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Im Spotlight: Annette Werberger

Werberger_Annette1 ©Annette Werberger

Liebe Frau Professorin Werberger,

in diesem Jahr haben Sie gemeinsam mit Kolleg:innen der Universität Potsdam und des Forum Transregionale Studien in Berlin ein großes Drittmittelprojekt beim Bundesministerium für Bildung und Forschung zum Thema „Europäische Zeiten (European Times, kurz: EUTIM)“ eingeworben. Können Sie kurz zusammenfassen, worum es in diesem Projekt geht?
 
Das Projekt „Europäische Zeiten“ oder „European Times – A Transregional Approach to the Societies of Central and Eastern Europe (EUTIM)“ wird in der Programmlinie Area Studies des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Es befasst sich mit Narrativen und Wissensordnungen in Europa, die eine zeitliche Heterogenität aufweisen. Wir gehen zunächst von unterschiedlichen Erfahrungen in den Gesellschaften Mittel- und Osteuropas aus und fragen uns, wie jeweils Alt und Neu, Ost und West, Tradition und Innovation, Kulturelles und Politisches etc. konzeptualisiert werden. Im ersten Jahr haben wir uns im Forschungsschwerpunkt deswegen zunächst grundlegend spezifische Wissenschaftskulturen im 20. Jahrhundert angeschaut und zeitlich verschobene Rezeptionsprozesse und Vorstellungen über eine wissenschaftliche Avantgarde untersucht. Nächstes Jahr stehen die „Kleinen Kulturen“ als mitteleuropäisches Konzept und 2023 die Unterschiede zwischen Internationalismus und Kosmopolitismus im Zentrum.  Wir untersuchen generell kulturelle Phänomene der Ungleichzeitigkeit im Hinblick auf Dynamiken der Enteuropäisierung und Europäisierung und gehen deswegen bei unseren historischen Untersuchungen meist von Gegenwartsproblemen aus, wie z.B. Einstellungen zur Migration.
Das Projekt hat dabei zwei strukturelle Schwerpunkte: Zum einen sollen mit den Wissenschaftler:innen aus den beteiligten Institutionen sowie den assoziierten Fellows neue Erkenntnisse zu europäischen Entwicklungsdynamiken und deren Akteur:innen und Verortungen gewonnen werden. Zum anderen konzentriert sich das Projekt, in dem auch zwei Forschungsgruppenleiter und sechs Doktorand:innen forschen, auf die Förderung und Vernetzung des akademische Nachwuchses.
Mir persönlich ist auch wichtig, dass wir im Projekt die Osteuropaforschung 30 Jahre nach Ende des Kalten Krieges in den Blick nehmen, indem wir neue Theorien, Begriffe und Ansätze generieren, die bestimmte Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa für die Gegenwart besser beschreiben können. Wir hoffen aber auch, dass wir uns in der Zukunft von der strengen Ost-West-Dichotomie lösen können, die die Forschung seit 70 Jahren bestimmt. Vor allem der Blick auf die Zwischenkriegszeit zeigte bei der letzten Tagung schon die vielen gemeinsamen Bezugspunkte in der Wissenschaftstheorie auf, die aber eben zu ganz unterschiedlichen Zeiten wirksam wurden.
 
Worauf begründet sich Ihrer Meinung nach der Erfolg Ihres Projektantrags?

Ein Quäntchen Glück ist bei Anträgen immer dabei, aber wahrscheinlich begründet sich der Erfolg von EUTIM zunächst darauf, dass ein neuer methodischer Ansatz mit einer aktuellen gesellschaftlichen Herausforderung in Europa zusammenkommt: Der einschlägige, aber wissenschaftlich noch frische Begriff „Ungleichzeitigkeit“ wird auf bestehende europäische Verwerfungen zwischen Ost und West angewendet. Darüber hinaus war der Frankfurter Standort für das Thema wichtig: Ein Mittel- und Osteuropathema an der Viadrina ist am richtigen Platz und adressierte die Förderlinie „Area Studies“ deswegen auf besondere Weise. Wir haben uns über die Entscheidung des BMBF aber besonders gefreut, denn das Interesse an „Osteuropa“ ist bei den Förderinstitutionen nicht mehr selbstverständlich, da man aktuell lieber Projekte im Bereich der Nord-Süd-Achse (Stichwort „Global South“) fördert. Diese Verschiebung von Förderinteressen ist für uns als Universität mit dem besonderen Gründungsauftrag nicht immer einfach, dabei sieht man ja am Thema Belarus und Migration, wie verschränkt solche Themen mittlerweile sein können.
Weitere wichtige positive Punkte waren sicherlich der Schwerpunkt auf Nachwuchsforschung, d.h. die meisten Gelder gehen in die Förderung von jungen Forscher:innen, die in einem Forschungsfeld promovieren und habilitieren, das deutlich schrumpft und Nachwuchsprobleme hat. Wir haben deswegen auch versucht, aktuelle Postdocs und Kolleg:innen aus der Viadrina zu integrieren. Und ich denke, wir haben ein Forum geschaffen, in dem man sich eben als Slawistin, Osteuropaforscher oder Migrationsforscherin über sehr spezifische Themen in einem kundigen Kreis austauschen kann. Zuletzt haben wir uns als Forscher:innen und Wissenschaftskommunikator:innen an drei Förderstandorten (Viadrina, Uni Potsdam und Forum transregionale Studien) gut ergänzt und es ist nicht das erste Projekt, das wir zusammen aufgestellt haben. Wir besitzen eine hohe Glaubwürdigkeit bei der Zusammenarbeit – das gemeinsame, von der Hochschulrektorenkonferenz geförderte Projekt im Rahmen des „Kleine Fächer“-Programms 2019 oder das von Andrii Portnov initiierte Projekt „Prisma Ukraina“ am Forum nenne ich hier stellvertretend.
 
Wir wünschen uns an der Viadrina natürlich mehr von derartigen Erfolgsgeschichten. Was kann die Universität Ihrer Meinung nach tun, um Forschende in dieser Hinsicht besser zu unterstützen?
 
Mehr strukturelle Planung für größere Projekte wäre mein Rat. Das kostet nicht mehr Geld, aber mehr Zeit und Überlegung. Das wird nicht überall auf Gegenliebe stoßen, da wir die Einzelforschung an den Professuren aufgrund unserer Struktur sehr lieben und die Fakultäten sehr unterschiedlich forschen. Gelder und Hilfsangebote an Einzelpersonen allein reichen aber meines Erachtens nicht aus, um von der Einzelförderung und kurzfristigen Erfolgen wegzukommen – wenn man das denn möchte. Um die Drittmittelförderung nachhaltiger zu machen, muss man strategischer planen, denn der Geldmarkt der Incentives wird das nicht alleine regeln. Sichtbarkeit in der Forschung können nur größere Projekte, Verbundprojekte oder prestigereiche Förderlinien erreichen. Ein Beispiel für Strategie:  Wenn wir gemeinsam überlegen würden, welche Förderprogramme überhaupt für die Viadrina geeignet sind, haben wir schon einen ersten Schritt getan. Das sollte man nicht ganz dem Zufall überlassen.
Ich bin aber grundsätzlich sehr dankbar für die Hilfe aus dem Forschungsreferat. Wir haben an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät zusätzlich noch kleine fakultäre Forschungsstrukturen aufgebaut, so dass nur wenige Lücken existieren. Die Abrechnung von großen Projekten bleibt eine Herausforderung, die einige abschreckt, aber ich finde, bei den Incentives und der Hilfe hat sich in den letzten Jahren wirklich viel getan.
Vielleicht noch ein Wort zu der Interdisziplinarität, die immer eine Art Zauberwort im Kontext unserer Einzelforschung ist. Ich bin hier etwas nüchterner in Bezug auf die interdisziplinäre Forschung, denn zu avancierte und riskante Projekte haben es in meiner Erfahrung nicht leicht. Interdisziplinäre oder gar transdisziplinäre Projekte haben nur bei ganz wenigen Antragsformaten überhaupt eine Chance, da der Begutachtungsprozess meist noch disziplinär ist und nur Gutachten summiert. Eine gute Mischung aus Bekanntem und Neuem, Disziplinärem und Interdisziplinärem überzeugt die meisten Gutachter:innen mehr als Projekte, die einen völlig radikalen Ansatz vorweisen. Riskantes Denken ist vielleicht noch immer einfacher ohne Anträge in den Sozial- und Geisteswissenschaften, obwohl es ja auch Förderlinien gibt, die „Ungewöhnliches“ oder „Noch-nicht-Wissen“ fördern möchten. Sehr wichtig ist es, dass man Fördergeber, Förderstrukturen, Gutachter:innen und ihre Förderinteressen jeweils sehr gut kennt. Man muss wissen, wer begutachtet, aus welchen Töpfen die Gelder kommen, welche Etappen der Begutachtung es gibt etc. Hier brauchen wir noch mehr Aufklärung.
 
Wissenschaftler:innen in der Qualifizierungsphase müssen sich heutzutage in einem sehr kompetitiven Umfeld behaupten. Haben Sie einen Ratschlag für Wissenschaftler:innen in der Qualifizierungsphase an der Viadrina im Hinblick auf eine sinnvolle Karriereplanung?
 
Neben den üblichen Ratschlägen zu Netzwerken, Mentoring, kontinuierlicher Beteiligung an Tagungen, einer überlegten Publikationsstrategie oder Methoden- und Theoriebewusstsein wäre mein Rat für Wissenschaftler:innen in der Qualifizierungsphase, dass man sich nicht nur an der eigenen Uni orientiert, sondern sich die Aufstellung seines Faches insb. an den Volluniversitäten anschaut. Hier muss man wirklich versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen und seine Position im Fach zu reflektieren, um zu erkennen, wo die eigenen Schwächen und Stärken liegen.
Ein weiterer Tipp wäre auch, dass man sorgsam auf die Unterschiede zwischen Forschungslogik und Institutionenlogik insbesondere an deutschsprachigen Universitäten achtet. Wir haben hier Selbstverwaltung an staatlichen Hochschulen und das unterscheidet uns von vielen Wissenschaftskulturen. Ein Thema, das bei einem Drittmittelantrag gelobt wird oder ein stringenter, aber enger Fokus auf eigene Forschungsthemen kann für eine Bewerbung eher hinderlich sein. Das Thema ist dann plötzlich zu exotisch für das neue Institut oder man hat zu wenig Erfahrung bei der Breite in der Lehre. Bei der Forschung sucht man eine Kollegin oder einen Kollegen mit kühnen Gedanken und toller Methode, aber bei Berufungen sucht man oft jemanden, der auch ein Standardseminar im Fach unterrichten kann, der jedes Semester eine Überblicksvorlesung hält, bei der Gremienarbeit ausdauernd hilft oder Kontakte in den Fachverband hat. Die Projektkultur verhindert oft eine unverstellte Sicht auf die vielfältigen Anforderungen bei Berufungen.

Wir danken Ihnen herzlich für die Beantwortung der Fragen!