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Schreiben als spreche man nicht selbst

Über die Schwierigkeit von Studierenden sich in Bezug zu ihren Schreibaufgaben zu setzen

 

 

In diesem Essay beschäftigte ich mich mit einer Beobachtung aus Seminaren mit autonomen Schreibgruppen: Studierende haben ein Bedürfnis danach, auf eine Art und Weise zu schreiben, die sie selbst als "persönlich" bezeichnen. Dieses "persönliche" Schreiben entpuppt sich bei genauerer Betrachtung weniger als ein bekenntnisartiges Schreiben. Vielmehr ist es der Wunsch danach, im Text eine Verbindung zwischen dem Autor und seinem Gegenstand sichtbar werden zu lassen. Möglicherweise ist diese fehlende Verbindung eine der Ursachen für die Formulierungsschwierigkeiten von Studierenden in akademischen Texten.

Dieser Verbindung widmet sich auch der "Voice"-Diskurs in der angloamerikanischen Schreibdidaktik, der kurz skizziert wird. Daran anschließend frage ich mich, ob und wie es deutschen Studierenden möglich wäre, eine solche Verbindung in ihren Texten herzustellen.

 

 

1 Einleitung

 

Im Wintersemester 2002 hielt ich als Lehrbeauftragte mein erstes Seminar an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Es hieß "Wissenschaftliches Schreiben für KulturwissenschaftlerInnen" und sollte im Verlauf eines Semesters an Hand praktischer Übungen Schritt für Schritt vermitteln, wie man eine Hausarbeit schreibt.

Ich kam als Externe an diese Universität, nachdem ich zuvor elf Jahre lang Schreiben im außeruniversitären Bereich unterrichtet hatte. Sehr bald merkte ich, dass mein gewohnter Unterrichtsstil an der Universität an seine Grenzen stieß: die Studierenden wirkten passiv, sie scheuten sich, einander ihre in den Übungen entstandenen Texte vorzulesen, und ich hatte zuweilen das Gefühl, dass sie zwar brav ihre Pflicht erfüllten, mehr aber auch nicht. Ich vermisste ein Sich-einlassen auf Schreibprozesse, ein heuristisches Lernen, die Überraschung über mittels Schreiben gemachter Entdeckungen.

Die entstandenen Hausarbeiten entsprachen den Erwartungen, sie waren gut, teils sehr gut in Inhalt und Gliederung, sie bezogen sich auf Fachtexte, die Zitate waren in der Regel ordnungsgemäß gekennzeichnet und alle verwendete Literatur wurde im Anhang aufgeführt. Dennoch hatte ich den Eindruck, nicht Schreiben vermittelt zu haben, sondern ein Abarbeiten bestimmter Schritte und Techniken. Die Sprache in den Hausarbeiten wirkte zum Teil hölzern. Es dominierten Nominalstil, passive Satzkonstruktionen und Schachtelsätze, obwohl wir im Seminar besprochen hatten, dass diese Stilmittel für sich genommen kein Kriterium für Wissenschaftlichkeit sind. Insgesamt entstand der Eindruck, den Studierenden läge sehr daran, den Sprachstil vieler deutschsprachiger Fachtexte zu imitieren. Die Entwicklung einer eigenen Schreibweise war nicht zu erkennen. Da ich auch mit dem Einsatz verschiedener hochschuldidaktischer Methoden nicht das Gefühl hatte, Begeisterung für das Schreiben wecken zu können, entstand schließlich die Idee, eine ganz andere Seminarform auszuprobieren.

Bei meinen Überlegungen für ein anderes Seminarkonzept ging es mir zunächst vor allem darum, die Studierenden möglichst viel schreiben zu lassen. Sie sollten Schreiben in verschiedenen Varianten erfahren und dabei die Verantwortung für ihre Schreibprozesse selbst übernehmen. Ich wollte sie wegbewegen von ihrer passiven Lernhaltung. Sie sollten merken: Schreiben lerne ich nicht, indem mir jemand sagt wie man es macht, sondern nur indem ich es ausprobiere.

Diese Ziele führten zu der Idee, das Seminar in autonomen Schreibgruppen stattfinden zu lassen. Der Begriff orientiert sich an der Bezeichnung "autonomous writing groups" nach Anne Ruggles Gere. Kennzeichen solcher Gruppen sind die freiwillige Konstitution, eine gleiche Verteilung von Autorität unter den Mitgliedern, eine Vertrauensbasis innerhalb der Gruppe und eine Lokalisierung außerhalb universitärer Klassenräume (Gere 1987: 101)1.

Konkret bedeutet meine Konzeption autonomer Schreibgruppen an der Universität Folgendes: Die Studierenden treffen sich das ganze Semester über ohne Dozentin in einer festen Kleingruppe. Im Mittelpunkt der Gruppentreffen stehen Schreibaufgaben, die mit Hilfe verschiedenster Impulse, Regeln und Methoden sofort gelöst werden müssen - das Schreiben kann also nicht verschoben oder vermieden werden. Die Gruppen werden nach vorheriger Absprache mit der Dozentin von den Studierenden vorbereitet und moderiert, die Gruppentreffen anschließend in reflexiven Protokollen ausgewertet. Erst am Semesterende werden die Texte der Dozentin präsentiert. Die Studierenden sind frei in der Auswahl ihrer Methoden, Themen und Genres, d.h. sie arbeiten nicht nur ohne Dozentin, sondern auch ohne festen Lehrplan2.

 

Nach acht Semestern, in denen ich auf der Grundlage dieses Konzepts Schreibseminare an der Viadrina gegeben habe, kann ich festhalten, dass meine Ziele in vielerlei Hinsicht erfüllt wurden: Die Studierenden schreiben viel, sie lernen es, sich über ihre Texte auszutauschen und sie sind mehrheitlich begeistert und mit viel Eigenverantwortung bei der Sache.

Auffällig ist jedoch, dass die Autonomie der Studierenden in der Regel dazu führt, dass sie sich vom Schreiben wissenschaftlicher Texte weg bewegen. Statt dessen werden die von mir vorgegebenen Methoden in anderen Genres erprobt. Es lassen sich viele Gründe dafür benennen, warum die Studierenden lieber Geschichten, Gedichte und autobiografische Texte schreiben als expositorische Textsorten wie z.B. Essays. Und es gibt viele gute Argumente dafür, dass gerade das Schreiben der von den Studierenden gewählten Textsorten Kompetenzen aufbaut, die wiederum für wissenschaftliches Schreiben und Arbeiten wichtig sind. An dieser Stelle soll es jedoch speziell um einen Aspekt gehen: Um die Frage, was es bedeutet, dass den Studierenden ein Schreiben wichtig ist, das sie als "persönliches Schreiben" bezeichnen.

 

 

2 Schreiben als spreche man nicht selbst

 

Das oben skizzierte Seminar habe ich in einer qualitativen Studie untersucht (Girgensohn 2007). Auf der Basis von Interviews, Gruppendiskussionen und studentischen Texten bin ich der Frage nachgegangen, was aus Sicht der Studierenden wesentlich ist an dem neuen Seminarkonzept und was förderliche und hinderliche Bedingungen für das Schreiben Lernen sind3.

Auf eine dieser Bedürfnisse gehe ich im Folgenden genauer ein: das Bedürfnis, in Texten die schreibende Person sichtbar zu machen. Viele Studierende betonten, wie "persönlich" ihre im Rahmen des Seminars geschriebenen Texte seien. Daraufhin erwartete ich bekenntnisartige Texte und dachte, ich würde mit intimen Tagebuchaufzeichnungen konfrontiert werden - was nicht der Fall war. Was also meinten die Studierenden mit "persönlichen Texten"? Um das zu verstehen, musste ich den Kontext mit einbeziehen, in dem die Studierenden sich bewegen: die Universität.

In den Interviews hatte ich auch nach dem studentischen Universitätsalltag gefragt. Bei Betrachtung dieser Äußerungen wird deutlich, dass es in den Seminaren oft eher zu einer Präsentation von abrufbarem Wissen kommt, als zu Gesprächen, die Wissen gemeinsam entwickeln. Wolf Wagner beschreibt dieses Phänomen als "Uni-Angst" (Wagner 2002). Etliche der von mir befragten Studierenden berichteten, dass sie sich wenig oder gar nicht an Seminardiskussionen beteiligen, weil sie befürchten, dafür nicht genug zu wissen. Das Wissen, das in den Seminaren verhandelt wird, ist offenbar ein anderes Wissen als das, was die Studierenden nach gut zwanzig Jahren Lebenserfahrung mit an die Universität bringen. Was hier aus Sicht der Studierenden zählt, sind allein die in Fachbüchern festgehaltenen Wissensbestände. Mein Eindruck ist, dass die Studierenden versuchen, sich dieses Wissen anzulesen, ohne es mit ihrem eigenen Weltwissen und ihren persönlichen Erfahrungen in Verbindung zu bringen.

Ähnlich ist es beim Schreiben wissenschaftlicher Hausarbeiten oder Essays: auch hier vermeiden es die Studierenden, ihre eigenen Erfahrungen einzubringen. Wissenschaftliche Arbeiten müssten nach Aussagen der Studierenden "abstrakt" und "unpersönlich" sein. Wissenschaftlichkeit besteht aus studentischer Perspektive explizit aus "möglichst viel Theorie". Die eigene Person scheint ausgeschlossen zu werden aus dieser Theorie. Schreiben an der Universität bedeutet, so zu schreiben, als schreibe man nicht selbst. Offenbar soll auf diese Weise die Abstraktion erreicht werden, die sie mit Wissenschaftlichkeit verbinden. So berichtet eine Studentin, sie schreibe ihre Arbeiten so "wissenschaftlich", dass sie sie am Ende selbst nicht mehr verstehe.

 

Der von den Studierenden wahrgenommene Kontrast zwischen ihren Schreib- und Lernerfahrungen in anderen Universitätsseminaren und denen im autonomen Seminar könnte also eine Erklärung dafür sein, weshalb sie ihre Texte als "persönlich" wahrnehmen. Sie schreiben in den autonomen Gruppen Texte, in denen sie eigene Ideen und Meinungen ausdrücken und müssen dabei nicht so tun, als seien sie gar nicht beteiligt.

 

Bestätigt wird diese Beobachtung auch durch die Wertschätzung, die die Studierenden besonders solchen in der Gruppe entstandenen Texten entgegen bringen, die Rückschlüsse auf die Autorin zulassen. Sie schätzen Texte, die authentisch wirken, wie der folgende Interviewausschnitt zeigt4:

 

"(...) die Hälfte hat ganz sachliche Nachrufe, wie sie in der Zeitung stehen würden. Herr X schreibt über Professor Y oder so. Und die anderen waren wirklich so -. Also Lilian zum Beispiel, die hat nen Text geschrieben, der ganz beeindruckend war. Also da waren alle so'n bisschen schhhh danach, so'n bisschen mitgenommen, irgendwie. Und das war eben aus `ner persönlichen Erfahrung heraus, das hat sie uns dann auch gesagt. Und da ist man dann immer beeindruckt, bei den anderen sagt man so, ganz nett, aber... (lachen)"

 

Lilian hat anscheinend einen Text geschrieben, der die anderen in der Gruppe berührte. Sie konnten merken, dass Lilian eigene Erfahrungen in ihren Nachruf eingebracht hat. Und sie waren beeindruckt von Lilians Bereitschaft, diese Erfahrungen mitzuteilen, sich selbst in ihren Text einzubringen.

 

Ich fasse zusammen: die Studierenden schätzen es, Texte zu schreiben, in denen sie persönliche Erfahrungen und daraus resultierendes Weltwissen einbringen können und sie schätzen es, solche Texte zu lesen. Zugespitzt kann man sagen, dass sie ein Bedürfnis danach haben, jedoch davon ausgehen, dass sie dies in wissenschaftlichen Texten nicht tun dürfen. Ich frage mich, ob hier ein Zusammenhang besteht zu der eingangs festgehaltenen Beobachtung, dass studentische Hausarbeiten oft ungelenk und hölzern klingen. Die Ursache ist vielleicht weniger mangelnde Ausdrucksfähigkeit als vielmehr ein gestörter Ausdruck - gestört durch das Bemühen, Hinweise auf die schreibende Person zu vermeiden.

 

In der angloamerikanischen Schreibforschung haben sich Schreiblehrende bereits vor dreißig Jahren mit ähnlichen Beobachtungen beschäftigt. Auch dort hat man sich nach den Ursachen für ungelenke Texte gefragt. Dabei wurde deutlich, dass viele Studierende Texte ausschließlich für den Professor oder die Professorin schrieben und nicht, weil sie selbst etwas ausdrücken wollten. Es fehlte eine innere Motivation und damit auch der Bezug zur eigenen Person. Davon ausgehend entwickelten sich die "expressionistic rhetoric" und schließlich der "Voice"-Diskurs, die ich im Folgenden kurz skizzieren möchte, bevor ich auf das Schreiben an deutschen Universitäten zurückkomme.

 

 

 

1 Gere geht auf Grund dieser Kennzeichen allerdings davon aus, dass es innerhalb des Universitätssystems keine autonomen Gruppen geben könne. Ich nutze den Begriff trotzdem, da die Schreibgruppen an der EUV die o.a. Kennzeichen erfüllen.

2 Ausführlich dazu: Girgensohn 2006

3 Als wichtigstes Ergebnis wurde deutlich, dass der soziale Kontext, in dem das Schreiben geübt wird, für die Studierenden sehr wichtig ist. Die vertraute, feste Gruppe ist ein Rahmen, in dem es ihnen möglich ist, sich auf Schreibaufgaben einzulassen und sich dabei an ihren eigenen Lernbedürfnissen zu orientieren.

4 Der Ausschnitt bezieht sich auf eine Schreibaufgabe, die die Studierenden sich selbst gestellt hatten. Es ging darum, einen Nachruf zu verfassen.