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Im Spotlight: Gudrun Hochmayr

Foto_Hochmayr ©Heide Fest

Liebe Frau Professorin Hochmayr,

Sie haben kürzlich mit großem Erfolg eine internationale Tagung zur Harmonisierung der Verjährungsfristen von Straftaten an der Viadrina ausgerichtet. Können Sie kurz zusammenfassen, worum es bei der Tagung ging?

Die Tagung war Teil eines dreijährigen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojektes. In diesem Projekt werden die Verjährungsregelungen von 14 Ländern untersucht mit dem Ziel eines Harmonisierungsvorschlags. Anlass dafür waren die großen Unterschiede, die es in der Europäischen Union bei der Verjährung von Straftaten gibt. Im Rahmen der fallbasierten Strafrechtsvergleichung konnten wir zeigen, dass die Unterschiede beim Verjährungseintritt für ein und denselben Betrugsfall in den untersuchten EU-Mitgliedstaaten bis zu 12 Jahre betragen; dies gilt dann, wenn es zu keiner Strafverfolgung kommt. Wird rechtzeitig eine Strafverfolgung eingeleitet, vergrößern sich die Divergenzen im Fallbeispiel auf bis zu 30 Jahre.
Am Beginn der Tagung haben wir erörtert, was die stark voneinander abweichenden Verjährungsregelungen für die zwischenstaatliche Zusammenarbeit in der EU bedeuten. Dabei wurde auch die Frage behandelt, ob entgegen der Tradition des kontinentalen Strafrechts die Verjährung von Straftaten heute noch zeitgemäß ist. Dann ging es um die Vor- und Nachteile der Regelungen in den einzelnen Ländern. Am Ende stand die Diskussion des vorbereiteten Harmonisierungsvorschlags. Hier gab es großen Abstimmungsbedarf, erwies sich doch keine der 14 untersuchten Verjährungsregelungen als ideal. So musste versucht werden, aus den Bestandteilen der vorhandenen Regelungen die „beste“ Lösung zu erarbeiten.

Worauf begründet sich Ihrer Meinung nach das internationale Interesse an dieser Tagung?

Die Verjährung von Straftaten ist in vielen Ländern ein hoch aktuelles Thema. In Italien haben die Verjährungsregelungen in den letzten Jahren sogar den Europäischen Gerichtshof und das italienische Verfassungsgericht beschäftigt. In manchen Ländern begegnet man der Verjährung mit wachsender Skepsis, und vielerorts fordert man die Verjährung bei bestimmten Straftaten (z.B. Sexualstraftaten gegen Minderjährige) aufzugeben. Dem stehen Schwierigkeiten bei der Strafverfolgung in Rechtsordnungen gegenüber, in denen Straftaten grundsätzlich nicht verjähren können oder in denen die Verjährung stark zurückgedrängt wurde. Zu den Beweisschwierigkeiten bei langem Zurückliegen der Tat tritt ein Ressourcenproblem: Wenn nämlich die Mittel für die Strafverfolgung nicht erhöht werden, wirkt sich vermutlich die Verfolgung älterer Fälle zu Lasten der Verfolgung aktueller Straftaten aus.

Wir wünschen uns an der Viadrina noch mehr von diesen erfolgreichen Forschungsaktivitäten. Was kann die Universität Ihrer Meinung nach tun, um Forschende in dieser Hinsicht besser zu unterstützen?

Neben den Aufgaben in der Lehre und der Selbstverwaltung ist es schwierig, sich den für ein größeres Forschungsprojekt nötigen zeitlichen Freiraum zu schaffen. So wäre es wünschenswert, dass bei einem solchen Projekt ein zusätzliches Forschungssemester zur Verfügung steht. Die von der Universitätsleitung mit der Richtlinie „Incentives für die erfolgreiche Einwerbung von Drittmitteln zu Forschungszwecken“ beschlossenen Maßnahmen sehe ich als einen Schritt in die richtige Richtung. Wichtig für erfolgreiche Forschung ist darüber hinaus, zumindest die vorlesungsfreie Zeit frei von Lehrveranstaltungen und Prüfungen zu halten und die Aufgaben in der Selbstverwaltung eher zurückzufahren. Natürlich ist auch die personelle Ausstattung der Professuren für den Forschungsoutput ganz entscheidend.

Wissenschaftler*innen in der Qualifizierungsphase müssen sich heutzutage in einem sehr kompetitiven Umfeld behaupten. Haben Sie einen Ratschlag für die Nachwuchswissenschaftler*innen der Viadrina im Hinblick auf eine sinnvolle Karriereplanung?

Am Anfang einer erfolgreichen wissenschaftlichen Karriere sollte die Begeisterung für die wissenschaftliche Tätigkeit stehen. Es ist ein Privileg der Wissenschaft, dass wir unsere Forschungsthemen selbst wählen und den Dingen auf den Grund gehen können. Nur, wenn es einen wirklich reizt, sich in ein Thema zu vertiefen, sollte man sich für diesen Weg entscheiden.
Ich empfehle Nachwuchswissenschaftler*innen bei ihren Publikationen mehr auf Qualität als auf Quantität zu setzen. Hier beobachte ich ein Umdenken in den Kommissionen, die verstärkt darauf achten, ob es sich um inhaltlich weiterführende Forschung handelt.
Wissenschaftliche Netzwerke sind in jedem Fall hilfreich. Ob man lieber traditionell in einen Lehrstuhl eingebunden ist oder im Rahmen einer Tenure-Track-Stelle sich früher in die Selbständigkeit wagt, ist vom jeweiligen Typ abhängig. Schließlich braucht es einen „Plan B“ für den Fall, dass es mit einer Karriere in der Wissenschaft nicht klappt.

Wir danken Ihnen herzlich für die Beantwortung der Fragen!