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Viadrina Institut für Europa-Studien (IFES)

IFES COVID-19 Blog

Infrastrukturen, Grenzen und die Pandemie. Eine Reflexion zum Sommersemester 2020

Estela Schindel


In den letzten Jahren kam es in der Grenz- und Migrationsforschung zu einer starken Orientierung hin zu Fragen der Infrastruktur, Logistik und Materialität.(i) Diese Tendenz kann in Zusammenhang mit verschiedenen Entwicklungen in den Sozialwissenschaften insgesamt gebracht werden. Zum einen scheinen Ansätze, die ausschließlich von der Annahme des „Container“-Nationalstaates ausgehen, die Komplexität einer globalisierten Welt nicht mehr allein erfassen zu können. In der neuen Schwerpunktsetzung liegt der Fokus stattdessen vielmehr auf den vielfältigen Formen der Organisation von Zirkulation, Transportstrukturen und Timing, da diese die globale Mobilität intensiver als lange angenommen prägen und nationale oder supranationale Souveränitäten überfordern. In dieser Perspektive gelten Infrastrukturen als privilegierte Orte für die qualitative Sozialforschung: nicht der unsichtbare Hintergrund für die Untersuchung sozialer Beziehungen und Praktiken, sondern Objekte, die für sich genommen wissenschaftliche Aufmerksamkeit verdienen. Diese Tendenz fällt zum anderen mit dem wachsenden Interesse an der Materialität zusammen, das in den Sozialwissenschaften zum so genannten "material turn", "logistical turn" oder "infrastructural turn" geführt hat: wissenschaftliche Ansätze, die sich auf die oft unterschätzte Auswirkung von nicht-menschlichen Aktanten auf das soziale Leben oder gar ihre Agency konzentrieren. Unter dem Einfluss solcher Perspektiven haben Logistik und Infrastrukturen in der Kulturanthropologie, Stadtgeographie, Kapitalismusforschung, Science and Technology Studies (STS) sowie in kritischen Studien zu Migration und Grenzen neue Bedeutung erlangt.

Mit dieser Transformation im Blick hat das Seminar "EU Grenzregime. Diskurse, Infrastrukturen, Praktiken" das Ziel, Master-Studierenden der Viadrina eine Perspektive auf die europäischen Grenzen anzubieten, die diese theoretisch-konzeptionellen Ansätze mit empirischen Erkenntnissen aus der Praxis in Verbindung setzt. Die neuere Migrationsforschung beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie materielle Infrastrukturen, einschließlich Transportmittel, Logistik und Zeitplanung, das Terrain prägen, in dem Maßnahmen des Grenzschutzes implementiert und das Recht auf grenzüberschreitende Mobilität von Migrant*innen und Geflüchteten umkämpft wird. Das ursprüngliche Ziel des Seminars war es daher, diese Elemente im Rahmen einer umfassenderen Analyse des EU-Grenzregimes näher zu beleuchten.

Als das Seminar 2019 konzipiert wurde, war nicht abzusehen, dass gerade die Fragen der Infrastruktur und der Logistik eine so entscheidende Bedeutung erlangen würden, wie sie sich in diesen Tagen offenbaren. Als sich die COVID-19-Pandemie jedoch auszubreiten begann, schien sie zu bestätigen, in welchem Ausmaß Infrastrukturnetzwerke die Welt, in der wir leben, dramatisch bestimmen.

Als Sozialwissenschaftler*innen berechtigen uns unsere Analyseinstrumente nicht dazu, die Krankheit COVID-19 in klinischer Hinsicht zu bewerten. Aber für aufmerksame Nachrichtenleser*innen ist es recht offensichtlich, dass das Pandemierisiko zumindest in der Anfangsphase nicht nur mit der Letalität des neuen Coronavirus selbst zusammenhing, sondern vielmehr mit den enormen Herausforderungen, die sich aus der Vorbereitung der Gesundheitssysteme auf den Höhepunkt der Infektion in der Bevölkerung ergaben. Nicht die Behandlung selbst war das Hauptanliegen, sondern die Sorge um die Fähigkeit, rechtzeitig eine angemessene Versorgung gewährleisten zu können. In den Medien war zu lesen, dass die Krankheit verhältnismäßig gut eingedämmt werden könnte, sofern genügend Intensivpflegeplätze und klinische Ressourcen zur Verfügung stehen und vor allem, solange mit dem Tempo der Ausbreitung der Krankheit Schritt gehalten werden kann. Neben den medizinischen und sanitären Fragen ging es in den Berichten dadurch viel um Planung, Logistik, Lieferungen und Zeitplanung: Wie viele Betten, Beatmungsgeräte und Operationsmasken stehen zur Verfügung? Wie viele Artefakte werden je nach Ansteckungsrate wann und wo benötigt und wie können Engpässe vermieden werden?

Da die globale Mobilität auf ein Minimum herunter gefahren wurde und die nationalen Grenzen, auch innerhalb der Europäischen Union (re)aktiviert wurden, sind die globalen Lieferketten selbst ein Problem geworden. Das Paradox einer scheinbar grenzenlosen Welt für die nahtlose Zirkulation von Waren, parallel zur harten Verteidigung der geopolitischen Grenzen, wenn es um sensible öffentliche Themen geht - ein Paradox, vor dem Grenzforscher*innen lange Zeit gewarnt hatten - wurde nun offensichtlich. In diesem Zusammenhang wurden mittel- und langfristige Planung, Logistik und Infrastruktur nicht nur für Unternehmen und Regierungen, sondern auch in jedermanns Alltag kritisch: Allein die Furcht, es könnte zu einer Knappheit an Toilettenpapier oder Desinfektionsmitteln kommen, führte dazu, dass den deutschen Supermärkten für kurze Zeit die Waren ausgingen.

Und jetzt wo wir uns, wie Millionen von Lehrenden auf der ganzen Welt, für den Online-Unterricht einrichten, rücken plötzlich die entscheidende Rolle und die damit verbundene Anfälligkeit der digitalen Infrastrukturen auch in unserem Beruf in den Vordergrund: Wie kann mit dem gleichzeitigen E-Learning aller Universitäten und Schulen des Landes umgegangen werden? Welche Plattformen werden die beispiellose Intensität der Nutzung von Online-Ressourcen am besten bewältigen? Wie können nationale, universitäre und persönliche Netzwerke miteinander kompatibel gemacht werden? Diese Fragen haben uns in den letzten Wochen beschäftigt und werden es wahrscheinlich noch eine Weile tun. Sie weisen auf die Komplexität, aber auch auf die Verwundbarkeit der Netzinfrastrukturen hin und betreffen die meisten Aktivitäten sowohl in der Wirtschaft als auch in der Staatsverwaltung. Natürlich sind solche Bedenken gering verglichen mit den logistischen Herausforderungen, eine angemessene Gesundheitsversorgung zu bieten, wo sie benötigt wird.(ii)

Auf der ganzen Welt werden die Berechnungen über Nutzen und Risiken öffentlicher Gesundheitsmaßnahmen im Hinblick auf das Management von Zirkulation, den Risiken der Mobilität und der Verfügbarkeit von Ressourcen sorgfältig ausgewertet. In Deutschland bieten die Bundespressekonferenzen eine Fülle an Details über statistische Modelle und Prognosen von Kapazitätsgrenzen entlang der Variablen der Krankheitsausbreitung. Infrastrukturelle Kapazität und Ansteckungsgefahr werden zu den wichtigsten Vektoren für politische Entscheidungen auf höchster Ebene.

Die Forschung weist darauf hin, dass Infrastrukturen während ihres regulären Betriebs dazu tendieren, unsichtbar oder zumindest intransparent und unbekannt zu bleiben - schon der Begriff "infra" deutet an, das es etwas "unter" oder dem menschlichen Handeln "zugrunde liegendes" ist. Oft wird ihre Verwundbarkeit erst durch eine Unterbrechung oder Störung sichtbar. Dies war der Fall bei den Gesundheitsinfrastrukturen im Zusammenhang mit der aktuellen Pandemie.

Die Dringlichkeit offenbarte auch das Ausmaß, in dem Infrastrukturen ein Terrain der Macht und der Auseinandersetzung sind, das eine „Archäologie der differenziellen Versorgung"(iii) offenbart. Diese Perspektive auf die Infrastruktur erlaubt es, die materiellen Aspekte der Staatsgewalt zu überdenken und zu zeigen, wie die Herstellung und Verwaltung von Differenz - wie Klasse, Rasse und Geschlecht - in die Techniken und Politiken des Alltagslebens verstrickt ist.(iv)

Für die Forschung und Lehre über die EU Grenzen bedeutet diese Perspektive also logistische Operationen, Korridore und deren Koordination verstärk ins Bild zu nehmen: Es geht nämlich um Formationen, die zunehmend einflussreich sind und ein breiteres analytisches Vokabular erfordern. Es gilt in der Forschung als erwiesen, dass Grenzen nicht mehr und nicht nur als feste Linien gesehen werden können, die stabile geopolitische Einheiten trennen, sondern vielmehr als prozessuale Assemblagen, die sich ständig neu arrangieren. Wo klassischere Ansätze Regierungen und Grenzen prioritär in den Blick nehmen, gibt der "logistical gaze" Mobilität und Zirkulation den Vorrang. Die Migrations- und Grenzforschung muss daher Mauern, Zäune und Absperrungen mit dem Fortbestehen von Bewegung in Beziehung setzen. Häfen, Routen und Knotenpunkte, aber auch Praktiken, Logistik und Infrastrukturen des EU-Grenzregimes werden somit Gegenstand dieses Seminars unter der neuen digitalen Rahmung in diesem infrastrukturell herausfordernden Semester sein.

Auch wenn noch niemand vorhersagen kann, wie weitreichend und tiefgehend die Folgen der gegenwärtigen Pandemie sein werden, wird eine ihrer Auswirkungen sicherlich darin bestanden haben, uns die entscheidende Rolle und die immanente Verwundbarkeit von Infrastruktur, Logistik und Lieferketten im gegenwärtigen globalisierten Zustand ins Bewusstsein gerufen zu haben. Die Frage, an wen die Ressourcen verteilt und von wem sie abgezogen werden, macht die Infrastruktur zum Objekt eines Machtkonflikts. Die gegenwärtige Krise macht auf dramatische Weise sichtbar, inwieweit diese Fragen alles andere als neutral sind, und wie materielle Infrastrukturen Ungleichheit, Verteilung und Gerechtigkeit widerspiegeln.


i) Dieses Bewusstsein verdanke ich insbesondere dem Workshop "Cataloging Logistics", den Manuela Bojadzijev und Sandro Mezzadra am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität im Mai 2016 organisierten.
An unserer Universität waren Grenzinfrastrukturen bisher Gegenstand des Studiums und der Lehre von Kolleg*innen, die mit dem Viadrina-Zentrum B/Orders in Motion zusammenarbeiten, insbesondere Hannes Krämer.
Die hier vorgestellten Konzepte basieren zum Teil auf den Ergebnissen des erwähnten Workshops sowie auf der Einführung in die folgenden Bände, die im Seminar einleitend diskutiert werden sollen:
Appel, Hannah; Anand, Nikhil und Akhil Gupta (Hg.). 2018. The Promise of Infrastructure. Durham & London: Duke University Press; Harvey, Penny; Brun Jensen, Casper und Atsuro Morita (Hg.). 2017. Infrastructures and Social Complexity. A companion. London & New York: Routine. Nützliches Material finden Sie auch auf der Website Logistical worlds: https://logisticalworlds.org/
ii) Medienberichte während des Höhepunktes der Ausbreitung der Krankheit in Italien bezogen sich auf medizinisches Personal, das gezwungen war, zu wählen, welche Patient*innen "gerettet" werden sollten, weil die Intensivbetten nicht für alle ausreichten. Reporter aus Spanien informierten über den drastischen logistischen Engpass, unter dem die normalerweise unsichtbare Sparte der Bestattungsdienste litt, deren personale und operative Kapazität durch die hohe Anzahl der in kurzer Zeit konzentrierten Todesfälle überfordert war. Die Quarantäne- und Isolationsmaßnahmen unterbrechen die Begräbnis- und Trauerrituale auf tiefgreifende Weise, deren Folgen wir vielleicht erst später abschätzen können - ein sensibles Thema, das mit der hier diskutierten Frage der Infrastruktur zusammenhängt, aber darüber hinausgeht.
iii) Appel et al., S. 2 (Übersetzung der Autorin).
iv) In den Worten der Autor*innen erlaubt diese Perspektive “to rethink governance and citizenship… not at a distance but pressing into the flesh, through questions of intimacy and proximity.” (ebd.).