Banner Viadrina

Heinrich-von-Kleist-Institut für kulturwissenschaftliche Grundlagenforschung

Laufende Projekte

  • Ästhetik: Geschichte, Theorie und Kritik einer europäischen Disziplin

Entgegen einem engeren Gattungsbegriff der Ästhetik als einer für die schönen Künste relevanten „Wahrnehmungslehre“, die sich im Rückblick auf ihren Frankfurter Begründer Alexander Gottlieb Baumgarten durch ihre Gewichtung rhetorisch-poetologischer Aspekte auszeichnet, geht es darum,

(1) das Wissensfeld der Ästhetik transdisziplinär zu erweitern hin zu einer Aisthetik, die nicht nur geistes- und sozialwissenschaftliche Ansätze berücksichtigt, sondern auch eine Brücke schlägt zu anderen Disziplinen (z.B. Geschichte und Medizin).

Es gilt zudem, (2) diese Ansätze in ihren spezifischen historischen, europäischen Kontexten aufzusuchen. Denn gerade vor dem Hintergrund einer vielerorts postulierten globalen Ästhetisierung dürfen weder die traditionell national-literarischen noch die aktuellen regionalen Phänomene aus dem Blick geraten. Dies erscheint uns als Voraussetzung, um überhaupt „glokale“ Interaktionen beschreiben zu können.

Ferner soll (3), unter kritischer Berücksichtigung dessen, was Ästhetik als Disziplin leisten kann bzw. was sie durch ihre epistemologischen Grenzgänge und -ziehungen disziplinieren will, das Potential einer zwischen scientia und ars sich bewegenden Disziplin für die heutige kulturwissenschaftliche Grundlagenforschung fruchtbar gemacht werden.

(4) betonen neuere Projekte zu ästhetischen Fragestellungen die Notwendigkeit einer epistemologischen Verortung einerseits, und fordern andererseits nachdrücklich eine kulturvergleichende Perspektive. Bis heute erscheint die Frage, wie sich der Austausch der Kunsttheorien seit dem 18. Jahrhundert zwischen Deutschland, Frankreich und England vollzieht, vernachlässigt. Die Untersuchung des Zusammenspiels von kulturspezifischen Prägungen und Prozessen des Transfers und der histoire croisée ästhetischer Theorien jenseits aller nationalen Segmentierungen erscheint immer noch als Desiderata der Forschung und soll einen wesentlichen Arbeitsschwerpunkt des Instituts bilden.

In Teilprojekten, z.B. zu Rezeptionsästhetik und Wahrnehmungstheorien, werden transdisziplinäre Interferenzen kritisch ausgelotet. Geschieht dies auf den ersten Blick mit einem Fokus auf visuelle Wahrnehmung (Farben, Visualisierungen, Sinnlichkeit und Materialität), gibt die etymologische Wurzel einer Aisthetik entscheidene Hinweise auf die ‘synästhetische’ Öffnung der Teil-Projekte und Arbeitsgebiete:  die einzelnen Fragestellungen verbindet eine Reflexion der kulturspezifischen, historischen Ausprägungen sinnenspezifischer Epistemologien und Ideologien und den jeweiligen Repräsentationsformen, die in ihrer Interaktion, statt Isolation, diskutiert werden sollen. Durch die transdisziplinäre Ausrichtung werden zentrale aisthetische Gegenstände und Begriffe  – Schönes/ Erhabenes, Häßlichkeit/ Ekel, Sinnlichkeit/ Ratio, Wahrnehmung/Aisthesis, Phantasie/ Erfindung, Begehren/Phantasma, Ähnlichkeit/ Traum, Rausch/Vision – im Kontext aktueller theoretischer Ansätze diskutiert.

Das Institut wird unterstützt durch internationale Kooperationen mit Instituten in New York, Paris, Baltimore, Aix-Marseille, Utrecht und New Haven. Es finden regelmäßig gemeinsame Veranstaltungen statt.