunkt stand. Virchow schrieb 1888[6]:

„In einer so verzweifelten Lage, wie sie durch das Auftreten des Carcinoms für einen Menschen geschaffen wird, ist man berechtigt, auch solche Mittel zu versuchen, von deren Wirksamkeit man sich kein klares Bild entwerfen kann. Hier ist das Feld für therapeutische Versuche, natürlich nicht für Versuche mit jedem, von irgend einem Schwärmer oder gar Abenteurer vorgeschlagenen Mittel, aber wohl mit solchen Mitteln, für deren Wirksamkeit einigermaassen beglaubigte Beobachtungen beigebracht sind. Ausser den frischen und begrenzten Carcinomen, die man mit dem Messer oder mit einem anderen Zerstörungsmittel angreifen kann, giebt es eine so grosse Zahl von bösartigen Geschwülsten, denen gegenüber jedes operative Eingreifen hoffnungslos ist, dass es an Gelegenheit zur Nachprüfung medicamentöser Stoffe nie fehlt.“

 

Transkulturelle Gesundheitswissenschaften und Rudolf Virchow haben also viele Gemeinsamkeiten und stehen keineswegs im Gegensatz zueinander.


So macht es Sinn, dies auch in der Einbindung der
Forschungsstelle Rudolf Virchow am Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften zum Ausdruck zu bringen und damit die komplementäre Medizin und die Schulmedizin miteinander zu verbinden sowie der Spaltung der modernen Medizin entgegenzuwirken. Ganz im Sinne von Virchow können Rivalitäten zwischen verschiedenen medizinischen Schulen nämlich als kontraproduktiv betrachtet werden, wie die folgende Textstelle belegt[7]:

„Die Medicin bedarf keiner feindlichen Schulen, keiner im Ziel sich bekämpfenden Parteien, sondern nur des Wettstreites nach demselben, um den gleichen Preis, wenn auch mit verschiedenen Mitteln. Mag der eine durch die anatomische Untersuchung des Krankhaften, der andere durch die klinische Beobachtung der Vorgänge, der dritte durch das pathologische und der vierte durch das therapeutische Experiment, einer durch chemische oder physikalische und wieder ein anderer durch historische Forschungen vorwärts zu schreiten suchen: die Wissenschaft ist gross genug, alle diese Richtungen gewähren zu lassen, wenn sie nicht exclusiv sein wollen, wenn sie nicht ihre Grenzen überschreiten, wenn sie nicht Alles zu leisten prätendiren. Zu grosse Versprechungen haben noch immer geschadet, zu grosse Ansprüche immer verletzt, Selbstüberschätzung beleidigt oder sich selbst lächerlich gemacht.“

 


[1] Rudolf Virchow: Ueber die Heilkräfte des Organismus. Vortrag, gehalten am 2. Januar 1875 im Verein für Kunst und Wissenschaft zu Hamburg, Berlin, Lüderitz’sche Verlagsbuchhandlung, Carl Habel 1875, S. 15.
[2] Vgl. Christian Andree (Hrsg. u. Bearb.): Rudolf Virchow, Sämtliche Werke Bd. 16.1, Abt. I: Medizin: Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medicin 1856, Teil 1, Nachdr. d. Ausg. Frankfurt a. M. 1856, Hildesheim, Zürich, New York, Olms 2007, S. 4.
[3] Vgl. Christian Andree (Hrsg. u Bearb.): Rudolf Virchow, Sämtliche Werke Bd. 28.1, Abt. I: Medizin: Gesammelte Abhandlungen aus dem Gebiete der Öffentlichen Medicin und der Seuchenlehre 1879, 1. Band, Nachdr. d. Aug. Berlin 1879, Hildesheim, Zürich, new York, Olms 2006, S. 119.
[4] Rudolf Virchow: Die Nothwendigkeit einer Bearbeitung der Medizin vom mechanischen Standpunkt, erläutert durch das Beispiel der Venenentzündung. Vortrag zur Erinnerung an die Stiftung vor 50 Jahren am 2. August 1845, Berlin, Akademie Verlag 1986, S. 69.
[5] Rudolf Virchow: Specifiker und Specifisches, in: Virchows Archiv 6, 1. Heft, 1852, S. 3-33.
[6] Rudolf Virchow: Zur Diagnose und Prognose des Carcinoms, in: Virchows Archiv 111, 1. Heft, 1888, S. 23.
[7] S. Anm. 5, S. 5.