Michał Borun
Michal Borun lebt in einem der reichsten Länder der Welt. In Norwegens Hauptstadt Oslo arbeitet er in Supermärkten als Kassierer oder er räumt Regale ein. An den Wochenenden trägt er – je nach Auftragslage – Zeitungen aus. In einer Mensa arbeitet Borun als Tellerwäscher. Er sagt, ihm gefalle sein Leben als Zeitarbeiter. Der aus Stettin stammende Wirtschafts- und Kulturwissenschaftler kann sich nicht vorstellen, bis zur Rente ein und derselben Arbeit nachzugehen, ihm gefällt die Abwechslung.
Angesichts zweier Studienabschlüsse und vieler Berufserfahrungen scheint Borun für die Arbeit als Tellerwäscher und Zeitungsausträger überqualifiziert: Sein Abitur legte er in Deutschland, in Gartz (Uckermark) ab, um 1997 an die Viadrina zu gehen. „Die Uni war für uns damals das Tor nach Deutschland“, erinnert er sich. Borun studierte an der Viadrina Kulturwissenschaften, hängte aber auch noch ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Stettin und der Informatik in Słubice an.
Praxis-Erfahrungen sammelte er als Assistent in Werbeagentur, als Buchhändler, als Praktikant beim Schulpsychologischen Dienst, als Hilfskraft an der Universität, Barkeeper und als Aushilfe bei einem Tür- und Fensterreparaturservice. Er hat auch diverse Zertifikate vorzuweisen. Michal Borun ist etwa Gruppenleiter beim Pfadfinderverband, Versicherungsagent und hat eine Pressesprecherschulung absolviert. Doch trotz alledem findet er die jetzige Tätigkeit angemessen. „Im Supermarkt muss ich durchaus kalkulieren und logisch denken können“, betont Borun. Er hält die Arbeit an der „Basis“ für ehrlicher als eine abgehobene Bürotätigkeit mit Kollegen, die „glauben, sie können alles, nur weil sie studiert haben“.
„Ich lebe jetzt in Harmonie“, sagt der 31-Jährige. In Stettin, wo er nach dem Studium mit einem eigenen Projektbüro Tourismuskonzepte entwickelte, sei das nicht der Fall gewesen. „Trotz harter Arbeit war es schwer, sich gegen etablierte Unternehmen durchzusetzen“, erinnert er sich. An Freizeit sei nicht zu denken gewesen. Nicht nur der Wunsch nach mehr Freizeit hat den 31-Jährigen im vergangenen Jahr nach Norwegen geführt. Borun will in möglichst kurzer Zeit viel Geld verdienen, um Kreditrückstände abzuzahlen.
Auf Dauer will er aber nicht in Norwegen bleiben. In etwa ein bis zwei Jahren rechnet er mit einer Rückkehr in die Heimat: „Ich kann mir vorstellen, später einmal in einer Hotelrezeption an der Ostsee zu arbeiten.“

